Text und Fotos von Yulia Pohlmann, Beijing

Klarer Himmel und Smog

In westlichen Medien kursieren dieser Tage Bilder und Berichte vom Smog in den im Nordosten gelegenen Großstädten Harbin und Shenyang. Die Heizperiode hat begonnen und mit ihr die Zeit des Nebels. Das Leben in den Städten scheint stillzustehen, Schulen und Kindergärten wurden geschlossen, Flüge gestrichen, Autobahnen gesperrt. Auch in Peking wird das öffentliche Leben in diesen Wochen immer wieder durch hohe Smog-Werte beeinträchtigt. Es gibt immer mehr Tage, an denen man in Peking vor lauter Smog nicht einmal das Nachbarhaus auf der anderen Strassenseite sehen kann.

Viele Chinesen nennen den Smog „Nebel“. Im Gegensatz zum weiß und flauschig anmutenden Nebel, der morgens über Deutschlands herbstliche Wiesen wabert, liegt die stinkende, ätzende grau-gelbe Variante des Pekinger „Nebels“ – eine Mischung aus Schwefel- und Stickstoffdioxid, Feinstaub, Kohlenmonoxid und bodennahem Ozon – wie ein schmieriger, schmutziger Film auf der Stadt und den Lungen ihrer Einwohner. Das Atmen fällt schwer, die Augen tränen, die Sicht beträgt zuweilen unter 20 Meter. Es entstehen Staus auf den Straßen und im Luftraum, die Menschen werden angehalten, wenn möglich zu Hause zu bleiben. Die Bezeichnung wumai 雾霾, die soviel wie Nebel bedeutet, hat nicht die negative Konnotation, die Smog im Englischen und Deutschen Sprachraum hat (ein Kofferwort, zusammengesetzt aus den Worten smoke und fog). So sind sich viele Chinesen der gesundheitlichen Risiken, die der Smog mit sich bringt, nicht bewusst.
Will man sich über den Grad der Luftverschmutzung in Peking informieren, so kann man auf der Beijing Air Quality Index-Seite unter „iphone.bjair.info“ stündlich den aktualisierten Wert abrufen.

Atemmasken_AQI

Air Quality in Peking jenseits der Skala

Die Punkteskala reicht von sehr guter Qualität (0–50 Punkte), durchschnittlicher Qualität (51–100 Punkte), bei Menschen mit erhöhter Empfindlichkeit gesundheitsschädigender Qualität (101–150 Punkte), aus medizinischer Sicht schädlich für die menschliche Gesundheit (150–300 Punkten) bis gefährlich für die Gesundheit bei bis zu 301 und mehr Punkten. Steigt der Wert über 200 Punkte, so empfehlen Ärzte sich so wenig wie möglich im Freien aufzuhalten und sportliche Aktivitäten zu vermeiden beziehungsweise beim Sport Atemschutzmasken zu tragen. Während der nahezu windstillen Sommer- und Wintermonate ist der Smog in Peking am schlimmsten, denn die dreckigen Wolken scheinen dann über der Stadt still zu stehen. Im letzten Winter lag der am höchsten gemessene Wert in Chinas Hauptstadt bei 736 Punkten – die Punkteskala endet bei 500 Punkten.

Man kann sich diesem Umweltproblem natürlich mit typisch chinesischem Fatalismus nähern und sich mit einem mei banfa 没办法, „da kann man nichts machen“, in die Situation fügen und gegebenenfalls auch trotz starken Hustens weiter rauchen, um einen persönlichen Beitrag zur Luftverschmutzung zu leisten. Man kann aber auch versuchen sich so weit wie möglich vor den giftigen Stoffen zu schützen: In Wohnräumen und Büros lässt sich die Luftqualität mit Luftbefeuchtern und Luftreinigern verbessern. Luftreinigende Pflanzen wie Goldener Pothos, Goldfruchtpalme und Goldene Efeutute absorbieren nicht nur Schadstoffe aus der Luft, sondern erhöhen auch die Sauerstoffmenge und ionisieren die Luft.

Atemmasken

Ist man draußen unterwegs, muss man sich anders behelfen. Einst dienten leichte Gazeschals und Mulltücher als mehr oder weniger effektiver Atemschutz (kouzhao 口罩) gegen den Sand, den vor allem im Frühjahr die Winde aus der Wüste Gobi bis nach Peking tragen. Mediziner empfehlen heute den Gebrauch spezialisierter Produkte, da der gern getragene Mundschutz, wie ihn etwa Krankenhauspersonal verwendet, wegen der sehr kleinen gesundheitsschädigenden Partikel von einer Größe mit weniger als 2,5 Mikrometer bei weitem nicht mehr ausreicht. Im Zuge der immer stärker werdenden Luftverschmutzung haben vor ein paar Jahren findige Unternehmen diese Marktlücke entdeckt. Sie bieten diverse Atemmasken an, die vor Staub, Industrie- und Verkehrsemissionen schützen sollen. Auf dem Pekinger Markt gibt es eine große Auswahl mit und ohne Luftfilter, für Kinder und Erwachsene, in schlichtem Design oder trendiger Aufmachung: N95- oder N99-Masken mit einem hohen Maß an Filtration kann man in „April Gourmet“, bei „Taobao“ oder „Amazon.cn“ kaufen. Es gibt aber auch Spezialgeschäfte wie „Torana Air“, wo man unter sachkundiger Beratung Masken und Filter aussuchen kann. In diesem Jahr sind bei den Pekinger Trendsettern Modelle der Marken Vogmask, die als erste auch Masken für Kinder anbieten, und „I can breathe!“ aus den USA der Renner. Atemschutzmasken „totobobo“ und „Respro“ für Sportler kann man beim „NLGX Design Store“ oder „Natooke Bike Shop“ finden.

Atemmaskenfrau

Von außen betrachtet ist es natürlich leicht zu sagen: „Da kann man es doch nicht aushalten“. Aber wenn man in Peking lebt und arbeitet, muss man versuchen, das Beste aus der Situation zu machen und sich so gut wie möglich vor den schlechten Umwelteinflüssen zu schützen. Nur so kann man auch die schönen Seiten dieser Weltmetropole schätzen und genießen.