Von Uta Weigelt

Als ich im Jahre 1988 zum ersten Mal durch Beijings Hutongs streifte, hatte ich schon nach wenigen hundert Metern vollends die Orientierung in dem Gewirr von engen Gassen verloren – nur dank meines kundigen Begleiters fand ich schließlich den Weg zu einem Arzt, der in einem kleinen Zimmer in einem typischen Beijinger Hofhaus (siheyuan 四合院) seine Praxis hatte.

Hutong-Siedlung in der Nähe des Glockenturms

Hutong-Siedlung in der Nähe des Glockenturms

Über Jahrhunderte hinweg wurde die Stadtstruktur Beijings von solchen ein- bis zweigeschössigen Gebäudekomplexen geprägt, die sich, durch Gassen, Straßen und Alleen verbunden, um das Zentrum der Stadt, die Verbotene Stadt, gruppierten. Das klassische Beijinger Hofhaus besteht aus vier architektonischen Einheiten, deren Fenster nicht nach außen auf die Hutong, sondern nach innen, auf einen mit Pflanzen und Bäumen begrünten Innenhof gerichtet sind. So bilden sie eine abgeschlossene Einheit, die vor fremden Blicken schützt. Je nach sozialem Rang und finanziellen Hintergrund der ehemaligen Eigentümer ergänzen weitere Gebäude die bauliche Anordnung. Das Grau der Mauern wird nur durch die meist roten Eingangstore und die teils Jahrhunderte alten Schatten spendenden Bäume unterbrochen. Diese klare, schachbrettartige Gliederung der Beijinger Stadtstruktur basierte auf der Vorstellung einer Idealstadt, welche die konfuzianische Vorstellung von Ordnung, Hierarchie und Zentralismus ebenso widerspiegelt wie das daoistische Bild des harmonischen Zusammenspiels von Himmel und Mensch.
Das alte Stadtbild Beijings hat sich jedoch in den letzten Jahrzehnten aufgrund der explodierenden Einwohnerzahl drastisch verändert. Die kollektiven sanitären Einrichtungen in den Gassen sowie die baulichen Verdichtungen und Überbelegungen der Wohnhäuser konnten der immer weiter ansteigenden Bevölkerungszahl nicht mehr Stand halten, andere, mehr Bewohner fassende und weniger Platz einnehmende Wohnformen wurden bevorzugt. Als Folge sind mindestens zwei Drittel der Hutong-Siedlungen Beijings dem einsetzenden Bauboom zum Opfer gefallen. Einige wenige Viertel wurden jedoch erhalten, manche restauriert, manche abgerissen und mehr oder weniger nach altem Vorbild wiederaufgebaut. Die ehemaligen Bewohner können es sich jedoch nun oft nicht mehr leisten, in den Hutong-Siedlungen zu wohnen. Die neuen Eigentümer und Mieter sind oft wohlhabende Bürger und Ausländer, die es genießen, im alten Beijing zu leben. Alte, über Jahrhunderte gewachsene Nachbarschaftsstrukturen und soziale Netzwerke wurden so unwiderruflich zerstört.

Teilweise abgerissenes Hutong-Gebäude

Teilweise abgerissenes Hutong-Gebäude

Zu den ältesten noch erhaltenen Hutongs zählt die Sanmiaojie (三庙街), deren Geschichte sich über 900 Jahre bis in die Zeit der Liao-Dynastie (907–1125) zurückverfolgen lässt. Als längste Hutong der Stadt gilt die etwa 1,5 km lange Dongjiaomin Xiang (东交民巷), als kürzeste die etwa 20 Meter lange Yichi Dajie (一尺大街); mit 32 Metern ist die Lingjing Hutong (灵境胡同) die breiteste, während die Qianshi Hutong (钱市胡同) an ihrer schmalsten Stelle nur 40 Zentimeter misst. Die südlich der Qianmian Dajie gelegene Jiuwan Hutong (九湾胡同) zählt nicht, wie ihr Name vermuten lässt, neun, sondern 13 Krümmungen und ist somit die Gasse mit den meisten Windungen.

Nanluogu Xiang

Als Musterbeispiel für eine gelungene Hutong-Sanierung – der Begriff „Hutong“ wird hier weniger im Sinne von „Gasse“, sondern im Sinne von „Wohnviertel“ verwendet – wird gerne die Nanluogu Xiang (南锣鼓巷) genannt, die im nordwestlichen Teil Beijings im Dongcheng-Distrikt (Dongcheng qu 东城区) zu finden ist. Der Nanluogu Xiang-Distrikt entwickelte sich in der Yuan-Zeit (1279–1368) und ist ein gutes Beispiel für die damals übliche schachbrettartige Stadtplanung. Geographisch gesehen bildet die Nanluogu Xiang eine zentrale Achse, die im Norden von der Gulou Dongdajie abgeht und im Süden in die Di’anmen Dongdajie mündet. Von ihr zweigen je acht kleine Gassen, die Hutongs, nach Westen und Osten ab. Der Begriff „Hutong“ leitet sich aus dem Mongolischen hudun ab und bedeutet „Brunnen“. Der Brunnen war früher der zentrale Ort einer Siedlung. Einer Legende zufolge soll es einst am nördlichen Ende der Nanluogu Xiang zwei Brunnen gegeben haben, welche die Augen der Tausendfüßler bildeten. Die vielen kleinen Gassen, die von der von Norden nach Süden verlaufenden Nanluogu Xiang abzweigten, gaben ihr so den Spitznamen „Tausendfüßlergasse“ (Wugong Hutong 蜈蚣胡同).
Im Norden der Verbotenen Stadt gelegen galt das Gebiet wegen seines ausgezeichneten Fengshuis als beliebte Wohngegend bei den Reichen und Adeligen. Zur Kaiserzeit residierten hier reiche und mächtige Minister und Generäle sowie Angehörige des Hofes: Die letzte Kaiserin von China, Gobulo Wanrong (1906–1964), lebte vor ihrer Hochzeit und dem damit verbundenen Einzug in die Verbotene Stadt im Mao’er Hutong, der mongolische Prinz und General Sengge Rinchen (1811–1865) im Chaodou Hutong. In der Republik-Zeit verbrachten Politiker, Generäle, Wissenschaftler und Literaten wie beispielsweise Sun Yat-sen (1866–1925), Chiang Kai-shek (1887–1975), Duan Qirui (1865–1936), Feng Guozhang (1859–1919), Zhan Tianyou (1861–1919), Mao Dun (1896–1981) und Qi Baishi (1864–1957) eine gewisse Zeit in den Wohnhäusern in den Hutongs an der Nanluogu Xiang. Das Hauptquartier Qiang Kaisheks lag etwa im Houyuan’ensi Hutong (后园恩寺胡同). Im Keyuan (可园), einem der schönsten Gebäudekomplexe in Beijings Altstadt, waren einst nacheinander ein Qing-zeitlicher Minister, ein mit Japan verbündeter Militärbefehlshaber sowie die nordkoreanische Botschaft untergebracht. Die meisten dieser Wohnhäuser sind für die Öffentlichkeit jedoch bis heute nicht zugänglich. Will man sich ein Bild der einstigen Wohnstruktur eines Hofhauses machen, so bietet sich der Besuch eines der idyllischen Hutong-Hotels an.
Wo einst nur eine Familie wohnte, sind seit Maos Zeiten viele Familien in einem Hofhaus untergebracht, was bauliche Änderungen zur Folge hatte: der Innenhof wurde oft verbaut, Zimmer wurden hinzugefügt oder bereits bestehende in kleinere Einheiten umgewandelt. Bis heute müssen manche Bewohner öffentliche Toiletten aufsuchen.

Morgenspaziergang

Morgenspaziergang

Als ich 1997 zum ersten Mal in der Nanluogu Xiang Hutong längere Zeit gewohnt habe, gab es in der Gegend nur wenige Geschäfte, einen Schneider, der in seinem winzigen Wohn- und Arbeitszimmer lebte, ein paar kleine Restaurants, die typische Beijinger Kost anboten, und einen kleinen Tante-Emma-Laden, in dem man alles Notwendige einkaufen konnte. Früh morgens begegnete man den Einheimischen, die noch in ihr Nachtgewand gekleidet auf dem Weg zur Gemeinschaftstoilette waren, Lebensmittel, Kohle und anderes wurden mit dem Dreirad angeliefert, an warmen sonnigen Tagen saßen die Bewohner auf kleinen Hockern unter Schatten spendenden Bäumen an der Straße, ihre Vogelkäfige hingen in den Bäumen, man bereitete an der Gasse Essen vor, spielte, unterhielt sich und beobachtete das bunte Treiben. Wo einst der Schneider in seinem kleinen Wohn- und Arbeitszimmer lebte und unter seinem Arbeitstisch schlief, ist heute ein Café untergebracht, in dem sich die hippe Beijinger Jugend sowie Studenten – die Central Academy of Drama Theatre ist in der nahegelegenen Dongmianhua Hutong (东棉花胡同) untergebracht – und viele ausländische wie chinesische Touristen nach einem Spaziergang stärken.
Am Südende der Straße befindet sich seit ein paar Jahren ein U-Bahneingang. Die wenigen kleinen, schlichten Restaurants von einst sind längst Souvenirläden und Teestuben, Crêpes-Buden und Bars gewichen, durch die Hutong wälzen sich tagsüber chinesische wie ausländische Besucher, Touristen werden in Fahrradrikschas durch die schmalen Gassen kutschiert, sogar Autos zwängen sich durch die Menge. Nur in den frühen Morgenstunden, wenn die Touristen noch nicht unterwegs, die Geschäfte und Restaurants noch geschlossen sind, kann man sich ein Bild vom alten China machen. Dann sieht man wieder die Beijinger im Pyjama ihren Hund ausführen, auf Dreirädern umherfahren und manchmal sogar noch eine alte Dame mit gebundenen Füßen, die vor ihrem Hauseingang die morgendliche Stille genießt.

3. Die Nanluogu Xiang am frühen Morgen, den beiden Figuren im Hintergrund fehlen noch die Köpfe, die abends abgenommen werden.

Die Nanluogu Xiang am frühen Morgen, den beiden Figuren im Hintergrund fehlen noch die Köpfe, die abends abgenommen werden.

In anderen alten Vierteln Beijings ist es auch heute noch ruhiger und beschaulicher. Hier kann man auch tagsüber noch mit den alteingesessenen Beijingern über vergangene Zeiten plaudern. Nur wenige Reisende haben jedoch die Zeit, nach der Besichtigung der klassischen Sehenswürdigkeiten Beijings auch noch länger durch die Hutongs zu streifen. So bleiben die Niujie-Moschee (牛街礼拜寺) und die wahrscheinlich älteste Gasse, die Zhuanta Hutong (砖塔胡同) mit der alten Ziegelpagode, die ihren Namen seit mehr als 800 Jahren trägt, kleine, von vielen bis heute unbemerkte Fenster in die kaiserliche Vergangenheit Beijings.

Mehr Fotos aus den Hutong in Beijing

Kleiner Hutong-Laden

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Einzug der Moderne

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Gebundene Füße

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In der Morgensonne

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Das Durchfahren der Gasse mit dem Auto ist von 7 Uhr bis 22 Uhr verboten

Das Durchfahren der Gasse mit dem Auto ist von 7 Uhr bis 22 Uhr verboten

Am frühen Morgen

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