Von Caroline Roblitschka

Baoquanli - Die respektvolle Begrüßung

Baoquanli – Die respektvolle Begrüßung

Die Niederschrift der „Zehn Verbote für den Kampfkünstler“ (Xi wu shi jin 习武十禁) wird dem Shaolin-Mönch Jue Yuan 觉远 zugeschrieben, der gegen Ende der Südlichen Song-Dynastie (1126–1279) gelebt haben soll. In den chinesischen Quellen heißt es, Jue Yuan habe sich damals einen Namen als großer Meister der chinesischen Kampfkünste gemacht und im Shaolin-Kloster die Mönche in der Kampfkunst unterrichtet. Seine Aufzeichnungen wurden zum ersten Mal im Jahr 1915 in dem Werk „Geheime Techniken der Shaolin Kampfkunst“ (Shaolinquan shu mijue 少林拳术秘诀) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, dabei finden sich auch folgende Erläuterungen der „Zehn Verbote“.

Shaolin Statue_online

Die zehn Verbote für den Kampfkünstler

1. Verrat am Meister (yijin panshi 一禁叛师)

2. Abschweifendes Denken (erjin yisi 二禁异思)

3. Dummes Gerede (sanjin wangyan 三禁妄言)

4. Oberflächliche Künste (sijin fuyi 四禁浮艺)

5. Rauben und Stehlen (wujin daojie 五禁盗劫)

6. Den eignen Stil als den besten anpreisen (liujin kuangmen 六禁狂门)

7. Fehlende kindliche Pietät (qijin buxiao 七禁不孝)

8. Sich kaiserlichen Befehlen widersetzen (bajin kangzhao 八禁抗诏)

9. Schwache drangsalieren (jiujin qiruo 九禁欺弱)

10. Alkohol und Ausschweifungen (shijin jiuyin 十禁酒淫)

Der wichtigste inhaltliche Aspekt der „Zehn Verbote“ ist, den Schüler zu lehren, den Meister zu ehren und ihn nicht zu verraten.

Unter der Anweisung des Meisters richtet der Schüler sein ganzes Herz auf die Übung aus. Dabei darf er nicht nachlässig sein oder sich ablenken lassen, sondern soll mit festem Willen nach dem Erfolg streben.

In all seinem Tun und im Umgang mit seinen Mitmenschen soll der Schüler aufrichtig und loyal sein und darf niemals lügen.

In der Kampfkunst soll man sich unentwegt verbessern und den Fortschritt anstreben; man darf nicht auf halbem Wege aufgeben.

Im gesellschaftlichen Leben soll man sich streng an die Gesetze des Landes und die Regeln des Hauses halten. Man darf andere nicht ausnützen und niemanden bestehlen.

Man soll sich ehrerbietig gegenüber seinem Meister verhalten, sich mit den älteren und jüngeren Mitschülern zusammenschließen, den Ruf der eigenen Schule schützen, sich um den Nutzen der eigenen Schule kümmern und nichts tun, was der eigenen Schule schaden würde.

Im Tempel soll man sich respektvoll gegenüber den altehrwürdigen Mönchen und in der Gesellschaft gegenüber den Älteren verhalten. In der Familie soll man gegenüber Vater und Mutter gehorsam sein.

Im gesellschaftlichen Leben soll man patriotisch sein und sich loyal gegenüber dem Staat und der Gemeinschaft verhalten. Ist der Staat in Schwierigkeiten, hat man jederzeit dem Ruf des Staates zu folgen, soll sich zum Schutz und Aufbau des Staates selbst opfern und darf sich keinesfalls den Weisungen des Staates entziehen oder widersetzen.

Im gesellschaftlichen Leben gilt es die Alten zu ehren, den Kindern zu helfen und liebevoll für die Frauen zu sorgen. Die Älteren und Schwachen und die Frauen und Kinder dürfen nicht ausgenutzt oder schikaniert werden. Man muss moralische Integrität besitzen und gleichermaßen alle gewalttätigen, grausamen Mächte und Verbrecher bekämpfen. Es ist verboten, Frauen mit anzüglichen Bemerkungen zu belästigen und sie zu vergewaltigen.

Auch darf man keinen Alkohol trinken und ganz besonders darf man nicht in angetrunkenem Zustand Unruhe stiften.

Die oben genannten zehn Verbote waren in der alten Zeit die Regularien der Kampfkunsttugend. Sie mögen weder vollständig noch systematisch sein, und doch listen sie die grundlegenden Tugenden auf, denen der edle Kämpfer folgen sollte.

Copyright 2012, Dong Wei

Copyright 2012, Dong Wei

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts sagte der damalige Abt des Shaolin-Klosters, der berühmte große Kampfmönch Zhen Xu:

Wude, die Kampfkunsttugend, ist die Basis für den edlen Kämpfer. Diejenigen, die sich in den Kämpfen üben, müssen zuerst die Tugenden kultivieren. Wer keine Tugenden hat, bleibt ein simpler Tölpel. Mit lächelndem Gesicht begegnet man denen, die einen betrügen wollen; man darf niemals zuerst zuschlagen. Die Kampfkünste dienen dazu, die Menschen im Land zu beschützen. Mit Hilfe der Kampfkunsttechniken können bösartige Menschen bestraft werden. Doch die Techniken anzuwenden, um Böses zu tun, heißt, das Herz des Meisters tief zu verletzen und sich als seiner unwürdig zu erweisen.“

Übersetzung aus dem Chinesischen: WenWu-Redaktion