Von Caroline Roblitschka und Andrea Stocken

Grandmaster_Poster

Ein spektakulärer Kampf im Stil von „Einer gegen Alle“, ästhetisch und bildgewaltig choreographiert, und die Botschaft, dass es sich beim Kungfu nur um die Frage dreht, ob „waagrecht“ oder „senkrecht“ – wer zuletzt noch steht, hat gewonnen, egal welcher der Kampfkünste er sich dabei bedient.

Diese erste Szene von Wong Kar Wais neuestem Film The Grandmaster (一代宗师 Yī dài zōng shī) macht bereits klar, dass man hier keine tiefgründigen philosophischen Betrachtungen zu erwarten hat, und ebenso schließt der Film auch, ähnlich einem Werbespot, mit der Frage „Was ist dein Stil?“

Die Grundidee, die Lebensgeschichte eines der wichtigsten chinesischen Kampfkünstler des 20. Jahrhunderts, Yip Man (hochchinesisch: Ye Wen, gespielt von Tony Leung), Großmeister des Wing Chun-Stils (hochchinesisch: Yongchunquan), verwoben mit der durchaus ereignisreichen chinesischen Geschichte der 30er bis 50er Jahre zu zeigen, ist durchaus reizvoll. So klingt auch in den Dialogen an, dass die schwierigste Aufgabe in der Kampfkunst ist, die Widrigkeiten des Lebens zu meistern und dass es – parallel zur Überwindung der Rivalitäten zwischen nördlichen und südlichen Kampfstilen – darum geht, das durch die Invasion der Japaner und durch den Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Nationalisten zerrissene China wieder zu vereinen. Der abtrünnige Meisterschüler Ma San, dem von Meister Gong das Xingyiquan vererbt wurde, (gespielt von Zhang Jin), schließt sich praktischerweise als Kollaborateur den japanischen Feinden an.

Massenkampfszenen wechseln sich ab mit Dialogen, die meist nur Andeutung bleiben: in ein paar Szenen geht es um Yip Man, dann um Gong Er (gespielt von Zhang Ziyi), die Tochter des Altmeisters Gong Baosen (gespielt von Wang Qingxiang) und Erbin der „64 Hände“ des Baguazhang-Stils. Und wie eine Erscheinung taucht hier und da der Mann wieder auf, dem Gong Er bei einer Zugfahrt begegnet ist, und den sie vor den Japanern gerettet hat, mit dem sie aber im Verlauf des Filmes kein einziges Wort wechselt: Chang Chen (gespielt von Yi Xiantian), auch als „Der Rasierer“ bekannt und Meister des Bajiquan.

Jeder darf seine Kampfkunst zur Schau stellen, meist in sehr dekorativem Ambiente, das mit schöner Regelmäßigkeit durch die stattfindenden Kämpfe ramponiert wird.

Zur Staffage gehören auch fast alle weiblichen Figuren außer die der Gong Er: Sie stehen oder sitzen adrett gekleidet herum oder schreiten elegant Treppen hinauf und hinunter. Es wirkt so, als sollten alte Postkarten aus jener Zeit nachgestellt werden. Nur einmal zeigt eine dieser Frauen einige Bewegungen aus dem Baguazhang.

Für Kenner der Kampfkünste wird schnell klar, dass es bei der hier erzählten Geschichte weniger um wahre Begebenheiten als vielmehr um eine interessante fiktive Story geht. Große Meister des Bagua (wie Han Moxia und Jiang Rongjiao), Xingyi (wie Zhang Zhankui, Sun Lutang und Shang Yunxiang) und Baji (wie Ma Fengtu und Ma Yingtu) im China des letzten Jahrhunderts werden im Film gar nicht erwähnt, und auch dass die Großmeister der nördlichen und südlichen Stile in Südchina gegeneinander angetreten sein sollen, ist rein fiktiv. Die Geschichte um Yip Man (1893–1972), einen der wahren und auch größten Kungfu-Meister des 20. Jahrhunderts, entspricht am meisten den Tatsachen. Tony Leung soll sich mit einem vierjährigen intensiven Training im Wing Chun auf diese Rolle vorbereitet haben, was man an seiner Darstellung durchaus erkennen kann. Er brilliert in dieser Rolle. Der schönen Zhang Ziyi hingegen, der Muse von Wong Kar-Wai, mag man die Rolle der großen Bagua-Kämpferin nicht so recht abnehmen. Man fragt sich unweigerlich, warum nicht auch einmal eine echte Bagua-Meisterin aus China in so eine Rolle schlüpfen darf. In China gibt es fantastische Kampfkünstlerinnen und es ist ein wahrer Genuss diesen echten Bagua-Meisterinnen zuzuschauen. Bei dem, was das Bagua ausmacht – die schnellen Richtungswechsel, das viele Auf und Ab, die kraftvolle Eleganz und Geschmeidigkeit einer Schlange, der schnelle Wandel der Hände gepaart mit scharfen Augen gleichsam sprühender, glühender Sternschnuppen, die den Gegner verwirren sollen – stößt Zhang Ziyi an ihre Grenzen. Sie verharrt meist in der Position einer lediglich den Kampf nachahmenden Schauspielerin. Aus ihren schönen Augen mag der Funke nicht so recht überspringen.

Grandmaster_Zhang Ziyi

Am eindrucksvollsten sind aber nicht die harten Kampfszenen, auch nicht die Szene, in der sich Yip Man und Gong Er erstmals gegenübersitzen (warum dazu ausgerechnet ein „Stabat Mater“ als Hintergrundmusik läuft, erschließt sich den Zuschauern so gar nicht; eine witzige Idee dagegen ist es, zum Gruppenfoto der Friseure des Salons „Baimeigui“ das bekannte Lied „Meiguihua“ zu spielen) und ebenso wenig erscheinen die Passagen als besonders gefühlserregend, in denen sich die beiden während eines Zweikampfes ineinander verlieben und Gong Er viele Jahre später diese Liebe, die sich nie erfüllen kann, gegenüber Yip Man ausspricht. Die bewegendsten sind die eher stillen Szenen: Jene, als Altmeister Gong und Yip Man sich bei der Abschiedszeremonie gegenüberstehen und ihren Zweikampf, bei dem es um die Zukunft der Kampfkünste bzw. um die der Zeit angemessene Vision dieser Zukunft geht, fast ausschließlich in Gedanken ausfechten, und jene, in der sich gegen Ende des Films Gong Er an ihre Kindheit erinnert: Wie sie ihren Vater heimlich beim Üben von Baguazhang beobachtet, die Bewegungen nachahmt und schließlich von ihrem Vater unterwiesen wird.

Trotz der positiven Ansätze bleibt der Film aber letztlich unausgegoren, zumindest in der stark auf lediglich die Hälfte des Originals gekürzten Fassung, die hier in Deutschland gezeigt wird.

Fazit: Ein klein wenig Geschichte vermischt mit Fiktion, ein kurzer Blick auf verschiedene Kampfkunststile, ein bisschen unerfüllte Liebe, eine Mischung, die nicht so recht zündet, weil nichts so recht in Verbindung miteinander zu stehen scheint.

Man könnte Yip Man, Gong Er und Ma San auch so sehen: Ma San als den unreifen Kämpfer, dem es nur um Prestige und Macht geht und der sogar seinen Meister tötet; Gong Er als die edle Rächerin, die ihrem Gegner das väterliche Erbe wieder abringt ohne jedoch zum Äußersten zu gehen und ihn zu töten, die letztlich für ihre wilde Entschlossenheit, ihre Mission, einen hohen Preis zahlt, da sie dieses Erbe an niemanden weitergeben kann, das rechte Gleichgewicht nicht findet und früh stirbt; und Yip Man als denjenigen, der trotz der erlittenen Verluste die Mitte wahrt, bescheiden bleibt und, wenn ein Kampf sich partout nicht vermeiden lässt, dem Gegner zeigt, dass er ihn zwar töten könnte, es aber nicht tut.

Aber vielleicht ist es ja auch die von Gong Er in ihrem letzten Gespräch mit Yip Man ausgesprochene Botschaft, die den Film letztendlich doch sehenswert macht: „Wenn man gar nichts bereut im Leben, dann hat man etwas falsch gemacht. Ein jeder muss seinen eigenen Stil finden – Hauptsache, er meistert die Herausforderungen, die ihm im Laufe des Lebens begegnen, aus der richtigen Geisteshaltung heraus.“

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