Von Heike Kraemer

Während meines ersten Studienjahres gingen in Peking und anderen Städten Chinas erst die Studenten und Studentinnen, dann viele Menschen aus allen Teilen der Bevölkerung auf die Straße. In München verfolgten wir die Ereignisse erst mit Begeisterung, später mit Sorge und Unruhe und zum Schluss mit Entsetzen. In meinem persönlichen historischen Gedächtnis sind die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz am 4. Juni 1989 noch sehr nah. Aber es ist schon ein Vierteljahrhundert vergangen. Zum 25. Jahrestag hat die amerikanische Journalistin Louisa Lim das sehr berührende Buch The People’s Republic of Amnesia. Tiananmen Revisited veröffentlicht.

Louisa_Lim

Darin erzählt sie manches bisher Ungehörtes und vieles Unerhörtes. Sie blickt auf Studierende von heute, die wenig oder nichts wissen über die Ereignisse von damals, und deren Kampf sich oftmals ganz dem Streben nach Erfolg und Reichtum widmet. Und auf diejenigen, die heute an staatlicherseits wohlgelittenen oder geförderten nationalistischen Demonstrationen teilnehmen. Vor allem aber hat sie mit Menschen gesprochen, deren Leben als Beteiligte oder Hinterbliebene von der gewaltsamen Niederschlagung der Demonstrationen von 1989 bis heute geprägt wird. Ein Soldat, der heute noch als Maler das Trauma seines damaligen Einsatzes in Bildern verarbeitet. Zwei der Studentenführer, der eine, der lange Jahre in chinesischen Gefängnissen verbracht hat, und der andere, der seither im Exil lebt. Die Mütter von Opfern, die aufgrund ihrer Forderungen nach einer offiziellen Entschuldigung, nach Entkriminalisierung ihrer Kinder und vor allem nach Aufarbeitung und Veröffentlichung von Namenslisten der Opfer immer wieder Repressionen ausgesetzt sind. Ein damaliger hoher Regierungsbeamter, der auf der falschen Seite im parteiinternen Kampf stand und mit Gefängnis und andauernder Überwachung dafür bezahlt. Wenn sie auch den weithin unbekannten blutigen Ereignissen nachgeht, die sich im Juni 1989 in Chengdu zugetragen haben, führt sie nachdrücklich vor Augen, wie ungenügend und fragmentarisch das Wissen über die Vorkommnisse geblieben ist, und wie systematisch offizielle Informationskanäle die Version der Regierung verbreitet haben.
Louisa Lim glorifiziert die Bewegungen von damals nicht und sie behauptet nicht, zu wissen, wie China heute wäre, wenn Deng Xiaoping und die damalige Führungsriege anders entschieden hätten. Dennoch: Das heutige China ist unter der Führung derselben Partei entstanden, die nach der blutigen Niederschlagung der Demonstrationen ihren Machtanspruch durch Wirtschaftswachstum, Armutsbekämpfung und Propagierung einer selbstbewussten starken chinesischen Nation bewahrt und gefestigt hat. Dass aber die Armee auf die Bevölkerung geschossen hat, ist eine Tatsache. Dass das Äußern abweichender Meinungen und das Eintreten für eigene Rechte nach wie vor kriminalisiert werden kann, wenn sich die Parteiführung in ihrer Machtposition bedroht sieht, bleibt Status Quo. Das Erinnern wird immer wieder bekämpft.
Louisa Lims Ansatz, über die Ereignisse nachzudenken und zu forschen, ist ein sehr menschlicher und ein sehr moralischer. Eine Lösung kann auch sie nicht bieten, aber sie lässt keinen Zweifel daran, dass durch die aktuelle Politik der Moral und der Menschlichkeit in China nachhaltig Schaden zugefügt wird. Ich empfehle die Lektüre von The People’s Republic of Amnesia, weil das Buch nicht nur an die Geschichte erinnert, sondern auch an viele mutige Menschen; und damit hebt es Moral und Menschlichkeit.