Anmerkungen zum Jahr des Pferdes

Von Irmgard Enzinger

Pferde-Karte 2014

Mit dem chinesischen Neujahrstag am 31. Januar 2014 beginnt nach dem traditionellen Mondkalender das Jahr jiǎ wǔ 甲午. Der Volksmund nennt es ein Jahr des Pferdes; das Pferd wird in diesem Jahr von der Wandlungsphase Holz regiert. Den vielen, in ihren Grundzügen oft ähnlichen Erwartungen und Befürchtungen, die von mehr oder weniger berufenen Horoskop-Spezialisten an dieses Jahr herangetragen werden, liegen bestimmte Zuschreibungen zu Grunde, welche der Himmelsstamm jiǎ und der Erdzweig  wǔ im alten chinesischen Weltverständnis erfahren haben. Diesen Zuschreibungen und der Frage nach den hier relevanten Wesenszügen des Pferdes widmet sich dieser Artikel.

Yin und Yang und die fünf Wandlungsphasen

Das Pferd verkörpert unter den so genannten zwölf Erdzweigen dìzhǐ 地址 den Erdzweig . bezeichnet in der alten Zählung nach Doppelstunden die Mittagszeit zwischen 11 und 1 Uhr; noch heute heißt der Mittag auf Chinesisch zhōngwǔ 中午, „Mitt-“. Von der Lehre von Yīn 阴 und Yáng 阳 und den fünf Wandlungsphasen wǔ xíng 五行 aus betrachtet entspricht der Wandlungsphase Feuer, und dieses Feuer zeigt sich nun in seinem Yáng-Aspekt. Feuer deutet auf die sich ausbreitende Hitze des Sommers und auf die mittags im Süden stehende Sonne hin.

Nun werden in allen möglichen Lebensbereichen Initiative, Bewegung, Schnelligkeit, Kommunikation und Offenheit, also typisch „männliche“ Wesenszüge, Raum greifen und den Takt der Zeit bestimmen.

Dieses  Yáng-Feuer des Erdzweigs wǔ trifft im Jahr jiǎ wǔ auf den Himmelsstamm jiǎ. Man spricht von einem Jahr des Holz-Pferdes, dajiǎ der Wandlungsphase Holz angehört. Dieses Holz tritt im Himmelsstamm jiǎ ebenfalls in seinem Yáng-Aspekt auf. Holz versinnbildlicht als Wandlungsphase große Aufbruchs- und Initiativkräfte, dementsprechend werden der Frühling oder die aufgehende Sonne bzw. der Osten mit dem Holz assoziiert. Es entspricht dem jungen, ungestümen Yáng. Das Feuer wiederum ist Ausdruck des höchsten, in seiner Macht voll entfalteten Yáng. Dass im Jahr jiǎ wǔ das Holz des Himmelsstamms jiǎ als Yáng-Holz auftritt und das Feuer des Erdzweigs als Yáng-Feuer, dass also, in anderen Worten, das junge wie das höchste Yáng jeweils einen zusätzlichen Yáng-Aspekt tragen, lässt ein Jahr mit extrem ausgeprägten Yáng-Qualitäten erwarten. Nun werden in allen möglichen Lebensbereichen Initiative, Bewegung, Schnelligkeit, Kommunikation und Offenheit, also typisch „männliche“ Wesenszüge, Raum greifen und den Takt der Zeit bestimmen. Kraftvolles, dynamisches und entschlossenes Auftreten ist angesagt, und es dürfte eine Fülle von mitreißenden Impulsen verschiedenster Art geben. Dagegen werden es die „weiblichen“ Kräfte des Empfangens, der Ruhe und des Bewahrens wohl umso schwerer haben sich zu behaupten, der Raum für Stille und Innenschau umso rarer und kostbarer werden.

Buch der Wandlungen

Yijing

Als ein wichtiger Schlüssel, um verschiedene Qualitäten von Zeit zu erfassen und nutzbar zu machen, galt im alten China das „Buch der Wandlungen“ (Yìjīng 易经). Dieser im Deutschen auch als I-Ging bekannte Klassiker ist weit mehr als ein bloßes Orakelbuch. Seine Tri- und Hexagramme bildeten vielfältig anwendbare Konzepte zur situativen Beschreibung des Weltgeschehens im Großen wie im Kleinen. Sie bildeten ein Deutungssystem, das im Rahmen der han-zeitlichen Entsprechungslehren mit anderen Konzepten wie den „zwölf Himmelsstämmen und zehn Erdzweigen“ zusammengeführt werden konnten. Dabei entspannen sich zwischen den Systemen ganze Netze gegenseitiger Bedeutungsbezüge, welche eine Vielzahl gegenseitiger Zuschreibungen ermöglichten. Nicht zuletzt für das Verständnis der weit ins Altertum reichenden „Himmelsstämme und Erdzweige“ sind diese Zuschreibungen eine willkommene Bereicherung. Denn dieses System operiert mit Begriffen, die bereits in der Han-Zeit nicht mehr sehr verständlich waren und eine Art von Geheimwissen der Geomanten und Wahrsager bildeten.

„Wu ist der fünfte Monat, wenn Yin-Qi dem Yang zuwiderläuft und aus der Erde hervorbricht.

Auch der bildliche Gehalt der die „Himmelsstämme und Erdzweige“ bezeichnenden Schriftzeichen war stellenweise schon damals nicht mehr erschließbar. So lässt sich Xǔ Shèn 许慎 in seinem 121 n. Chr. dem Thron vorgelegten etymologischen Wörterbuch Shuōwén jiězì 说文解字 über die Bildbedeutung des Zeichens gar nicht erst weiter aus. Er erklärt es einfach mit dem seltenen, gleichlautenden Zeichen 啎, welches „zuwiderlaufen“ bedeutet und 午 als Radikal enthält. Das „Zuwiderlaufen“ ist am Erdzweig laut Xǔ Shèn das Entscheidende, denn: „ ist der fünfte Monat, wenn Yīn-Qì 阴气 dem Yáng 阳 zuwiderläuft und aus der Erde hervorbricht.“ (Übers.: I.E.)

bezieht sich als Emblem des Sommers also genau auf den fünften Monat des chinesischen Kalenders, in dem, zumindest auf der Nordhalbkugel, die Sonne am Tag der Sommersonnenwende ihren höchsten Stand erreicht hat. Auch wenn der klimatische Höhepunkt des Sommers, die Zeit der „kleinen“ xiǎo shǔ 小暑 und „großen Sommerhitze“ dà shǔ 大暑, erst einen Monat später eintreten wird, beginnt jetzt bereits im astronomischen Sinn das Winterhalbjahr, denn nun werden die Tage wieder kürzer.  Diesen Augenblick drückt das „Buch der Wandlungen“ auf einleuchtende Weise im Hexagramm Nr. 44 Gòu 姤, dem „Entgegenkommen“ aus.

Hexagramme Tabelle
Das Jahr der Schlange wird traditionell durch das Hexagramm „der Himmel“ Qián 乾 beschrieben, das durch sechs ungebrochene, harte Linien die volle Kraft des Yáng veranschaulicht. Dieser extreme Überhang des Harten ruft im Jahr des Pferdes das Auftreten der Yīn-Gegenkräfte hervor. Sie bilden sich in der durchbrochenen, weichen Linie ab, die im Hexagramm Gòu von unten auf den Plan tritt. Hierin zeigt sich das kaum wahrnehmbare Auftreten des Yīn-Qì an, das nun unaufhaltsam und stetig anzuwachsen verspricht, bis schließlich im Hexagramm Kūn 坤 die durchbrochenen Linien das Bild völlig bestimmen und die winterliche Alleinherrschaft des Yīn verkünden werden.

Man sollte jetzt nicht vergessen, auch die Yīn-Aspekte des Lebens ausreichend wahrzunehmen und ihnen den nötigen Raum zu gewähren.

Die Beschreibung des Erdzweigs  durch das Hexagramm Gòu ermöglicht also eine etwas differenziertere Betrachtung der auffälligen Yáng-Lastigkeit des Pferde-Jahres: Während es sich hier nach außen hin dominant männlich zeigt, verbirgt es tief im Inneren den Keim weiblicher Yīn-Kräfte, welche letztlich den zukunftweisenden Aspekt dieses Jahres darstellen. Wenn es also zweifellos angemessen ist, die lebhaften, abwechslungsreichen,  feurigen und rasanten  Yáng-Impulse des Pferde-Jahres aufzunehmen, sich von ihnen mitreißen zu lassen und sich an ihnen zu erfreuen, enthält das Hexagramm Gòu doch diesen deutlichen Hinweis auf das aufkeimende Yīn-Qì, das in der Tiefe noch kaum sichtbar, für den regulären Fortgang des Geschehens aber essentiell ist. Insofern sollte man jetzt nicht vergessen, auch die Yīn-Aspekte des Lebens ausreichend wahrzunehmen und ihnen den nötigen Raum zu gewähren. Dementsprechend wird von Horoskop-Spezialisten oftmals angemahnt, sich um der eigenen Lebenskraft willen im Pferdejahr auch ausreichende Ruhepausen zu gönnen und Momente der Stille zu suchen. Dabei ist nicht zuletzt zu bedenken, dass das Herz, das Speicherorgan von Feuer-Qì,  als Sitz des Geistes gilt. Er kann sich hier aber nur verankern, wenn das Herz entsprechend „leer“ werden kann, das heißt, wenn Gedanken und Emotionen zur Ruhe kommen können.

Die Frau, die im Jahr des Pferdes geboren wurde, ist stark. Man soll sie nicht heiraten.

Um die inneren Yīn-Kräfte zu schützen, ist nun also eine gewisse „Wachsamkeit“ (狗 Gǒu) gefordert, wie es der anders lautende Name dieses Hexagramms im Mǎwángduī–Kommentar (马王堆) des „Buchs der Wandlungen“ anmahnt (vgl. D. Hertzer). Diese Wachsamkeit erhielt im alten patriarchalen Denken freilich eine besondere Note. Das sich von unten in das Himmels-Hexagramm „einschleichende“ Yīn wurde im Orakelwesen mit der zu verhindernden Machtübernahme durch eine Frau assoziiert: „Die Frau ist stark. Man soll sie  nicht heiraten“, warnt der Kommentar. Zwar wurde diese „starke Frau“ oft als Hinweis auf einen männlichen, von einer Yīn-Position aus agierenden Usurpator interpretiert, man nahm sie aber, gerade mit Blick auf Geburten im Erdzweig , auch wörtlich. In China und den benachbarten ostasiatischen Ländern soll zuweilen bis heute noch die Auffassung herrschen, dass man in einem Pferde-Jahr besser kein Mädchen zur Welt bringen sollte; es sei später zu schwer zu verheiraten. Die Skepsis gilt insbesondere Frauen des Tierkreiszeichens Feuer-Pferd, die von Männern am schwersten zu kontrollieren seien.

Vermutlich ist das patriarchale Misstrauen gegenüber Pferde-Frauen nicht nur auf die Yīn-Linie im Hexagramm Gòu zurückzuführen, sondern zugleich auf die überaus stark ausgeprägten Yáng-Qualitäten und den feurigen Charakter dieses Tierkreiszeichens. Der Yìjīng-Kommentar „Über die Trigramme“  Shuō guà 说挂 ordnet das Pferd dem Trigramm Qián 乾 zu, das der Ausdruck des Himmels und damit des männlichen Herrschaftsprinzips schlechthin ist. Im Rind kommt hingegen das weibliche Element, ausgedrückt durch das  Trigramm Kūn 坤, zum Tragen.

Tiere

Acht Tiere als Ausdruck der Acht Trigramme

Pferdeleben

Wenn der Shuō-guà-Kommentar das Pferd dem Himmel und das Rind der Erde zuweist, markiert er damit implizit einen starken charakterlichen Kontrast dieser beiden starken Reit- und Zugtiere. Anders als das geduldig und ausdauernd auf dem Feld arbeitende Rind ist das Pferd schnell, unstet und hitzig; es galt im alten China auch als zu kostbar, um den Pflug zu ziehen.  Auch wenn sie als Reitpferd oder vor dem Pferdewagen ihre Dienste tun, bleibt der innere Drang dieser Tiere nach Freiheit noch spürbar. Das daoistische Werk Zhuāngzǐ 庄子 (ab 4. Jh. v. Chr.), das sich im Interesse an einer vom Menschen unverfälschten Natur immer wieder auch auf individuelle Besonderheiten von Tierarten bezieht, schildert im Kapitel „Pferdehufe“ Mǎtí 马蹄 mit spürbarer Begeisterung die „wahre Natur der Pferde“ mǎ zhī zhēn xìng 马之真性 :

„Pferde können mit ihren Hufen auf Reif und Schnee treten, ihr Fell kann Wind und Kälte widerstehen. Sie fressen Gras und trinken Wasser. Sie heben ihre Läufe und springen umher. (…) Wenn sie sich freuen, kreuzen sie die Hälse und reiben sich aneinander, und wenn sie wütend sind, kehren sie einander den Hintern zu und schlagen aus.“ (Übers.: I.E.)

Pferde verfügen als freilebende Tiere bei Wind und Wetter über große Widerstandskraft, sie sind von beeindruckender Schnelligkeit und Beweglichkeit. Mühelos finden sie ihre schlichte, frische Nahrung in der freien Natur. Ihren Gefühlen verleihen sie unmittelbar und offenherzig Ausdruck, uneingeschränkt von den menschlichen Verhaltensnormen. Darin besteht ihre Integrität, und daraus beziehen sie ihre Stärke und Unbefangenheit. Dabei werden sie als gesellige Wesen beschrieben, deren Beziehungen in ihrer Emotionalität sehr lebendig sind.

Dieses Wesen entfalten sie allerdings nur in der Weitläufigkeit ihres natürlichen Lebensraums; sie büßen es ein, wenn sie vom Menschen mit Brandzeichen versehen, an Mähne und Hufen beschnitten und mit Zaumzeug und Fesseln eingeengt werden:

„Spannt man sie aber an die Deichsel und zwingt sie unters Joch, dann lernen die Pferde scheu umherblicken, den Hals verdrehen, bocken, dem Zaum ausweichen und die Zügel heimlich durchbeißen.“ (Übers.: R. Wilhelm)

Die Beschädigung ihrer „wahren Natur“ bezahlen sie mit der Veränderung ihres Wesens, dem Verlust ihrer Offenheit und Integrität, der Abnahme an Lebenskraft und schließlich oft genug mit einem frühen Tod.

Es ist auffällig, wie gut diese Charakterisierung des Pferdes zu den obigen Beschreibungen passt. Feuer bzw. das höchste Yáng strebt nach Ausdehnung und Offenheit, der Himmel bildet einen Raum der Größe, Weite und ungehinderten Beweglichkeit. Einer solchen Natur muss jede Form von Enge und von Unterordnung widerstreben und mit all ihren Folgen Einengung  und Unterdrückung bedeuten.

Nicht-ganz-ernst-gemeint

Die Freiheit der Pferde findet auch in China seit wohl 5000 Jahren ihren größten Feind in den Begehrlichkeiten, die ihre Schönheit und Stärke bei den Menschen weckt. Ihre vornehmliche Bedeutung hatte die Pferdehaltung im alten China für das Kriegswesen. Nicht umsonst war es die Anzahl ihrer Viergespanne, nach der man in der Zeit vor Gründung des Kaiserreichs die Bedeutung der damals konkurrierenden Staaten zu beziffern pflegte. Die andauernde Bedrohung durch Nomadenvölker aus dem Norden, die sich nicht nur im Krieg, sondern auch im Alltag vielfach zu Pferde fortbewegten, führte in China nicht nur zum Mauerbau, sondern erforderte durch alle Zeiten hindurch einen beständigen Nachschub an Pferden. Die Chinesen waren in der Pferdezucht nicht ausreichend erfolgreich, und so bildeten Pferde eine wichtige Importware. Innerhalb des Reiches waren Reitpferde die Grundlage des hocheffektiven kaiserlichen Kurierdienstes.

Pferde waren damit machtpolitisch von Bedeutung, und der Blick auf sie von der Suche nach kostbaren „Tausendmeilenpferden“ qiānlǐ mǎ 千里马 bestimmt. Welches Pferd in seinen Diensten schließlich am meisten Robustheit, Schnelligkeit und Durchhaltevermögen zeigen würde, war das Spezialwissen von Pferdephysiognomen, die vom Körperbau der Pferde auf ihr Wesen schließen konnten. Bólè 伯乐 (Ehrenname des Sūn Yáng 孙阳, 7. Jh. v.Chr.) war der berühmteste von ihnen. Er ist bis heute durch das Sprichwort bekannt:  „Bólè beurteilt Pferde“ Bólè xiàng mǎ 伯乐相马, das man auf Leute bezieht, die verborgene Talente zu erkennen vermögen. Und auch vom „Tausendmeilenpferd“ spricht man immer noch, als gebräuchlichem Synonym für einen außergewöhnlich begabten Menschen. Als Inbegriff der Fähigkeit, für den eigenen Stall bzw. für den zu besetzenden Posten „Tausendmeilenpferde“ auf dem Markt zu identifizieren, ist Bólè eine in zahlreichen alten Texten gepriesene Figur. Nur das von Zhuāng Zǐs daoistischer Weltsicht geprägte Kapitel „Pferdehufe“ kann sich diesem Lob nicht anschließen und betrachtet es als Bólès Verbrechen, „dass die Intelligenz von Pferden so weit gebracht werden konnte, sich am allgemeinen Raub zu beteiligen.“ (Übers: I.E.) Das Profitstreben des Menschen entreißt Pferde ihrer natürlichen Umgebung, es verletzt ihre Natur und zerstört schließlich auch die Reinheit ihrer Absicht und ihr offenes Wesen.

Glück und Unglück

Pferdedeko
Aus welcher Perspektive man das Pferdejahr auch immer beleuchtet, immer trifft man auf eine ähnliche Thematik: Freiheit und Ungebundenheit, Vitalität und Spontaneität, Freude an Geselligkeit und emotionale Offenheit. Im Horoskop des Pferdegeborenen oder des Pferdejahres stellt sich die Frage nach Konsequenzen dieser Thematik für das konkrete individuelle Lebensglück, sei es im Bereich des Berufs, der Gesundheit oder von Liebe und Freundschaft. Im Einzelnen sind hier Horoskop-Spezialisten gefragt, denn sie können sich unter zusätzlicher Einbeziehung von Stunde, Tag und Monat der Geburt oder des fraglichen Augenblicks ein genaueres Bild einer Situation machen.

Und doch kann das Pferd an dieser Stelle etwas Grundsätzliches zur menschlichen Hoffnung auf Glück beitragen, vermittelt durch das chinesische Sprichwort: „Der Alte von der Grenze verliert sein Pferd“, sàiwēng shī mǎ  塞翁失马. Es spielt auf eine Geschichte an, die Liú Ān 刘安 im Kapitel „Unterweisung im zwischenmenschlichen Leben“ Rénjiān xùn 人间训 seines 139 v. Chr. vorgelegten Werkes Huáinánzǐ 淮南子 erstmals erzählt hat und die über große Bekanntheit verfügt:

„Glück und Unglück wenden sich und bringen einander hervor, und ihr Wandel ist nur schwer sichtbar. Es lebte unter den Leuten im Grenzgebiet einmal ein Mann, der Vater war und sich gut mit den Zahlen (zur Wahrsagung) auskannte. Einmal entlief ihm unversehens ein Pferd und verschwand in das Gebiet der Nordbarbaren. Alle Leute drückten ihm ihr Bedauern darüber aus. Er aber sagte: „Was soll mich dazu nötigen, das nicht für ein Glück zu halten?“ Und nach mehreren Monaten kam sein Pferd wieder zurück und brachte ein kostbares Pferd aus dem Besitz der Barbaren mit sich. Hierzu beglückwünschten ihn alle Leute. Daraufhin sagte er: „Was soll mich dazu nötigen, das für ein Glück zu halten?“ Seine Familie war reich an edlen Pferden, die sein Sohn zu reiten liebte.  Doch dieser stürzte und brach sich das Bein, worüber dem Vater  alle anderen ihr Bedauern ausdrückten. Er aber sagte: „Was soll mich dazu nötigen, das nicht für ein Glück zu halten?“ Nach einem Jahr starteten die Barbaren einen großen Angriff. Also griffen alle Gesunden und Kräftigen an der Grenze zu den Waffen und zogen in den Kampf, und von zehn Mann fanden neun den Tod. Allein wegen des Hinkebeines des Sohnes blieben der Vater wie der Sohn verschont. Glück bedeutet also Unglück, Unglück bedeutet Glück, in einer Transformation, die ohne Ende, und in einer Tiefe, die unermesslich ist.“ (Übers.: I.E.)

Interessanter Weise beschreibt Liú Ān den glücklichen Ausgang dieser Geschichte nicht als Ergebnis der Wahrsagekunst des Alten. Er hebt vielmehr die Unmöglichkeit hervor, Glück oder Unglück überhaupt zu bestimmen.  Der unergründliche und stetige Wandel der Dinge entlarvt die Frage von Glück und Unglück als Schauplatz sinnloser, weil immer zu kurz greifender Wertungen. Was gut oder nicht gut, was von Vor- oder von Nachteil ist, lässt sich nicht einmal dann feststellen, wenn es passiert. Vor dem Hintergrund der Philosophie Zhuāng Zǐs erweisen sich diese Wertungen zudem als Ausdruck geistiger Enge, als Ergebnis jenes Nützlichkeitsdenkens und Profitstrebens, deren traurige Auswirkungen auf die Pferdenatur das Kapitel „Pferdehufe“ beklagt. Das geglückte Leben des „Alten von der Grenze“ war das Ergebnis seines gelassenen Herzens. Dass sein entlaufenes Pferd aus freien Stücken zu ihm wiederkehrte, spricht zugleich von einer Form der Pferdehaltung, welche die wahre Natur der Pferde versteht und nicht zu brechen braucht. Sein Umgang mit Pferden verweist einmal mehr auf die große Bedeutung eines offenen, urteilsfreien Herzens, für das die Lebhaftigkeit eines Pferdejahres keine Bedrohung darstellen muss, sondern Freude an Abwechslung und Abenteuer verspricht.

Literaturhinweise
Hertzer, Dominique (Übers.): Das Mawangdui-Yijing, Text und Deutung. München 1996
Wilhelm, Richard (Übers.): I GING. Das Buch der Wandlungen. München 1974
Kubny, Manfred: Traditioneller chinesischer Mondkalender. Heidelberg 2000