Von Irmgard Enzinger

Nach chinesischem Verständnis leben wir seit dem 8. Februar 2016 im Jahr des Feuer-Affen. Es gibt zahlreiche Prognosen: Ein unruhiges Jahr soll es werden, in dem es auf und ab geht. Viele Möglichkeiten können sich ganz plötzlich und schnell ergeben. Sie führen mal zu viel und mal zu wenig, und auf alle Fälle wird es einem nicht langweilig werden. Als schlauer Kopf gilt er, der Affe, und als Spieler. Er zeigt sich mutig und auffallend frei von Selbstzweifeln. Man liebt ihn oder ärgert sich über ihn als einen unabhängigen Kerl, der sich nicht gerne an Regeln hält und das Unkonventionelle liebt. Er soll etwas Schillerndes an sich haben und zugleich etwas ganz Reines, weil er so geradeheraus und ohne Umschweife handeln kann.

Affe, Linolschnitt von Irmgard Enzinger

Affe, Linolschnitt von Irmgard Enzinger

Vielleicht lässt sich sein Wesen besser verstehen, wenn man es in der Symbolsprache der altchinesischen Weltdeutung betrachtet, also erst einmal zu den alten Vorstellungen zurückgeht, die dem chinesischen Horoskop zugrunde liegen: Das sind die zehn so genannten „Himmelsstämme“, die ein Jahr der Wandlungsphase Wasser, Holz, Feuer, Erde oder Metall zuordnen, und natürlich die zwölf „Erdzweige“, die der Volksmund zu den zwölf Tieren des Horoskops gemacht hat. Und es geht auch um Kräfte wie Yin 阴 und Yang 阳 und die fünf Wandlungsphasen, und, nicht zu vergessen, um die Hexagramme des „Buchs der Wandlungen“ Yijing 易经.

 

Feuriger Himmelsstamm und metallener Erdzweig

Eigentlich steht das Jahr des Feueraffen für das Jahr bing shen 丙申 im alten Mondkalender, also die Kombination aus dem Himmelsstamm bing und dem Erdzweig shen. Der Affe steht dabei für den Erd-Aspekt dieses Jahres, den Erdzweig shen. Das Feuer ist die Wandlungsphase des diesjährigen Himmels-Aspekts, des Himmelsstamms bing, der traditionell als Yang-Feuer charakterisiert wird.

Was aber bedeuten die Wörter bing und shen genau? Auch heutigen Chinesen erscheinen solche Begriffe, die seit alten Zeiten die Jahre, Monate, Tage und Stunden des Mondkalenders benennen, fremd und geheimnisvoll, ihre Aussage ist für den Laien schon lange nicht mehr offensichtlich. Vielleicht lässt sich aber, um der Sache auf den Grund zu gehen, eine Art Bedeutungs-Archäologie betreiben, indem man die ältesten, zwei- bis dreitausend Jahre alten Versionen der Schriftzeichen bing und shen betrachtet? Möglicher Weise kann man aus ihnen noch ein paar Grundideen herauslesen, welche die Wesenszüge des „Feuer-Affen“ bis heute prägen.

Abbildung 1: Zwei Orakelkochen- und zwei Bronze-Schriftzeichen des Erdzweigs shen 申

Abbildung 1: Zwei Orakelkochen- und zwei Bronze-Schriftzeichen des Erdzweigs shen

Schriftzeichen für den Erdzweig shen 申 zeigen in den überlieferten Zeichen-Varianten auf Orakelknochen und Bronzegefäßen zwei Hände, manchmal halten diese Hände auch ein Seil in ihrer Mitte. Der Affe, der schon seit vielen Jahrhunderten im Volksmund den Erdzweig shen verkörpert, passt hier gut ins Bild. Seine kräftigen Hände sind etwas Besonderes, denn sie haben wie beim Menschen einen Daumen, der gegenständig zu den anderen Fingern ausgerichtet ist, so dass die Hand etwas umfassen kann. Ein Seil etwa lässt sich damit gut greifen, und es ist bewundernswert, wie mühelos sich Affen von Ast zu Ast oder etwa an Lianen entlang hangeln können; gleichzeitig greifen sie etwa geschickt nach dem kleinen Ungeziefer im Fell eines anderen. Die beiden Hände, die sich in allen bekannten alten Versionen des Zeichens shen finden, werden abstrakter oft als zwei gegensätzliche Kräfte interpretiert, die miteinander ringen.

Abbildung 2: Zwei Orakelkochen- und zwei Bronze-Schriftzeichen des Himmelsstamms bing 丙

Abbildung 2: Zwei Orakelkochen- und zwei Bronze-Schriftzeichen des Himmelsstamms bing 丙

Der Himmelsstamm bing丙 wiederum stellt als Zeichen vermutlich eine Feuerstelle dar. Dies ist gerade im letzten Beispiel von Abb. 2 deutlich, wo das Zeichen für Feuer 火 klar erkennbar ist. Dass bing etwas mit Feuer zu tun hat, zeigt sich bis heute in seiner Einordnung als „Yang-Feuer“ unter den Himmelsstämmen. Die sich hell, aktiv und männlich gebärdende Kraft Yang ist im Jahr des Feuer-Affen sehr stark vertreten, denn Feuer ist an sich bereits das Große Yang (tai yang 太阳), und der Affe verkörpert als Erdzweig shen immer das Metall in seinem Yang-Aspekt; Metall wiederum steht jedoch für das Junge Yin (shao yin 少阴), womit der Yin-Charakter dieses Jahres mindestens ebenso großes Gewicht erhält.

Im Bereich der Wandlungsphasen ist die Verbindung bing shen also durch die Beziehung zwischen Feuer und Metall geprägt. Diese beiden verhalten sich einerseits so zueinander, dass Feuer das Metall kontrollieren kann, denn durch Hitze lässt sich Metall schmelzen und schließlich formen. Ist aber andererseits das Metall stärker als das Feuer, kann es dieses überwältigen; eine kleine Flamme kann man leicht durch einen großen metallenen Gegenstand ersticken. Somit liegt hier ein durchaus spannungsreiches Verhältnis vor, zwischen zwei Kräften, die miteinander ringen, solange nicht klar ist, wer die Oberhand gewinnen wird.

 

Das Jahr in den „Wandlungen“: Das Hexagramm pi

Und welches Bild des Affen ergibt sich im Blick auf die Hexagramme des Klassikers „Buch der Wandlungen“ (Yijing 易经), genauer gesagt auf dessen zwölf Hexagramme, die, wie in Abb. 3 erkennbar, traditionell die zwölf Erdzweige beschreiben?

Abbildung 3: Zwölf Erdzweige und zwölf Hexagramme

Abbildung 3: Zwölf Erdzweige und zwölf Hexagramme

Der Affen-Erdzweig shen stellt sich in dieser Zuordnung als krisenhafter Moment dar. Er entspricht dem Hexagramm pi 否. Dieses zeigt im unteren Teil-Trigramm die Erde kun 坤 und im oberen Teil-Trigramm den Himmel qian 乾. Unten die Erde und oben der Himmel, diese räumliche Anordnung ergibt jedoch nur auf den ersten Blick eine stimmige Kosmologie. Denn in ihr driften Himmel und Erde ihrer natürlichen Bewegungsrichtung gemäß auseinander: Der „Himmel“ strebt immer weiter nach oben, während die „Erde“ immer weiter nach unten sinken will.  Damit aber fliehen sich der „Himmel“ und die „Erde“ und kehren einander den Rücken zu, anstatt, wie es im umgekehrten Hexagramm tai 泰 (Tierkreiszeichen Tiger) der Fall wäre, zusammenzuwirken und miteinander neues Leben hervorzubringen.

Abbildung 4: De Hexagramme tai 泰 und pi 否

Abbildung 4: Die Hexagramme pi 否 und tai 泰否

Betrachtet man die zwölf Tiere als Embleme der zwölf Monate in Jahreskreis, so beginnt nicht umsonst mit dem Affen-Monat der Herbst, der geprägt ist vom Metall-Element, also von der Schärfe, von Trauer und vom Rückzug der Kräfte. Hier geschieht etwas Einschneidendes, Prozesse geraten ins Stocken. Ganz passend wird deshalb der Name pi von Richard Wilhelm als „Stockung“ übersetzt, wenn er den Hexagramm-Text so wiedergibt:

Die Stockung.
Schlechte Menschen sind nicht fördernd
für die Beharrlichkeit des Edlen.
Das Große geht hin, das Kleine kommt herbei.

Das Urteil, dass mit dem Hexagramm pi „das Kleine“ herbeikomme, erklärt sich wiederum aus der ebenso üblichen, anders akzentuierten Deutungspraxis, die in jedem Hexagramm ein Wachstum von unten nach oben verfolgt. Werden Himmel und Erde unter dieser Voraussetzung betrachtet, macht sich tatsächlich die Erde, also das Niedrige, daran, die hohe, dem Himmel vorbehaltene Position zu usurpieren. Im Seidenmanuskript des Mawangdui-Yijing heißt das Hexagramm nicht pi, sondern fu 妇 „Die Frau“, und der Hexagramm-Text lautet entsprechend:

Die Frau einer wichtigen Persönlichkeit ist kein [gewöhnlicher] Mensch,
das ist für die Bestimmung des [Landes] Herrn nicht vorteilhaft;
das Große geht und das Kleine kommt. (Übers.: Dominique Hertzer)

Historisch spielt dieser Text offenbar auf die Ablösung der „großen“ Shang- durch die „kleine“ Zhou-Dynastie um das 11. Jh. v. Chr. an, bei der, wie so oft in der chinesischen Geschichtsschreibung, im Nachhinein einer Frau die Schuld für den Untergang einer Dynastie zugeschoben wurde. Solche Deutungen entsprechen dem patriarchalen Weltbild, wonach schwache Positionen weiblich und Machtpositionen männlich besetzt sein müssen. Dass die Erde nach oben strebt, bezeichnet aus dieser Sicht einen unmoralischen, zu verurteilenden Akt. Entsprechend sieht auch der Text des Hexagramms pi hier „schlechte Menschen“ am Werk, deren Trachten dem „Edlen“ oben nicht förderlich sein kann.

Ganz wertungsfrei betrachtet stellt der Erdzweig shen bzw. das Hexagramm pi hingegen schlicht den Moment dar, in dem die Kräfte des Yin, symbolisiert durch die unterbrochenen, weichen Linien, so weit angewachsen sind, dass sie schon ebenso viel Raum einnehmen wie das Yang und nun kurz davor sind, Übergewicht zu erlangen. Dies ist ein normaler, notwendiger Vorgang. Das herbstliche und winterliche Yin ist im Jahreskreis genauso sinnvoll wie das frühlingshafte und sommerliche Yang. In allen Leben spendenden Zyklen muss Qi 气 kondensieren, sich sammeln und absteigen können, damit es Kräfte gewinnen kann, um später wieder aktiv zu werden, aufzusteigen und sich auszubreiten. Emotional bedeutet der Übergang von der yang- zur yin-betonten Seite des Kreislaufes freilich einen Abschied vom Rausch der Aktivität, und bei diesem Abschied stellen sich naturgemäß Trauer und Wehmut ein. Solche Gefühle sind die Gefährten des Herbstes. Der Herbst und die mit ihm verbundene Traurigkeit haben in China wie im Westen die Dichter zu großen sprachlichen Kunstwerken inspiriert.

 

Affenrufe

Tatsächlich sind Affen – im realen Leben Gibbons und Makaken – ein häufiges Motiv in der chinesischen Dichtung, ihr Erscheinen, oft nur als ihr Rufen im Walde wahrnehmbar, weckt dabei Gefühle der Sehnsucht. Oft ist es der Verlust der fernen nördlichen Heimat, der den Dichter traurig stimmt, wenn er, vom Schicksal weit in den Süden verschlagen, das fremdartige Rufen der Affen hört. Schon Qu Yuan 屈原, geb. etwa 340 v. Chr., erzählt vom Ruf der Affen, wenn er die unerfüllte Liebe zu einer schönen, auf einer Wildkatze reitenden Berggöttin, Shan gui 山鬼, in seinem gleichnamigen Lied besingt. Gegen Ende des Gesangs lässt er das traurige Heulen der Affen erklingen, und im letzten Vers kommt die Schöne selbst zu Wort:

雷填填兮雨冥冥        Donner grollen und grollen, ach! Regen, düster und düster.
猿啾啾兮狖夜鸣        Affen rufen und rufen, ach! Heulen sie durch die Nacht.
风飒飒兮木萧萧        Wind pfeift und pfeift, ach! Hölzer verstreut, gebrochen.
思公子兮徒离忧        Wie ich ihn vermisse, ach! Purer Schmerz des Abschieds!

(Übers: Irmgard Enzinger)

Auch tausend Jahre später in der Tang-Zeit sind in der Dichtersprache Li Bais 李白 (701―762) oder Du Fus 杜甫 (712―770) Affen eine gängige Metapher für Kummer und Sehnsucht. Sie sind dem Gebildeten bis heute als solche vertraut.

 

Abbildung 5: Schnellstens mit einem hohen Amt betraut werden, ma shang feng hou 马上封侯

Abbildung 5: Schnellstens mit einem hohen Amt betraut werden, ma shang feng hou 马上封侯

 

Der Affe in Amt und Würden

Geradezu einen Salto schlägt der Affe allerdings, wenn er sich aus den hohen Gefilden der Dichtkunst in die bunte Welt der Volkskultur begibt. Hier ist er alles andere als ein Trauerkloß, er erfährt Liebe und Bewunderung und wird zum Hoffnungsträger der kleinen Leute. Dieses ganz andere Erscheinungsbild hat viele Ursachen. Eine davon ist wohl der Gleichklang der Wörter „Affe“ 猴 hou und „hoher Amtsträger“ hou 侯; diese zwei Wörter ähneln sich auch in ihren Schriftzeichen, so dass das Bild des Affen als Anspielung auf ein hohes, einträgliches und ehrenvolles Amt verstanden werden kann. Diese Anspielung führt die Motivsprache der Volkskunst in vielen Variationen aus. So ist die Darstellung eines Affen auf dem Pferd ein beliebter Ausdruck für den Wunsch, „schnellstens (= auf dem Pferd) mit einem hohen Amt betraut zu werden, ma shang feng hou 马上封侯 .“

Abbildung 6: Ein Amt erlangen und das Siegel aufhängen, feng hou gua yin 封侯挂印

Abbildung 6: Ein Amt erlangen und das Siegel aufhängen, feng hou gua yin 封侯挂印

Dieser Moment sozialen Aufstiegs findet in der Gestalt des Affen ein Bild: Ein Affe, der hoch in den Bäumen – also in einer erhabenen Position – sein Amtssiegel an einem Ast aufgehängt hat. Dieses Siegel ist in China ein Symbol der Macht und das entscheidende Werkzeug zur Ausübung behördlicher Gewalt.

Abbildung 7: Generation für Generation mit hohen Ämtern betraut, bei bei feng hou 辈辈封侯

Abbildung 7: Generation für Generation mit hohen Ämtern betraut, bei bei feng hou 辈辈封侯

Der Stolz oder auch die Hoffnung darauf, dass es einer Familie gelingt, Generation für Generation (bei bei 辈辈) hohe Ämter zu bekleiden und damit auf Dauer Macht und Wohlstand zu genießen, findet Ausdruck in einem Affen, auf dessen Rücken (bei 背) ein weiterer Affe reitet. Ein Affe trägt sein Kind auf dem Rücken: Genauso natürlich sollen sich also Amt und Würden in der Familie weitervererben!

 

Der Affenkönig

Die Beliebtheit des Affen geht aber vor allem auf die überaus populäre Figur des Affenkönigs Sun Wukong 孙悟空 zurück, dessen Abenteuer Wu Cheng’en 吴承恩 im 16. Jahrhundert im Roman Reise nach dem Westen, Xi you ji 西游记, niedergeschrieben hat. Auch in den Opern-, Schatten- und Puppentheater-Traditionen zählen Geschichten um den Affenkönig zum Repertoire, und heute kennt man sie in vielen Variationen aus Film und Fernsehen.

Sun Wukong erlangt durch Meditation übernatürliche Fähigkeiten und, nachdem er sich im himmlischen Pfirsich-Garten freimütig an den Pfirsichen der Götter gütlich getan hat, sogar die von ihm ersehnte Unsterblichkeit. Er ist dem Affenvolk ein fürsorglicher Herrscher, kämpft tapfer und mit magischen Wandlungskünsten gegen Dämonen und bringt in seinem Übermut und rebellischen Charakter den Himmelspalast durcheinander. Er überlistet sämtliche himmlische Heerscharen, die der Jadekaiser gegen ihn auffährt, und kann schließlich nur durch Buddha persönlich gefangen genommen werden. Der barmherzige weibliche Bodhisattwa Guanyin 观音 schickt ihn schließlich als Begleiter des Mönches Xuanzang 玄奘 auf eine gefährliche Pilgerfahrt in das im Westen gelegene Indien, um von dort heilige Schriften nach China zu bringen. Auch das Schwein Zhu Bajie 猪八戒 , der hässliche, halbdämonische Pferdeführer Sha Wujing 沙悟净 und ein weißes Pferd sind mit von der Partie. Der bunte Haufen besteht unerschrocken eine Serie von 81 Abenteuern, in denen er sich gegen allerhand Geister und Dämonen zu Wehr setzen muss. Mit einer unvergleichlichen Mischung aus Mut, Witz und akrobatischer Kampfkunst führt Sun Wukong seine Gefährten aus den aussichtlosesten Situationen heraus. Auch auf dieser heiligen Wallfahrt bricht der Affenkönig ein ums andere Mal heilige Gesetze und Regeln und muss daher immer wieder Buße tun. Aber von Anfang an ist er nicht nur ein Aufrührer und Rebell, sondern ein gutherziger Bursche, der sich den Dämonen entschlossen entgegenwirft und im Grunde den Weg der Selbstkultivierung verfolgt.

Abbildung 8: Sun Wukong

Abbildung 8: Sun Wukong

Der rebellische Sun Wukong, der sich von Anfang an nicht mit einem Leben als bloßer Affe und als sterbliches Wesen zufrieden geben wollte und selbst vor der Macht des göttlichen Jadekaisers nicht einknickte: Dieser Charakter entspricht ganz dem Hexagramm pi, wo das festgelegte Zusammenspiel von Himmel und Erde, von oben und unten, durcheinander gerät und Stockungen verursacht. Der Aufstieg der Erde in den Bezirk des Himmels, dieses Bild ist für das normale Volk, also für die Unteren, die nach dem Willen der Mächtigen immer unten bleiben sollten, ein großes Bild der Hoffnung. Der Affenkönig ist wohl nicht nur durch sein unterhaltsames Wesen, sondern eben für seine mutige Selbsterhebung aus den sozialen Niederungen bei Lesern und Zuschauern so beliebt. Denn jeder weiß, auch wenn es die Erbauungsgeschichten der Konfuzianer anders erzählen: Nach oben kommen nicht die Braven und Bescheidenen. Man muss dazu schon eine gewisse Schlauheit, Frechheit und Respektlosigkeit mitbringen. Wenn so einer dann noch ein gutes Herz hat und seine Missetaten immer wieder ehrlich bereut, dann gönnt man seinen Erfolg. Man wäre auch gerne so einer wie er: ein ganzer Kerl!

 

Spiele des Affen im Wushu

Die große Geschicklichkeit von Affen und insbesondere die geheimnisvollen kämpferischen Fähigkeiten des Affenkönigs Sun Wukong lassen auch Kampfkunst-Übende in allen Disziplinen immer wieder an die Lebenswelt des Affen denken. Im Taijiquan gibt es etwa die bekannten Bewegungen „Rückwärtsgehen und den Affen vertreiben“ Dao nian hou 倒撵猴 oder „Der weiße Affe bietet Früchte dar“ Bai yuan xian guo 白猿獻果.

Im Kungfu imitieren sogar ganze Stil-Traditionen in ihren Bewegungen das Wesen und die Bewegungsmuster der Affen. Da ist zum einen die berühmte waffenlose Form „Affen-Faust“, Hou quan 猴拳, zum anderen die auf den Indien-Reisenden Sun Wukong anspielende „Pilger-Schule“ Xingzhe men 行者门, die „Südliche Affen-Faust“ Nan hou quan 南猴拳 der Shaolin-Mönche und schließlich die durch die Kungfu-Filme bekannte Hongkonger „Pi-und-Gua-Schule des Großen Heiligen“ Tai Shing pek kwar 大圣劈挂 , wobei sich „Großer Heilige“ auf Sun Wukong bezieht. Unter den Affen-Stilen gibt es Faust-, Schwert-, Säbel-, Stock-, Speer- und noch viele andere Waffenformen. Sie alle sind ausgesprochen akrobatisch, und die Saltos des Affenkönigs dürfen hier natürlich nicht fehlen. Am meisten fallen dabei die dem Affen typische Mimik, seine Körperhaltungen und Bewegungsmuster auf. Affen-Formen sind für den Trainierenden schwer zu erlernen und für Zuschauer unterhaltsam und faszinierend.

Tatsächlich bietet der Bereich des Wushu einen ganz besonderen Zugang zur Welt des Affen, denn hier geht es darum, sich in ihn hineinzuversetzen: In der Nachahmung seiner Bewegungen ruft man die spezielle Atmosphäre auf, die ihn umgibt, seine ganze Ausstrahlung – also ganz bestimmte Qualitäten von Qi – und nicht zuletzt versucht man annähernd seinen Geist zu verwirklichen.

Das ist auch möglich für diejenigen, die  lieber Qigong als Kungfu üben. Das „Spiel der fünf Tiere“ Wu qin xi 五禽戏 mündet nach den Spielen des Bären, des Kranichs, des Tigers und des Hirschen im „Spiel des Affen“ Yuan xi 猿戏, in dem man sich als Affe auf die Zehen stellt und Ausschau hält, verstohlen um sich blickt, eine Frucht pflückt und sie anschaut, Früchte darbringt oder Reißaus nimmt und sich versteckt. Man spielt den Affen, wenn man sich bereits durch die anderen Tiere warm und geschmeidig gemacht hat, denn er erfordert eine größere Beweglichkeit als sie, hier sind die Bewegungen gewandter und flinker. Den Geist des Affen zeigt man in einem wachsamen Blick, neugierig und zugleich etwas scheu. Dieser innere Aspekt ist besonders wichtig, denn unter den fünf Tieren verkörpert der Affe die Wandlungsphase Feuer und damit das Herz-Organ, in welchem die geistigen Kräfte des Menschen zuhause sind.

Große Wirkkraft, Reichweite und Klarheit gewinnt der Geist auf der Basis innerer Ruhe und Gelassenheit. Mit dieser inneren Haltung kann man sich auf die flinken und lustigen Spiele auch des Feueraffen in seinem Jahr einlassen. Man wird dabei flexibel und sprungbereit bleiben, sich die eine oder andere Frucht pflücken und keinen ernsthaften Schaden nehmen.

 

Abbildung 9: Affenfaust hou quan 猴拳

Abbildung 9: Affenfaust hou quan 猴拳

 

 

Berühmte Affen:
Oskar Schindler, Johannes Paul II., Friedrich Dürrenmatt, Jonny Cash, Gerhard Schröder, Bob Marley, Reinhold Messner, Michael Schumacher

 

Affenjahre:
02.02.1908–21.01.1909
20.02.1920–07.02.1921
06.02.1932–25 01.1933
25.01.1944–12.02.1945
12.02.1956–30.01.1957
30.01.1968–16.02.1969
16.02.1980–04.02.1981
04.02.1992–22.01.1993
22.01.2004–08.02.2005
08.02.2016–27.01.2017