Von Irmgard Enzinger

Mit dem 18. Februar 2015 beginnt im chinesischen Mondkalender ein Jahr der Ziegen und Schafe. Denn beide, Schafe wie Ziegen, heißen auf Chinesisch yang 羊 und gehören zur gleichen Tierfamilie. Modern und biologisch gesprochen benennt das Zeichen yang 羊 innerhalb der Familie der Hornträger die gesamte Unterfamilie der ziegenartigen Tiere, und zu diesen zählen neben den Ziegen shanyang 山羊 eben auch alle Schafe mianyang 绵羊  und nicht zuletzt auch die Steinböcke yuanyang 羱羊.

Yang 羊 ist im chinesischen Tierkreis die populäre Bezeichnung des Erdzweiges wei 未, unter dessen Zeichen dieses Jahr im Mondkalender steht.

Entwicklung des Schriftzeichens yang 羊 (Schaf, Ziege):  Orakelkochen-, Bronze- und Siegelschrift

Entwicklung des Schriftzeichens yang 羊 (Schaf, Ziege):
Orakelkochen-, Bronze- und Siegelschrift

Schon seit mindestens zehntausend Jahren werden Ziegen und Schafe vom Menschen als Nutztiere gehalten. Manchmal bilden sie dabei auch gemischte Herden, denn die beiden Arten kommen gut miteinander aus. Bis heute wärmen sie den Menschen mit ihrer Wolle, ernähren ihn mit ihrem Fleisch und stärken ihn mit ihrer Milch. Wie in vielen Kulturen waren Schafe und Ziegen im alten China als Opfertiere von großer Bedeutung. Im Opfer verbinden sie die Menschen mit dem Göttlichen und verhelfen ihnen zu Unterstützung und Segen aus der Anderswelt.

Jahr der Ziege

Ein paar Worte zum chinesischen Horoskop

Die zwölf Tiere des chinesischen Tierkreises, alias „zwölf Erdzweige“, beschreiben einen Zyklus, der, nicht anders als die „fünf Elemente“ bzw. „fünf Wandlungsphasen“ wu xing 五行, auf sich wiederholenden Erfahrungen innerhalb des Tages- und des Jahresablaufs basiert, also auf der Wahrnehmung regelmäßig wiederkehrender Zeitqualitäten.

Liefern hier die fünf Wandlungsphasen Wasser, Holz, Feuer, Erde und Metall einen Ausdruck der Tages- oder Jahreszeiten, so ermöglichen die zwölf Erdzweige oder Horoskop-Tiere eine genauere Differenzierung der Zeit nach Doppelstunden bzw. Monaten. Die altchinesische Zeitmessung findet diesen Fünfer- und Zwölfer-Zyklen in der Aneinanderreihung von Tagen und Jahren wieder und schreibt ihnen die aus dem Tages- und Jahreskreis bekannten Qi 气-Qualitäten zu.

Weil Zeit und Raum der Menschenwelt als Zusammenspiel von Himmel und Erde aufgefasst wird, verläuft parallel zum Kreis der zwölf Erdzweige ein Kreis von zehn Himmelsstämmen (= zwei mal fünf Wandlungsphasen).

Wie in der westlichen Astrologie wird der Geburtszeitpunkt des Menschen als bestimmend für seine charakterlichen Anlagen gesehen. Dabei gilt jedoch in China zunächst das Jahr als ausschlaggebend; Monat, Tag und Stunde sind ihm nachgeordnet, werden aber bei der genaueren Analyse ebenso betrachtet.

Erde

Das Ziegenjahr in seinem Element

Wei oder die Ziege gehört im chinesischen Horoskop immer der Erde an. Die Erde ist das Element der Mitte, sie wirkt auf alle anderen Elemente unterstützend, trägt und nährt sie und bewirkt ihre Transformation. Da der Erdzweig Wei im Süden angesiedelt ist, kann man sich die in der Mitte gelegene Erde hier als zum Süden hin geneigte Erde vorstellen.

Ziegen und Schafe zeigen Charakterzüge, die der Wandlungsphase Erde angehören, sie wirken ruhig, geduldig, ausgeglichen und freundlich. Manchmal freilich geraten Böcke mit den Hörnern aneinander. Der Mensch muss sich nicht vor ihnen fürchten.

Betrachtet man den Einfluss des Himmels, d.h. der „Himmelsstämme“, in diesem Jahr, so müsste sich die Ziege 2015 relativ aufgeweckt zeigen, da dieses Jahr unter dem Einfluss des Himmelstamms yi 乙 steht. In diesem Himmelsstamm wirkt das Holz-Element mit seinen vitalen Frühlingskräften, ganz so, wie es auch im letzten Jahr des Holz-Pferdes der Fall war. Freilich handelt es sich in diesem Ziegenjahr nun nicht mehr um das lebhafte Yang 阳-Holz des vergangenen Jahres, sondern um das kühlere 阴 Yin-Holz. Das heißt, dass die frühlingshaften Yang-Impulse in diesem Jahr mit etwas mehr Zurückhaltung und mit geringerer Vehemenz auftreten sollten.

 

Bergziegen

Das Ziegenjahr und das Buch der Wandlungen: „Unter dem Himmel gibt es Berge“

Neben den fünf Wandlungshasen bietet das Yijing 易经, das schon von Konfuzius zum Klassiker erhobene „Buch der Wandlungen“, einen bewährten Zugang zum Verständnis der zwölf Erdzweige. Das Yijing beschreibt in 64 Hexagrammen (aus jeweils sechs übereinanderliegenden Linien) die Welt als Wachsen und Schwinden von Hart und Weich. Wie die folgende Abbildung zeigt, verkörpern zwölf dieser Hexagramme in ihrer Zuordnung zu den zwölf Erdzweigen bzw. Tierkreiszeichen einen Zyklus, in welchem das Harte (Yang) immer weiter zunimmt und schließlich wieder abnimmt, das Weiche (Yin) zu wachsen beginnt, u.s.w.

 

Die zwölf Erdzweige und zwölf Hexagramme des Yijing

Die zwölf Erdzweige und zwölf Hexagramme des Yijing

Der Kreis beginnt mit der Ratte, die im Hexagramm 24 Fu 复: die Wiederkehr, den Wiedereintritt der Yang-Kräfte als eine harte unter fünf weichen Linien verkörpert. Hier herrscht tiefster Winter, die tiefste Nacht bzw. man befindet sich im äußersten Norden. Im Büffel, Tiger, Hasen und Drachen setzt sich dann das Yang-Qi 阳气 immer weiter durch, bis hin zur Schlange, die als Hexagramm 1 Qian 乾: der Himmel, aus sechs ungebrochenen, harten Linien besteht. Inmitten der größten Wärme des Sommers, des Mittags oder des Südens, keimt dann im Pferd, dem Hexagramm 44 Gou 姤: dem Entgegenkommen, die Welt des Yin wieder auf; als unterste, durchbrochene Linie ist es von außen (=oben) noch nicht gut erkennbar. Wie sollte man auch im fröhlichen, selbstvergessenen Pferdegalopp daran denken mögen, dass der Sommer seinem Ende zugeht und dass es bald kalt und unwirtlich werden wird?

So ist es dann an den Ziegen und Schafen, sich vom Sommer abzukehren und den Übergang zum Herbst zu vollziehen. Der Herbst erfordert ein Umdenken: Nun gilt es, die Früchte der Erde zu ernten und zu sammeln. Um sich auf den Winter vorzubereiten, darf man nun seine Lebenskraft nicht mehr achtlos verschwenden: Nun heißt es, Kräfte sammeln und den Blick nach innen wenden.

Das Yijing markiert diesen Moment mit dem Hexagramm 33 Dun 遁: dem Rückzug. Es zeigt einen Berg (Trigramm Gen 艮) unter dem Himmel (Trigramm Qian 乾).

Unter dem Himmel gibt es Berge: Rückzug (Dun 遁). So hält sich der Edle von kleingesinnten Menschen fern, nicht aus Abscheu, sondern aus Ernsthaftigkeit.

 

Xiang Shengmo Invitation to Reclusion

Das Zeichen Dun benennt, auch noch im modernen Chinesischen, einen Rückzug. Dabei kann gemeint sein, dass jemand gezwungenermaßen vor etwas fliehen muss, aber auch, dass man sich freiwillig und bewusst, also „aus Ernsthaftigkeit“, von der Gesellschaft in die Einsiedelei begibt. Gebildete Chinesen erleben seit alters her die Berge als idealen Ort, um sich in der Abgeschiedenheit der Selbstkultivierung zu widmen. Wer in die Berge geht, kehrt dem Streben nach Reichtum, Ansehen und Einfluss den Rücken zu und sucht ein einfaches Leben in Stille.

Der Bergwanderer geht hoch hinauf, um dem Himmel nahe zu sein. Auf dem Gipfel angelangt, ist der Himmel immer noch unerreichbar. Im Blick zurück ins Tal macht sich Alltagswelt der Menschen nun auf einmal sehr klein aus. Der Berg lehrt den Wanderer Bescheidenheit und Achtsamkeit. Er macht Himmel und Erde als den großen Zusammenhang erfahrbar, der das ganze Dasein des Menschen umfasst, ihn trägt und nährt und der Ursprung und Heimat seiner geistigen Kräfte ist.

 

Ziegen und Schafe in den Bergen

In der Abgeschiedenheit der Berge befreien sich Körper und Geist von den Fesseln des zermürbenden Soziallebens, der Mensch kann hier die Muße finden, sich der Meditation und den Künsten zu widmen. Er verzichtet auf Zerstreuung und findet stille Freuden und inneren Frieden. Fern vom Lärm der Menschenwelt wendet er sich nach innen und kann sich mit dem Göttlichen verbinden.

Die Nahrung in den Bergen ist schlicht, aber von bester Qualität: Pilze und wilde Kräuter sind hier besonders aromatisch und zudem von hohem gesundheitlichen Wert. So bilden Berge einen wirkkräftigen Arzneigarten, eine große, lebendige Apotheke. Kräutersude, Nahrung und Tee können hier mit bestem Quellwasser zubereitet werden. Die Luft ist sauber und klar.

 

Der Schäfer Su Wu

Es lag wohl nahe, das lebende Pendant des Rückzugs bzw. des Erdzweigs Wei in den Ziegen und Schafen zu finden. Diese Tiere sind Überlebenskünstler, zu Hause in den unwirtlichen Steppen des Nordens wie in der unwegsamen und kargen Berglandschaft, die mit der Steppe vieles gemein hat. Wo Bergziegen noch reichlich Nahrung finden, würden die meisten anderen Tiere keinen Fuß auf den Boden bringen, geschweige denn satt werden. Die Genügsamkeit der Ziegen und Schafe ist geradezu sprichwörtlich. Dabei sind sie wahre Feinschmecker: Sie wissen sehr wohl, wo, halb verdeckt von Steinen und Felsen, besonders aromatische Kräuter wachsen. Bergziegen und Steinböcke springen mit Leichtigkeit über Stock und Stein, um diese seltenen Leckerbissen zu genießen. Von ihnen hat die Kräuterheilkunde sicher viel gelernt.

 

Das Leben erlangen: Da sheng 达生

Das große Thema der Zeit der Ziegen und Schafe ist also die Selbstkultivierung, also das Nähren der körperlichen und das Klären der geistigen Kräfte. Nach chinesischer Auffassung sind Körper und Geist in der Lebenskraft Qi so eng miteinander verbunden, dass beide nicht ohne einander kultiviert werden können. Die Lebenskraft lässt sich erst dann nachhaltig sammeln und speichern, wenn man das Ideal der Vollständigkeit (quan 全) verfolgt.

Von alters her ist der Mensch als Hüter der Schafe und Ziegen bemüht, seine Herde vollständig zu halten. Das Zeichen yang 羊für Schaf oder Ziege bildet den Bedeutungsbestandteil des chinesischen Schriftzeichens für die Herde qun 群. „Schafe lieben die Herde von Natur aus“, erläutert bereits ein han-zeitlicher Etymologe dieses Schriftzeichen. Viele chinesische Klassiker und Sprichwörter sprechen von verlaufenen oder gestohlenen Schafen oder Ziegen und beklagen damit eine verlorene Vollständigkeit. Die Natur des Schafs oder der Ziege ist vollendet, wenn die Herde komplett ist. Dies denkt sich in der chinesischen Sprache noch etwas leichter, die meist keinen grammatikalischen Unterschied zwischen Singular und Plural macht.

 

Schafherde 2

Im Buch Zhuangzi 庄子 gibt es ein Kapitel namens Dasheng 达生, das sich der Aufgabe widmet, „Das Leben zu erlangen“ (dasheng). Hier heißt es:

Wer sich gut darauf versteht, sein Leben zu nähren, macht es so wie der Schafhirte: Er schaut darauf, ob Schafe hinten zurückbleiben, und treibt sie an.

Das heißt: Selbstkultivierung bedeutet „alle beisammen zu haben“. Die Zurückgebliebenen anzutreiben, heißt eben nicht in erster Linie auf seine Stärken zu setzen. Denn die Gefahr wäre dann, dass man etwas aus dem Auge verliert, genau da droht der Verlust. So erzählt das Kapitel Dasheng von einem in sich gekehrten Einsiedler, der vor lauter Innenschau einen Tiger übersah und aufgefressen wurde. Ebenso aber gab es da einen überaus rührigen, umtriebigen Mann, der in seiner Geschäftigkeit sein Inneres vergaß und so einem inneren Fieber erlag. Selbstkultivierung heißt also nicht darin zu glänzen, worin man von Natur und Neigung aus großartig ist. Es geht vielmehr um einen achtsamen Blick auf die eigenen Schwächen und darum, ihnen immer mal wieder Beine zu machen. Über den Erfolg entscheidet also der Umgang mit Schwäche. Die Vollkommenheit des Weisen liegt nicht in Spitzenleistungen, sondern in der Vollständigkeit.

 

Einsiedler

Sinnlichkeit und Schönheit

Wer im Zeichen des Schafs geboren ist, schätzt, so sagt man, den Wohlgenuss, hat Sinn für Ästhetik und führt vielleicht ein Künstlerleben. Der Ziegenmonat, der sechste Monat im Mondkalender, im gregorianischen Kalender unterschiedlich auf Juli/August fallend, verspricht ja schließlich auch den Wohlgeschmack der nun reif gewordenen Früchte der Erde.

So erläutert das han-zeitliche etymologische Wörterbuch Shuowen jiezi 说文解字 den Ziegen-Erdzweig Wei mithilfe eines gleichlautenden Wortes, das auch noch fast gleich geschrieben wird:

[Der Erdzweig] Wei 未 bedeutet Geschmack (wei 味). Es ist der Geschmack des sechsten Monats. Im Rahmen der fünf Wandlungsphasen bedeutet Wei, dass nun das Holz mu 木 alt wird. Das Zeichen Wei 未 symbolisiert einen Baum mit schweren Zweigen und Blättern.

Der Geschmack (wei 味) zeigt als Schriftzeichen den Erdzweig Wei 未 und setzt vor ihn den Bedeutungsbestandteil „Mund“ kou 口. Das Essen ist in China ein Kulturthema sondergleichen: „Für das Volk ist das Essen das Paradies!“ Min yi shi wei tian 民以食为天, heißt ein berühmtes Sprichwort. Es umfasst die das ganze Glück von der Speisung des Hungrigen bis hin zur traumhaften Vielfalt chinesischer Kulinarik, die nicht nur den Mund, sondern auch das Auge erfreut und dabei immer die Vollständigkeit der Farben und Geschmacksempfindungen im Blick hat.

Guter Geschmack von Essen heißt auf Chinesisch: „schöner Geschmack“ mei wei 美味 , und die Schönheit (mei 美) trägt in ihrem Zeichen nicht zufällig ein Bild von Schaf und Ziege:

 

Entwicklung des Schriftzeichens mei 美 (schön, Schönheit): Orakel-, Bronze- und Siegelschrift

Entwicklung des Schriftzeichens mei 美 (schön, Schönheit):
Orakel-, Bronze- und Siegelschrift

Das Schriftzeichen mei 美 (schön, Schönheit) zeigt eine Kombination von da 大, „groß“ und yang 羊 “Schaf“ oder „Ziege“: Dieses wohlgefällige Tier, und das noch in Groß, das ist Schönheit!

Ältere Versionen dieses Zeichens deuten jedoch auf ein anderes Bild: Sie zeigen meist, wie hier abgebildet, eine menschliche Figur, die stattliche Hörner als Kopfschmuck trägt. Diese Form von Schönheit hat etwas Mächtiges und wird als Auftritt eines Schamanen gedeutet. Er hat sich Hörner aufgesetzt, um die Kraft eines gehörnten Tiergeistes zu beschwören. In diesem Zeichen liegt also das Wissen, dass hinter Schönheit noch Größeres verborgen sein dürfte als gute Geschmackserlebnisse, schöne Farben und wohllautende Töne. Der Rückzug des Edlen in die Berge, der Weg der Selbstkultivierung und Lebenspflege, das Sich-Öffnen für die Schönheit und die Kunst: Sie sind im umfassendsten Sinne ein Weg der geistigen Kräfte des Herzens, die sich mit der verborgenen Welt des kosmischen Geistes verbinden wollen. Der Rückzug im Jahr des Schafes könnte eine spannende Reise nach Innen werden.