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Tag Archives: Tuishou

Ausgewählte Taijiquan Bewegungen, Folge 3: Den Spatzenschwanz fangen – Lanquewei 揽雀尾

 

Von Anja Sommerer und Caroline Roblitschka

Copyright Caroline Roblitschka, Sha-Wushu-Schule, Kunming 2017

Die Bewegung Lanquewei ‚Den Spatzenschwanz fangen‘ vereint die vier grundlegenden Taiji-Arm-/Handtechniken „peng, lü, ji, an“ und zählt somit zu den wichtigsten Taiji-Bewegungen überhaupt. Daher ist sie in jedem Stil und nahezu jeder Form zu finden. Auch im Tuishou gehören peng 掤 (parieren), 捋 (herbeiziehen), ji 挤 (vordrängen) und an 按 (drücken) zu den wichtigsten grundlegenden Handtechniken. Mit cai 采 (nach unten ziehen, entwurzeln), lie 挒 (spalten), zhou 肘 (mit dem Ellenbogen stoβen) und kao 靠 (mit der Schulter stoβen) bilden sie die 8 Handtechniken des Taijiquan.

 

Die Bewegungsbeschreibung

 

Bei der Bewegungsbeschreibung haben wir uns am Yang-Stil orientiert. Wir stehen aufrecht, die Füße sind parallel und etwa hüftbreit voneinander entfernt. Das Gewicht auf das linke Bein verlagern, den Körper nach rechts drehen und mit der linken Hand oben einen Ball halten. Nun die rechte Ferse seitlich schräg nach rechts vorne aufsetzen. Während das Gewicht zu ca. 70 % auf das rechte Bein verlagert wird, werden die Hände aneinander vorbei gezogen, bis der rechte Unterarm in einer fast waagrechten Position vor dem Oberkörper auf Brust-/Schulterhöhe ist; die rechte Handfläche zeigt dabei nach innen zum Oberkörper hin (peng) und die linke Hand wird, mit der Handfläche nach unten, ca. 10 cm neben der linken Hüftseite positioniert. Um die Bewegungsfolge „den Spatzenschwanz fangen“ auszuführen, wird die linke Hand zur rechten Hand geführt, dabei dreht sich die linke Handfläche allmählich nach oben. Beide Arme werden nun schräg nach vorne gestreckt, die rechte Handfläche schaut dabei nach unten und die linke nach oben. Nun das Gewicht auf das hintere Bein verlagern und dabei die Hände nach unten zum Körper ziehen (). Dann die Hände vor dem Brustkorb kreuzen, wobei der rechte Handrücken nach außen und die linke Handfläche zur rechten Handfläche zeigen. Das Gewicht wieder auf das vordere Bein verlagern und dabei gleichzeitig die Hände und Unterarme nach vorne drücken (ji). Nun die Hände mit den Handflächen nach unten schulterbreit öffnen, das Gewicht wieder nach hinten verlagern und gleichzeitig mit den Handflächen nach unten eine bogenförmige Bewegung zum Bauch hin vollführen. Dann das Gewicht wieder nach vorne verlagern und gleichzeitig die Hände mit den Handflächen nach vorne diagonal von unten nach oben bis auf Schulterhöhe schieben (an). Im Anschluss die Bewegung zur anderen Seite hin wiederholen.

Zu den Techniken des Lanquewei

 

Peng (parieren) ist eine Bewegung, bei der der Arm in einer Bogenform von innen nach außen geführt wird. Peng bezeichnet nicht nur die Bewegung an sich, sondern vor allem auch die Art der Kraftführung. Ist die Bewegung zu ihrer Vollendung gekommen, so sammelt sich pengjin 掤劲 (die flexible Kraft) an der Außenseite des Unterarms und eignet sich vortrefflich, um sich gegen einen Angriff zu schützen oder den Gegner einfach aus dem Gleichgewicht zu bringen. Der Arm und mit ihm der ganze Körper sollen sich wie ein prall gefüllter Reifen anfühlen. Würde ein jemand auf diesen Reifen schlagen, gäbe dieser zwar im ersten Moment nach, gleich darauf würde der Angreifer aber durch die flexible Kraft zurückgestoßen. Im Tuishou kann die Peng-Bewegung sowohl als Abwehr- als auch als Angriffstechnik angewendet werden.

Die Körperlinien im Taijiquan sind nie ganz gerade. Das Runde oder auch die Bogenform in unseren Körpergliedern unterstützen den Aufbau der flexiblen Kraft. In China wird neben pengjin 掤劲 auch pengli 掤力 oder zhangli 张力 dazu gesagt, alle drei Begriffe stehen für die flexible Kraft, die es im Taijiquan zu entwickeln gilt. Sie ist auch vergleichbar mit der Kraft eines gespannten Bogens kurz vor Abschuss eines Pfeils. Da Taijiquan zu den so genannten „weichen“ Kampfkünsten zählt, wird diese Kraft nicht offen gezeigt; man spricht deshalb auch von mianli guozhen 绵里裹针, den in Watte gehüllten Eisennadeln, d.h. nach außen hin sanft, wohl wissend, dass man mit seinem pengjin dem Gegner gefährlich werden könnte (siehe dazu auch „Die wesentlichen Prinzipien des Wushu“ von Cai Longyun in WenWu 2/2009).

(herbeiziehen) ist eine Bewegung in der die Hände der Hüfte folgend weich und bogenförmig von außen nach innen und von schräg oben nach schräg unten geführt werden. Im Tuishou kann mit der -Bewegung gut auf die Peng-Bewegung des Gegners reagiert werden, indem man die Kraft des Gegners umleitet und ins Leere laufen lässt. Durch die Drehung der Hüfte, wird der Gegner beim am eigenen Körper vorbei schräg nach hinten geschleudert. Durch das wird der Gegner aus dem Gleichgewicht gebracht und seine Kraft kann so gegen ihn verwendet werden.

In der Bewegung „Den Spatzenschwanz fangen“ wird ji 挤(vordrängen) mit übereinander geführten Händen nach vorne in Richtung Gegner drängend im gongbu 弓步 (Bogenschritt) ausgeführt. Ziel hierbei ist, den Gegner von sich wegzuschieben. Der innere linke Unterarm unterstützt in federnder und flexibler Art den rechten. Diese Technik wird auch als Presstechnik bezeichnet und wenn diese korrekt und in Einklang mit Neijin 内劲, der inneren Kraft, ausgeführt wird, kann sie eine mächtige Wirkung entfalten.

An (drücken) ist eine wichtige Verteidigungstechnik, die den Angriff des Gegners umwandeln und auflösen kann. Mit an lassen sich sowohl ji (nach vorne drängen), zhou (Ellenbogenstoß) und kao (Schulterstoß) abwehren. (Vgl. Zhongguo Taijiquan Cidian, Beijing 2011)

Die Vorwärtsbewegung des Gegners wird aufgenommen und dessen Kraft und Schwung in einer leichten Wellenform entweder nach unten oder aber auch zur Seite umgeleitet. Dabei wird das Gewicht auf das hintere Bein verlagert oder auch ein Schritt nach hinten gemacht. Durch eine richtig angewendete An-Bewegung kann man den Gegner, weil für ihn unvorhersehbar, entwurzeln und ihn von sich wegschieben.

Copyright WuYuan-Schule, München 2016

Lanquewei  und seine Bedeutung für Tuishou

 

Die Bewegung ‚Den Spatzenschwanz fangen‘ vereint grundlegende Techniken aus dem Tuishou und ist gerade auch deswegen eine so bedeutende Taiji-Bewegung.

Das Bild einen kleinen Spatz am Schwanz zu fassen soll die subtile Art der Bewegungsausführung und der damit verbundenen Techniken versinnbildlichen. Man darf den Spatz nicht zu fest am Schwanz fassen, sonst reißt man ihm den Schwanz aus, man darf aber auch nicht zu sanft zugreifen, sonst entwischt er einem. Will der Spatz z.B. wegfliegen, so werde ich genau in dem Moment, in dem er nach unten geht, um sich mit den Beinen abzustoßen, auch nach unten gehen und ihm dadurch die Abstoßkraft nehmen.

Im Tuishou geht es vor allem darum, den richtigen Moment zu finden, um dem Gegner die Kraft zu nehmen. Dafür muss man Yin 引, „das Führen [des Gegners]“, und Ting jin 听劲, wörtlich „die Kraft [des Gegners] hören“, beherrschen. Man soll erspüren, wohin die Bewegung des Gegenübers geht, ohne jedoch diesen spüren zu lassen, wohin man sich selbst bewegen wird. Bewegt sich mein Gegner schnell, bewege ich mich auch schnell, bewegt er sich langsam, folge ich ihm und bewege ich mich gleichfalls langsam. Macht er eine Streckbewegung, mache ich eine Beugebewegung und umgekehrt.

In dem Moment, in dem ich es vollkommen beherrsche, die Bewegungsrichtung des Gegners zu erspüren, wird es mir gelingen, den Gegner zu kontrollieren. Voraussetzung hierfür ist, dass ich ihn nicht verlieren darf, sondern gleichsam an ihm kleben bleibe.

Auf diese Weise kann die Kraft des Gegners mit der eigenen Kraft in Einklang gebracht werden, man kann ihm die Kraft nehmen, kann sie zu seiner eigenen machen und kann ihn letztendlich vollkommen kontrollieren. Siehe hierzu auch „Tuishou“ von Shi Xueqin in WenWu 2/2010

Anmerkungen zu Taijiquan und Tuishou

Von Huang Kanghui

Für mich sind die Kampftechniken des traditionellen Taijiquan so etwas wie eine Schatzkarte.

Trainiert man beim Taijiquan sein Qi?

Das Qi zu trainieren ist wesentlicher Bestandteil traditioneller chinesischer Lebenspflege (yang sheng), die früher schon von Daoisten hoch geschätzt wurde. Taijiquan ist ein innerer Stil (neijiaquan), der auf dem Gedankengut des Yin und Yang beruht. Das Qi soll beim Üben des Taijiquan durch den ganzen Körper fließen, „wie eine Perle durch neunerlei Windungen rollen und bis in jeden noch so winzigen Bereich gelangen. “[1] Qi wird durch Gerades ernährt und nimmt dadurch keinen Schaden, Kraft wächst durch Windungen an und ist dadurch im Überfluss vorhanden.

Huang Kuanghui Copyright: Wushu-Akademie Schweiz

Huang Kuanghui
Copyright: Wushu-Akademie Schweiz

Laut Hong Junsheng (1907-1996) hat die Taiji-Koryphäe Chen Fake (1887-1957) immer Wert auf die natürliche Atmung gelegt und gesagt: „Die Körperbewegungen sollen fließend und harmonisch sein und das Qi sollte sich überall natürlich und frei ausbreiten können“. Darum sollten wir beim Taijiquan das Qi nicht willentlich bewegen, sondern darauf achten, natürlich zu atmen. Durch beständiges Üben wird man dies erlernen. Wenn man das Gefühl hat, dass Kraft und Qi nicht ausreichen, müssen die Atemzüge tiefer werden. Wenn man Qi bewusst bewegt und die Koordination von Bewegung und Atmung erzwingt, wird der Qi-Fluss nicht gelingen, sondern man wird im Gegenteil das Qi sogar blockieren. Dies ist für das Üben nicht förderlich und kann sich sogar negativ auf den Körper auswirken.

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