Von Christiane Schmalzl

Drachentanzgruppe an der Universität Qingdao mit Christiane Schmalzl (2. v. links)

Drachentanzgruppe an der Universität Qingdao mit Christiane Schmalzl (2. v. links)

Kungfu ist mein Kraftquell in China. Das ist ein gewichtiger Satz, aber so ist es tatsächlich seit nunmehr 15 Jahren. Zum einen ist die Stadt Qingdao schon so lange zu meiner neuen Heimat geworden, zum anderen habe ich es in dieser Zeit mit Geduld, Ausdauer und endlosem Training geschafft mein Qi 气 zum Leben zu erwecken, mit jedem Training aufs Neue: im wahrsten Sinne ein Quell unerschöpflicher Kraft.
Leider steht meine persönliche Erfahrung im Widerspruch zur Kungfu-Trainingssituation im chinesischen Alltag, die sich eher als Trauerspiel bezeichnen lässt. Nicht nur mein Shifu (师父, Meister) ist darüber sehr unglücklich, denn die Bedingungen sind erbärmlich, sobald es ein wenig mehr sein soll als das morgendliche und abendliche Taijicao 太极操, das Taiji-Üben in öffentlichen Parks. Einen sehr idyllischen und faszinierenden Eindruck vermittelnd,ist das in erster Linie ein Nachahmen kungfu-ähnlicher Bewegungsformen, eine tolle Beschäftigung für zumeist Rentner und ältere Menschen, die sich auf diese Weise Gesundheit und jungen Geist bewahren. Die ältere Generation im Westen könnte sich daran ein Beispiel nehmen.

Minjian gongfu (民间功夫), das unabhängig von Institutionen geübte „Volks-Kungfu“, war zu Zeiten der Kulturrevolution (1966-1976) verfolgt, da dahinter Abweichler vom vorherrschenden Gedankengut vermutet wurden und sich häufig auch fanden. Bis heute lebt es versteckt innerhalb der Bevölkerung. Wenn man sich ein wenig auf die Suche macht, trifft man auf Menschen mit erstaunlichem Können und Wissen, findet unterschiedliche Stile, Philosophien und chinesische Medizin vereint, an Orten, an denen man auf den ersten Blick nichts dergleichen vermutet. Der Widerspruch zu dem Bild, wie China sich heutzutage präsentiert, könnte größer nicht sein. Für mich ist das das eigentliche China, das sich sammelt, um wieder ins Licht zu drängen. Der Mensch ist zu Erstaunlichem fähig, gerade dann, wenn er auf keinerlei Unterstützung hoffen kann. Es ist faszinierend, mit welch liebenswert akribischer Hingabe so mancher Ort trainingstauglich gemacht wird. Wenn man andererseits sieht, welch unverhältnismäßige Förderung vergleichsweise sinnlose, in der Regel staatlich organisierte Projekte erhalten, während Kungfu-Veranstaltungen, Wettkämpfe mit einfachsten Mitteln und Räumlichkeiten vorlieb nehmen müssen, dann macht das nachdenklich. Sehr schade! Nicht erst seit Kungfu Panda ist man in der Welt auf dieses beeindruckende Kulturgut Chinas aufmerksam geworden. Nur, welch erbärmliches Dasein fristet dieses bis heute? Taekwondo-Schulen gibt es in Hülle und Fülle, Schulen bieten Taekwondo im Wahlfach an. Nur, von öffentlichen Kungfu-Schulen fehlt in China jede Spur. Kungfu-Unterricht an Schulen? Nicht auszudenken, allenfalls noch ein wenig Fächertanz (wie an der Schule meines Sohnes). Von einer idealen Trainingsumgebung wie in der Wuyuan-Schule kann man in China nur träumen. Das hat sicherlich auch mit bis heute vorhandenen strengen Traditionen innerhalb der Kungfukreise zu tun, dem Verhältnis zwischen Meister und Schüler, der Angewohnheit für das Training kein Geld zu verlangen etc.. Es ist dennoch naheliegend, dass entscheidende Gründe auch noch woanders liegen. Ein Blick hinter die Kulissen der Qingdaoer Pekingoper hat mir kürzlich gezeigt, wie kärglich die Trainingsbedingungen dieser großartigen Artisten und Akrobaten wirklich sind.
Ich sammle regelmäßig Hinweise, dass Kungfu zu einem förderungswürdigen Gegenstand werden könnte, Anzeichen häufen sich, ein Rumoren wird lauter, es bleibt spannend, wohin dies führt. Auch die Formulierungen staatlicherseits verändern sich, bis jetzt sind es aber noch gut gemeinte Ausnahmen, zumeist viel Lärm um nichts, endend in chinesische Fernsehabende füllenden und pompös kitschigen Galaveranstaltungen. Es gibt Plattformen auf dem chinesischen Facebook-Pendant WeChat, auf denen sich Gleichgesinnte austauschen. Gerade fand ich dort wieder einen Artikel, der dazu aufruft, dass Kungfu Einzug in Schulen und Universitäten halten sollte. Leider ist das weiterhin ein Wunschdenken, die Realität sieht immer noch anders aus, zumindest hier in Qingdao.
In der Stille ruht die Kraft, Shifu wird nicht müde mir die Zusammenhänge von Natur, Körper, Bewusstsein und Gesundheit zu erklären. Eine nach daoistischem Verständnis ideale Trainingsumgebung ist dazu unerlässlich, nur dann ist es möglich zur inneren Ruhe zu finden, die heilenden Kräfte des Qi zum Leben zu erwecken. Die Natur bietet dazu große Auswahl, im Wald, auf weichem Untergrund, ein Ort, an dem sich das Bewusstsein im Einklang mit der Natur nach innen kehren lässt, ein Ort, der Ruhe und Besinnung ermöglicht. Das, was in China heute noch an Rückzugsmöglichkeiten übrig ist, einem zum Training zur Verfügung gestellt wird, entlockt Shifu nur ein müdes Lächeln. Den schönsten Ort hat er sich, den vielen Menschen und der Geschwindigkeit der Moderne zum Trotz, selbst geschaffen. Am Hang des Fernsehturmhügels mitten im Herzen Qingdaos, würde man alles Mögliche vermuten. Finden wird man, abgelegen zwischen Bäumen, eine erdige Plattform, die Ränder lose befestigt, vereinzelt mit Decken ausgelegt, Baumstämme und Äste für Dehnübungen entsprechend drapiert, eine kleine Idylle inmitten einer pulsierenden Stadt. Es ist schwer vorstellbar, dass Shifu diese kleine Oase zusammen mit seiner Frau alleine freigelegt, geebnet, immer wieder mühevoll vergrößert hat. Jeden Morgen kommt Shifu zusammen mit seiner Frau hierher, trainiert entweder für sich alleine, oder in Gesellschaft seiner Schüler. An den Wochenenden unterrichtet er eine Gruppe Kinder. Ich habe an diesem Ort viel Zeit verbracht, alleine oder zusammen mit meinem Sohn Jonathan, habe die Mühen einer anstrengenden Anreise durch den chronisch verstopften Stadtverkehr in Qingdao nicht gescheut, mit dem Wissen, bei der Ankunft entlohnt zu werden.

Kindergruppe

Kindergruppe

Training am Berg

Training am Berg

Wundersames auf Parkplätzen

Kungfu, grob eingeteilt in äußere und innere Stile, neijia gongfu 内家功夫 und waijia gongfu 外加功夫, ist kein Sport im herkömmlichen Sinn. Eine in westlichen Ländern übliche Kategorisierung als „Kampfsport“ wäre viel zu banal und wird der eigentlichen Bedeutung alles andere als gerecht. Kungfu ist eine Lebensweise, eine Schule für Körper UND Geist, die viele Menschen in China wie eine Art Religion ausüben, darin Erfüllung finden und so versuchen, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Viele Ausländer kommen mit verständlicherweise sehr vereinfachten Vorstellungen und dem Wunsch, ein wenig davon kennenzulernen. Die einen wenden sich enttäuscht wieder ab, wenn sie merken, dass sich das Bild, welches sie zu Kungfu im Kopf haben, mit der Realität nur schwer vereinen lässt, zudem der Weg ein sehr langer ist. Dazu kommt die gewöhnungsbedürftige Trainingssituation und -umgebung, auf Hinterhöfen, Parkplätzen oder gleich auf öffentlichen Plätzen, wo man als Ausländer schnell mal zur Ursache für einen kleinen Menschenauflauf wird. Andere wiederum sind von genau diesen Tatsachen und Wunderlichkeiten fasziniert und inspiriert; für sie ist es der Beginn einer lebenslangen Liebe.
Ich habe das alles mitgemacht. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, muss ich schmunzeln, denn oftmals wusste ich nicht recht, wie mir geschieht, plötzlich umringt von Menschen, die sich mit Urteilen nicht zurückgehalten haben, zumeist bestaunt und bewundert. Im Nachhinein bin ich überzeugt, dass es ein Glück war, dass ich damals noch kaum Chinesisch beherrschte und mich hinter meinem Schutzwall des Nichtverstehens verstecken konnte. Ich versuchte Situationen mit Geduld und Fassung zu ertragen; manchmal genoss ich sie, zumeist war es mir eher unangenehm. Vor allem aber ist Kungfu ein unverzichtbarer Bestandteil meines Lebens geworden, eine Herangehensweise, die mir hilft, in China zurechtzukommen. Ein Leben in China ohne Kungfu und alles, was an philosophischem Hintergrund dazugehört (in meinem Fall vor allem der Daoismus), wäre nicht annähernd so attraktiv für mich. Es hat mir geholfen, China aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu erschließen, das Fühlen und Denken der Menschen nachzuempfinden und zu verstehen. Es ist ein Weg, mein persönlicher Weg, asiatische Denkstrukturen zu erschließen. Von vielen Ausländern wird unterschätzt, wie sehr alltägliche Lebensgewohnheiten auch bei Menschen, die nicht Kungfu machen, von philosophischen Strukturen durchzogen sind.
Dabei ist es alles andere als einfach einen Shifu, einen Meister, zu finden. Ein chinesisches Sprichwort besagt: Es ist nicht einfach für einen Meister, einen guten Schüler zu finden, aber es ist noch weniger einfach für einen Schüler einen passenden Meister zu finden. (Shifu zhao hao xuesheng bu rongyi, dan xuesheng zhao hao shifu geng bu rongyi. 师傅找好学生不容易,但学生找好师傅更不容) – Diese Erfahrung habe ich auch gemacht: Als ich vor fast 15 Jahren erstmals nach China kam, hegte ich die Hoffnung an der Uni entsprechende Kurse vorzufinden. Meine Hoffnungen wurden aber schnell enttäuscht, nichts dergleichen war vorhanden, die übliche Antwort war: „Keine Ahnung, so etwas gibt es hier nicht“ (Bu zhidao, women zheli mei you. 不知道, 我们这里没有). So machte ich mich selbst auf die Suche. Ich begann herumzufragen und lernte nach einiger Zeit Sun Shifu, meinen ersten Lehrer, kennen. Von da an war das Feuer in mir entfacht, und ich scheute keine Mühen allabendlich zwischen sieben und elf Uhr zum Training auf einem Parkplatz hinter einem großen Supermarkt zu kommen. Vor dem Training gab es immer erst noch Abendessen bei Sun Shifu zu Hause. Er wohnte mit seiner Frau und Tochter gleich nebenan, in nicht mehr als einem Wellblechverschlag. Die Einfachheit und Gastfreundschaft machte mich sprachlos, die hygienischen Bedingungen kosteten mich Überwindung, doch schon bald wurde alles ganz normal, der Beginn einer langen Freundschaft.
Nach vielen Jahren harten Trainings, vor allem Changquan 长拳 (Langfaust) und Tanglangquan 螳螂拳 (Gottesanbeterinnenform), nach wechselnden Parkplätzen, zahlreichen Wettkämpfen und Vorführungen, versuchte ich meinen seit langem gehegten Wunsch in die Tat umzusetzen und Kungfu als Wahlfach an der Universität Qingdao einzurichten. Gerade unter den ausländischen Studierenden gibt es viele, die sich darüber freuen. Meinem Wunsch wurde nach hartnäckigen Bemühungen stattgegeben und wir durften zweimal wöchentlich auf dem Parkplatz vor dem Gebäude trainieren. Vom Supermarkt-Parkplatz zum Parkplatz an der Uni, das war durchaus eine Steigerung. Unser Kurs fand großen Anklang, zudem zogen wir auf unserem Parkplatz alle Aufmerksamkeit auf uns, was uns bald umso mehr Anerkennung einbrachte. Der Grundstein war gelegt. Mittlerweile geben wir Wahl- und auch Pflichtkurse für internationale sowie chinesische Bachelor- und Masterstudenten. Sobald unsere StudentInnen an der Uni im Unterricht mehr erfahren, ist die Neugierde trotz unserer unzureichenden Trainingsräume relativ schnell geweckt. Überraschenderweise wissen unsere chinesischen StudentInnen im Vergleich zu den Ausländern oft weniger, was die oben beschriebene Situation bestätigt. Wer nicht zufällig im Familien- oder Freundeskreis mit Kungfu und dem Wissen darum in Berührung kam, hatte während einer Schullaufbahn in China vermutlich so gut wie keine Möglichkeiten dazu. Der gesamte Schulunterricht dreht sich um die Vermittlung ganz anderer Dinge; welche dies sind, kommt in einem Lied zum Ausdruck: „Wir stehen in der Nachfolge des Kommunismus / wir sind die kommunistische Wachablösung.“ (Women shi gongchan zhuyi jiebanren. 我们是共产主义接班人…). Es prägt chinesische Kindheitserinnerungen, auch die meines Sohnes, der mittlerweile die vierte Klasse einer chinesischen Grundschule besucht; vermutlich wird er es ein Leben lang nicht vergessen. Seit der feierlichen Übergabe der roten Halstücher (hong lingjin 红领巾) der Jungen Pioniere in der zweiten Klasse habe ich dieses Lied immer und immer wieder gehört und ertappe mich selbst oft dabei, es in Gedanken leise vor mich hin zu summen.

Ein neuer Meister

Nach einigen Jahren Shaolin- und Tanglang-Trainings wurde mir klar, dass ich nach mehr, nach Tieferem suchte. Ich spürte, dass es da noch so viel Verborgenes zu entdecken gab. Offensichtlich wurde das auch Sun Shifu klar, denn er stellte mich nach einiger Zeit Xu Shifu vor, der von klein auf Wudangquan praktiziert und einen, wie sich bald herausstellte, sehr einzigartigen ergreifenden Weg hinter sich hat. Westlich ausgedrückt wurde sehr schnell klar, dass wir auf derselben Wellenlänge liegen und ich in Xu Shifus Kungfu und seiner lebensnahen Umsetzung philosophischer Ideen einen Großteil dessen gefunden hatte, wonach ich suchte. Nach chinesischem Verständnis verbindet uns ein sogenanntes Yuanfen (缘分), eine schicksalhaft vorherbestimmte Verbindung, die uns unweigerlich zusammengeführt hat. Xu Shifu hat mir einen einzigartigen Zugang zum Wudangstil ermöglicht, der den meisten Menschen bis heute verschlossen bleibt, solange sie nicht direkt zu den Wudang-Bergen reisen und mit den dortigen Mönchen trainieren. Heutzutage ist das aber keine billige Angelegenheit, denn die dortigen Kungfuschulen sind leider bereits über die Maßen kommerzialisiert. Dem Wudangstil liegen in erster Linie daoistische Philosophien zu Grunde; es ist ein fließender, tänzerischer Stil, ein Zusammenspiel von schnellen und langsamen Bewegungen mit vielen Details, bei dem man durch das Weiche das Harte überwindet (yi ruo ke gang, 以柔克刚). Dieser Stil war über lange Jahre der Außenwelt verschlossen. Außerhalb der Wudang-Berge findet man nur sehr wenige Menschen, die diesen Stil in reiner Form beherrschen; im „Volks-Kungfu“ (minjian gongfu, 民间功夫) ist er so gut wie gar nicht vorhanden. Wie und warum Xu Shifu diesen wunderschönen Stil dennoch beherrscht, darüber will ich in einem weiteren Brief schreiben.
In der Regel kann man seinen Shifu nicht einfach wechseln, das besagt eine weitere alte Kungfu-Regel; man sollte seinem Shifu und dessen Stil treu bleiben. Immerhin hatte man seinem Shifu anfangs eine Art Treueschwur geleistet (bai shifu, 拜师傅). In meinem Fall war es zwar nach kurzer Zeit klar, denn Sun Shifu hatte mich schließlich selbst Xu Shifu vorgestellt, dennoch versuchten beide Shifus eine ganze Weile, mich auf ihre eigene Richtung einzuschwören. Ich musste mich entscheiden. Heute bin ich Sun Shifu nach wie vor sehr eng verbunden.
Insbesondere Xu Shifu gegenüber empfinde ich große Dankbarkeit, für sein Vertrauen und seine Geduld dabei, mir den Zugang in seine Welt zu ermöglichen. Er sieht in mir nicht nur die Ausländerin, die ein wenig Kungfu lernen will, sondern zählt mich mittlerweile zu der sehr begrenzten Anzahl seiner MeisterschülerInnen (tudi, 徒弟), denen er möglichst sein gesamtes Können und reines Wissen weitergeben will, in der Hoffnung, dass es bei mir gut aufgehoben ist und in Zukunft ein wenig weiterleben kann. Das betrachte ich als große Ehre. Ich versuche ihm dieses Vertrauen als fleißige und gute Schülerin zurückzugeben. Ich sammle Material, mache Aufzeichnungen und versuche seine Hoffnungen nicht zu enttäuschen und seinem Wunsch in irgendeiner Form gerecht zu werden. Ich hoffe, dass auch diese Aufzeichnungen ein wenig dazu beitragen können.
Die Beziehung eines Kungfu-Schülers zu seinem Meister ist eine sehr schöne, sehr chinesische Beziehung, viele Gefühle lassen sich nicht leicht in Worte fassen. In Shifu sehe ich nicht nur meinen Kungfulehrer, vielmehr eine Vaterfigur, ein Vorbild, einen Lehrer und Mentor, jemanden, mit dem ich gerne Zeit verbringe, der mir Kraft gibt, dem ich gerne zuhöre. Möglicherweise klingt das ein wenig befremdlich für westliche Ohren, aber ich bin unendlich dankbar, diese schönen Erfahrungen machen zu dürfen. Im Grunde gilt das nicht nur für Shifu alleine, sondern für seine gesamte Familie, die mich wie eine leibliche Tochter behandelt, was mir manchmal fast ein schlechtes Gewissen bereitet.

Kungfu und der chinesische Traum

Kungfu ist ein chinesisches Kulturgut, das heute leider viel zu wenig Wertschätzung und noch immer fast keine staatliche Förderung in China erfährt, es sei denn in kommerzorientierten Kungfu-Klöstern, in die manch unwissender Ausländer gelockt wird, in Wushu-Filmproduktionen, in großangelegten Veranstaltungen oder in allem, was zur Wahrung des „Chinesischen Traums“ (zhongguo meng, 中国梦) beiträgt, des auch von Onkel Xi beschworenen schönen Scheins von Macht und Größe – ein trauriger Widerspruch oder vielleicht doch ein Hoffnungsschimmer?
Kungfu lebt immer noch innerhalb der Bevölkerung. Oftmals scheint und manchmal ist es tatsächlich ein Sport für arme Leute, die ihren Kindern eben nur ein Training im Freien ermöglichen können. Und doch ist es so viel mehr als das. Die meisten Shifus verlangen nach alter Tradition kein Geld. Wichtig ist dagegen die fast willenlose Ergebenheit des Schülers seinem Lehrer gegenüber. Die Trainingsmethoden sind nach wie vor sehr traditionell und für westliches Empfinden gewöhnungsbedürftig. Es gilt, bei Kindern so früh wie möglich ein Fundament in Form der sogenannten „Kinder-Übungen“ (tongzigong, 童子功) zu legen. Das bedeutet hartes Training und Gehorsam; Zwang und Bestrafung stehen bei Eltern und Lehrern nach wie vor auf der Tagesordnung. Der kindliche Wille und der Drang, zu spielen, werden noch allzu oft gebrochen, ohne Rücksicht auf die dabei vergossenen Tränen. Ich habe in nicht wenigen Gesprächen versucht, Shifu eine andere Sichtweise auf das Training zu vermitteln. Die Kinder können auch mit Spass an die Sache herangeführt werden und auf diese Weise vielleicht sogar erfolgreicher werden. Inzwischen versucht Shifu, bei seinen Kungfukindern am Berg einen milderen Ton anzuschlagen. Trotzdem merkt man ihm an, dass es ihm schwerfällt, die von klein auf erworbene Überzeugung abzulegen, dass nur Druck und Zwang zum Erfolg führen können.

Aufführung in Qingdao

Christiane Schmalzl bei einer Aufführung in Qingdao

Die Generation der traditionellen „ehrwürdigen“ Shifus ist jetzt in einem Alter ab 60 Jahren aufwärts. In der jüngeren Generation gehört Kungfu zu alten Traditionen, denen der Staub von gestern anhaftet. Es gilt also eher als unschick, was aber zumeist leider auf Unwissen basiert. Wenn dieses wunderschöne Wissen und Kulturgut nicht offiziell bewahrt wird, geht es irgendwann verloren.
Andererseits erfährt Kungfu derzeit durchaus eine Art Wiedererwachen, denn im Zuge des „Chinesischen Traums“ (zhongguo meng, 中国梦) findet eine politisierte Rückbesinnung auf alte Werte statt. An der Oberfläche etwas vorzeigen zu können, ist immer gut. Doch das ist nur „der schöne Schein“. Dafür zu investieren ist wieder eine andere Sache. Und damit zurück zu unserem anfänglichen Trauerspiel: Seit Jahren müssen wir uns an der Universität mit einer mehr als unzureichenden Trainingsumgebung zufrieden geben, doch für Veranstaltungen und Festivitäten sollen wir jederzeit zur Stelle sein, Erfolge liefern und so das Gesicht der Universität wahren. Unser Kurs „Kungfu und Artistik“ (gongfu caiyi ke, 功夫才艺课) vermittelt eine breitgefächerte Palette an Fertigkeiten, zu denen auch der Drachen- und Löwentanz, die aus der Tradition der Sichuan-Opern stammende Kunst des blitzartigen Maskenwechsels (bianlian, 变脸) und das Spielen der chinesischen Trommel gehören. So konnten wir bisher die in uns gesetzten Erwartungen ganz gut erfüllen und die Bewunderung anderer Universitäten genießen. Trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack, auf diese Weise benutzt zu werden.
Ich bin mir aber sicher, dass chinesisches Wushu mit seinen hunderten von faszinierenden Stilrichtungen als uraltes chinesisches Kulturgut früher oder später eine echte Renaissance erleben wird.

Mein Shifu

Vor dem Hintergrund der chinesischen Umbrüche im Laufe des letzten Jahrhunderts sowie angesichts der gegenwärtigen Situation und Existenz von Kungfu in China hat im Grunde jeder Shifu seine persönlich einzigartige Geschichte zu erzählen, mein Shifu insbesondere. Darüber mehr in einem nächsten Beitrag.

Christiane Schmalzl kommt aus München und lebte 15 Jahre lang mit ihrer Familie in Qingdao, wo sie als freiberufliche Dolmetscherin und Übersetzerin arbeitete. Nach einem Dolmetscherstudium in München absolvierte sie an der Universität Qingdao zwei Masterabschlüsse in chinesischer Linguistik (汉语文字学) sowie Chinesisch als Fremdsprache (国际汉语教育). Im Jahr 2007 rief sie an der Universität Qingdao den Kurs „Kungfu in Relation zu chin. Philosophien und Medizin ins Leben und unterrichtete chinesische und internationale Studenten in Wahl- und Pflichtkursen. Seit August 2015 lebt sie wieder in München.