Von Irmgard Enzinger

Am 16. Februar 2018 beginnt nach dem chinesischen Kalender das Jahr des Hundes – genauer gesagt das Jahr 戊戌. Es ist ein Jahr des Erd-Hundes. Denn mit dem Himmelsstamm 戊 trifft nun das Erd-Element auf den „Hund“, das Tier, das im Volksmund für den Erdzweig 戌steht, welcher dieses Jahr regiert. Viele sagen, man dürfe nun ein recht gutes Jahr erwarten. Ein Hunde-Jahr soll sich übrigens für alle Tierkreiszeichen besonders gut zum Heiraten eignen, denn wer kann treuer sein als ein Hund?

Weltweit ist die Nähe des Hundes zu „seinem Menschen“ sprichwörtlich. Kein Tier hat sich in seiner Entwicklungsgeschichte so unbedingt wie er auf den Menschen eigenstellt, ja, seine ganze Existenz auf ihn ausgerichtet. Es herrscht eine ganz spezielle Verbindung zwischen Mensch und Hund. Zahllose Hundebesitzer erleben gerührt die bedingungslose Zuneigung ihres vierbeinigen Freundes und viele vermissen eine solche Zuverlässigkeit bei den Menschen.

Was aber ist nun die spezielle Sicht des chinesischen Horoskops auf den Hund?

 

Schriftzeichen

Wie wichtig der Hund im chinesischen Kulturraum seit Menschengedenken war, lässt sich daraus ablesen, dass bereits in der über dreitausend Jahre alten Orakelknochenschrift sehr viele Schriftzeichenvarianten für den als quán 犬 bezeichneten Hund überliefert sind. In allen Varianten lassen diese Zeichen den Vierbeiner mit Kopf, Schwanz, Beinen und teilweise sogar den Pfoten noch ganz deutlich erkennen. Heute sagt man zum Hund nicht mehr quán 犬, sondern gŏu 狗. Darin ist das Zeichen quán 犬 in einer abgewandelten Form als 犭 immerhin noch enthalten.

 

 

Entwicklung des Schriftzeichens Hund quán 犬 von der Orakelschrift bis heute 

Wie in anderen Kulturen auch ist in China die Rolle des Hundes als Begleiter und als Nutztier des Menschen überliefert. Durch die chinesische Geschichte hindurch ist er bekannt als Spielgefährte, als Hüter von Haus und Hof, als Jagdhelfer, als Ausweis sozialen Status’, als Opfertier – und eben auch als Schlachttier, dessen Fleisch als wärmend und gerade zur kalten Jahreszeit als gesund galt und in manchen Gegenden Chinas auch heute noch gilt. Kritik an dieser Ernährungsgewohnheit wird auch innerhalb Chinas zunehmend geäußert. Der Hund wurde in den letzten Jahren zum beliebtesten Haustier, vor allem in den Küstengebieten. Unter Máo Zédōng 毛泽东(1893–1976) war die Hundehaltung zum Zeitvertreib als bourgeoise Unsitte verpönt. Der Hundefleisch-Verzehr war hingegen kein Stein des Anstoßes. Auch den Diskussionen der frühen Philosophen war nie der Verzehr von Hundefleisch, sondern wenn dann nur der vergnügungsorientierte Hundebesitz gebrandmarkt worden, da er Verschwendung sei oder Amtsinhaber über Gebühr von ihren Aufgaben ablenken könne.

Konfuzius (551 – 479), der große Moralist, äußerte jedoch keine Kritik am Hund als Begleiter des Menschen. Vielmehr wissen wir durch einen Eintrag im „Buch der Riten“ Lĭjì 礼记, dass er selbst einen Hund gehalten hatte, welchen er durch den Schüler Zĭ Gòng 子贡 bestatten ließ. Dabei erklärte der Meister, er sei nicht so wohlhabend, als dass er den Hund, wie seines Wissens sonst üblich, im Grab unter einen ausrangierten Schirm betten könne. Zĭ Gòng solle daher anstatt eines Schirmes die alte Sitzmatte des Meisters verwenden und darauf achten, dass sie den Kopf des Hundes lückenlos schütze. (vgl. Liji 2.2)

Konfuzius, der die Sprache der Riten genau einzusetzen weiß, gibt mit der Umwidmung seiner Sitzmatte ein anrührendes Zeugnis von der Verbindung zwischen Herr und Hund, die über den Tod hinaus von persönlicher Nähe und tätiger Fürsorge geprägt ist. Diese Beziehung betrachtet er als angemessen. Er macht aber auch klar, dass er dabei keinen materiellen Aufwand betreibt, der seine ökonomischen Verhältnisse übersteigen würde.

Hund unter dem Ochsenwagen

 

Erlöschen und Vollendung

Um den spezifischen Charakter des Hundejahres zu verstehen, ist ein genauer Blick auf das Schriftzeichen 戌, das im Horoskop für den Hund steht, besonders interessant, gerade weil jetzt ein Jahr des Erd-Hundes 戊戌 beginnt. Denn die beiden Zeichen 戊 und 戌 sehen sich ausnehmend ähnlich, unterscheiden sie sich doch nur durch einen kleinen Strich. Diese Ähnlichkeit ist schon vor zwei Jahrtausenden dem Gelehrten Xŭ Shèn 许慎 (c. 58 – c. 148) aufgefallen, der in seinem etymologischen Wörterbuch das Schriftzeichen 戌 mit Blick auf den Jahreskreis erklärt. Denn der Monat 戌 ist der neunte Monat des Mondkalenders. Er fällt immer auf einen Mondzyklus im Zeitraum Oktober/November. Nach dem traditionellen Klimakalender ereignen sich in dieser Zeit nacheinander der „Kalte Tau“ und das „Fallen des Reifs“, bevor mit dem nächsten Monat der Winter beginnt. An diese Situation also denkt Xŭ Shèn, wenn er schreibt:

戌 bedeutet das Erlöschen. Im neunten Monat des Mondkalenders ist das Yang-Qi nur noch ganz schwach, die zehntausend Wesen finden zu letzter Vollendung und das Yang-Qi zieht sich tief in die Erde zurück.
Mit Blick auf die fünf Wandlungsphasen ist zu beachten, dass sich im Himmelsstamm 戊 die Geburt der Erde vollzieht, während sich im Erdzweig 戌 die Fülle der Erde ereignet.“
Xŭ Shèn 许慎: Shuōwén jiĕzì 说文解字

Xŭ Shèn charakterisiert vor etwa 2000 Jahren in diesem Wörterbuch-Eintrag die energetische Situation des Hunde-Jahrs und macht sie uns nachvollziehbar. Jetzt, wo der Winter kommt, weiß die lichte Kraft des Yang, dass ihr Versiegen, ihr „Erlöschen“ unmittelbar bevorsteht. Die zehntausend Wesen erwarten so ihre „letzte Vollendung“, was bedeutet, dass ihr Weg bald beendet sein wird. Sie erwarten ihr Ende, die Dunkelheit und den Tod.

Hexagramm Nr. 23

Zersplitterung

„Zersplitterung“ heißt diese Situation im „Buch der Wandlungen“ Yijing 易经. Die Hexagrammlinien  verbildlichen hier, wie die von unten her anwachsenden weichen, dunklen Yin-Linien sich bereits so weit nach oben vorgearbeitet haben, dass sie die harten, lichten Yang-Linien schon fast ganz verdrängen. Die zehntausend Wesen, die Licht, Wärme und Aktivität Quelle und Ausdruck des Lebens ersehnen, fürchten Dunkelheit, Kälte und Regungslosigkeit. Für sie ist die „Zersplitterung“ das Bild eines unmittelbar bevorstehenden Untergangs.

Aus der großen Perspektive betrachtet ist der Untergang des Yang freilich niemals endgültig. Wenn sich das Yang-Qi tief in die Erde zurückzieht, dann geschieht dies unter dem Gebot der wechselnden Jahreszeiten. In der Erde ist es gut aufgehoben, denn es hat nun in die große Mitte zurückgefunden, die alles trägt und zu wandeln vermag. Dieser gefürchtete Zustand der Krise, der Zersplitterung und des Zusammenbruchs bereitet letztlich den Boden für ein neues Leben.

 

Fülle der Erde

In diesem Moment zeigt die bewahrende und nährende Erde ihre ungeheure Kraft. Sie ist es, die den Übergang zu allem Neuen überhaupt erst ermöglicht. Dass sie in der Lage ist, nach dem Untergang des Yang-Qi dessen Wiederkehr vorzubereiten, ist ein unerhörtes Wunder, das man in der eisigen Zeit der Stille und Starre niemals vermuten würde. Daher sieht Xŭ Shèn jetzt die Erde in einem Zustand größter Fülle. Man kann sich vorstellen, dass diese große Kraft der Erde in einem Jahr des Erd-Hundes besonders wirksam ist, denn sie wird zusätzlich angeschoben durch den Himmelsstamm 戊, den Xŭ Shèn als die „Geburt der Erde“ charakterisiert.

Hund, altes Gemälde

 

Vertrauen und Loyalität

Inmitten des Zustands der Zersplitterung und des Erlöschens, wenn sich das Yang-Qi tief in die Erde zurückzieht, ist es beruhigend zu wissen, dass man sich auf die Erde verlassen kann. Sie bildet unter den fünf Wandlungsphasen Wasser, Holz, Feuer, Erde und Metall die Mitte. Nach der konfuzianisch geprägten Resonanztheorie wird sie als energetische Grundlage von xìn 信 verstanden: des Tugend des Vertrauens, der Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit, Loyalität und Treue. In harten Zeiten des Umbruchs, wie ihn der Erdzweig 戌 darstellt, brauchen wir genau das: Menschen, die verlässlich zu uns halten. Und gerade in solchen schwierigen Zeiten wird offenkundig, wer im Freundes- und Familienkreis, im beruflichen und politischen Umfeld wirklich glaubwürdig ist und unser Vertrauen verdient hat.

Nicht umsonst hat der Volksmund den Hund zum Herren über ein solches Jahr erhoben. Seine Liebe und Treue zum Menschen ist auch in der chinesischen Sprache sprichwörtlich.

„So wenig es ein Kind stört, wenn die Mutter hässlich ist, so wenig stört es einen Hund,
wenn die Familie arm ist.“
Zǐ bù xián mǔ chǒu, gǒu bù xián jiā pín子不嫌母丑、狗不嫌家贫

 

Kleine Kinder und Hunde lieben denjenigen, dem sie eng verbunden sind, ohne ihn dabei auch nur in irgendeiner Weise zu beurteilen. Eine solche Liebe tut wohl. Wer fraglos geliebt wird, gewinnt Sicherheit und Freiheit, so zu sein, wie er eben ist. Dies dürfte jedem Hundebesitzer so ergehen, der von seinem Hund bedingungslos geliebt wird. Besonders aber Menschen, die aus welchen Gründen auch immer am Rand der Gesellschaft stehen, wissen, wie wohl es tut einem freundlich gesonnenen Hund begegnen oder einen solchen lieben Begleiter dauerhaft an ihrer Seite zu haben.

Hund, Linoldruck

Hunde mögen nicht alle fremden Menschen, manche verbellen oder beißen sie. Auch daraus kann man etwas für die Ausübung der Tugend xìn 信 lernen: Wenn sie auch noch so eine zentrale menschliche Angelegenheit ist, heißt das nicht, dass man jedem vertrauen und jeden zum Freund haben sollte. Trau schau wem – wer jedem blindlings vertraut, bringt sich in Gefahr. Bei xìn 信geht es um die echte, bewährte Freundschaft. In diesem Sinne bietet das Jahr des Hundes Anlass, guten Freunden und treuen Partnern dankbar zu sein und sich einmal mehr vorzunehmen, ihnen in guten und schlechten Zeiten ein treuer, verlässlicher Begleiter zu sein.

 

Das Perikard: Wächter und Ausdruck der Herzensfreude

Auf der Organ-Uhr der chinesischen Medizin findet die Doppelstunde des Hundes zwischen 19 und 21 Uhr statt. Es ist die Zeit des Perikards oder Herzbeutels. Dieser hat die Aufgabe, aufmerksam wie ein Torwächter oder wie ein Wachhund vor dem Herzen zu stehen, dem Palast der geistigen Kräfte. Wie ein Hund hinter dem Gartentor lässt das Perikard nur ein, was es als vertrauenswürdig und ungefährlich einstuft. So schützt es das Innere des Herzens vor emotionalen Verletzungen, die letztlich krank machen können. Ebenso ist es die Aufgabe des Perikards, Lust und Freude des Herzens Ausdruck zu verleihen; in dieser Rolle ermöglicht es die Knüpfung und Pflege herzlicher, liebevoller Beziehungen zu anderen Menschen. Dieses Amt übernimmt auch der Hund am Gartentor gerne, mit Begeisterung und vollem Körpereinsatz, wann immer seine Menschen willkommenen und vertrauten Besuch erhalten.

Statue des treuen Hundes Hachiko in Tokyo. Hachiko holte sein Herrchen täglich am Bahnhof ab. Selbst nach dessen Tod wartete er dort jahrelang jeden Abend auf ihn, bis er selbst verstarb.

 

Schlussgedanke

Mit diesen Einblicken in die alte Symbolsprache der Himmelsstämme und Erdzweige, der Hexagramme, der Kräfte von Yin und Yang, der fünf Wandlungsphasen und in das chinesische Organverständnis entsteht letztlich ein stimmiges Bild, das die Situation im Jahr des Hundes beschreibt. Dieses Bild ist spannungsreich. Denn es vermittelt einerseits das bange Gefühl, dass insgesamt härtere Tage bevorstehen; diese sind so bedrohlich, wie der winterliche Untergang des Yang für die Wesen auf dieser Welt eben ist. Inmitten dieses Unbehagens entsteht jedoch eine begründete Hoffnung in Form der Erde, welche das Yang in sich aufnimmt, um es auf seinen neuen Anstieg vorzubereiten. Auf diesen positiven Ausgang kann man sich verlassen, da es sich um ein kosmisch wirksames Prinzip handelt, das nach dem Schwinden wieder den Neuanfang und das Wachstum vorsieht.

Für unsere Lebenspraxis in diesem Jahr und auch darüber hinaus regt dieses Bild dazu an, im Vertrauen auf diese übergreifenden sinnhaften Zusammenhänge angesichts destruktiver Erfahrungen des „Erlöschens“ oder der „Zersplitterung“ innerlich gelassen zu bleiben. Diese Gelassenheit ist schon allein deshalb hilfreich, da sie Kräfte spart, die man in schwierigen, „winterlichen“ Zeiten gut brauchen kann.

Zwischenmenschlich entstehen Vertrauen und Gelassenheit aus der gelebten Erfahrung in guten, engen und von Treue geprägten Beziehungen. Zu erfahren, dass es Menschen gibt, die auch in dunklen Zeiten noch da sind und es gut mit einem meinen, ist ein großes Glück. Insofern ist das Jahr des Hundes ein Anlass, sich über gute Freundschaften zu freuen und sie weiter zu vertiefen und zu pflegen. Es ist aber auch ein Anlass zur Klugheit in Vertrauensfragen: Wer als Freund taugt und wer nicht, und wo Vertrauen angebracht ist und wo nicht, sollte man gut unterscheiden. Mit dieser Mischung aus einem grundsätzlichen Vertrauen in den Lauf der Dinge, kluger Vorsicht in der Auswahl seiner Vertrauten und echter Freude am Austausch mit ihnen dürfte man doch ganz gut durch dieses neue Jahr kommen, wie auch immer es sich dann im Einzelnen gestalten mag.

 

Berühmte Hunde:

Gustl Bayerhammer 1922 – 1993), Mutter Theresa 1910 – 1997), Jane Godall (*1934), Bertold Brecht (1898 – 1956), Judi Dench (*1934), Udo Lindenberg (*1946), Juri Gagarin (1934–1968), Roman Herzog (1934–2017).

 

Hunde-Briefmarken aus der VR China