Von Georg Patzer

Qigong-Ruppert

Um gleich beim Schluss anzufangen: So ein sensibles, präzises Buch hab ich noch selten gelesen, vielleicht noch nie. Ich weiß nicht, wie viel richtige Neulinge damit anfangen können, aber fortgeschrittene Anfänger werden es lieben. Und viel benutzen, hoffentlich.

Denn Ruppert ist kein Dogmatiker. Er sagt nicht: So und so muss Qigong gemacht werden. Sondern er führt direkt in das Zentrum des Qigong, das Spüren. Ruppert beginnt sein Buch damit, dass es „die Mitte“ gar nicht gibt, dass man auf dem Nierenpunkt überhaupt nicht stehen kann. „Die Mitte“ ist „als ein dynamisches Gleichgewicht zu verstehen, d.h. als eine fortlaufende Regulation.“ Sehr genau und mit anatomischen Details erklärt er, was er damit meint: „Dieses Spiel mit der Balance läuft fortwährend ab, auch wenn wir es nicht bemerken. Kleinste Spannungen im myofascialen System regulieren laufend die Ausrichtung im Raum, um den Sturz zu verhindern oder um uns auf gezielte Bewegungen auszurichten.“ Mit einfachsten Übungen und deutlichen Fotos und Grafiken führt er den Leser dazu, das auszuprobieren und dabei in sich zu fühlen – mit dem Körper zu erfahren und zu lernen. Lässt ihn den Streckreflex fühlen, der auftritt, wenn man sein Gewicht nach vorn verlagert. Ebenso den Beugereflex. Und beides zusammen ergibt eben den „vertikalen Loop“ im Fuß und im Körper, die Stabilität durch eine schwankende Bewegung: „Die ‚Mitte‘ kann kein stabiler Zustand sein, im Sinn eines fixen Punkts. (…) Alles ist fortlaufend in Bewegung. Die optimale Mitte ist ein sich bewegender Punkt.“

So führt uns der Physiotherapeut Ruppert sensibel durch einige der wichtigsten Punkte des Qigong. Er erklärt, was bei Bewegungen von Becken und Wirbelsäule, der Halswirbelsäule und des Kopfs, der Arme passiert, er zeigt, wie man die Kraft in den Gelenken lenken kann und die Spiralkräfte. Er erklärt, was ein gerader Rücken ist, wie man das Becken reguliert und die Wirbelsäule aus dem Becken aufrichtet.

Er kommt auf die „Schulterangst“ zu sprechen, das Hochziehen der Schultern, um sich zu schützen, und die „eingefrorene Schulter“. Auf die drei Engpässe in der Leiste, den Schultern und im Hals – auch das lernt man normalerweise im Qigongunterricht erst spät (aus gutem Grund, manchmal). Auf die Dantian, die verschiedenen Körper (Energiekörper, Mentalkörper etc.), die inneren Schließungen …… Kurzgesagt ist es ein sehr umfassendes Buch, das sehr weit und sehr tief geht in seinen Beschreibungen und Erklärungen. Manche würden vielleicht sagen, zu weit für einen Anfänger. Aber es sind hilfreiche Erklärungen, die er mit vielen einfachen Übungen und Kontrollfragen untermauert, die den Leser immer wieder zurück zum Körper und der eigenen Erfahrung bringen. Zum Schluss geht Ruppert auch auf den Atem und den Geist ein, und auch hier so genau und pragmatisch, dass auch Fortgeschrittene immer wieder Neues entdecken werden oder schon Bekanntes noch vertiefen. Auch ohne die Übungen nach dem System von Dieter Mayer zu kennen.

In seinem Buch wird wieder einmal klar, wie genau Körper und Geist im Qigong zusammenwirken, wie wichtig die richtige Körperhaltung und -bewegung für den Energiefluss ist, sodass erst dann die wahre Energiearbeit beginnt. Aber Ruppert mahnt auch zur Vorsicht: „Für viele Übende ist die Erwartungshaltung an die Energieempfindung sehr hoch, oder es bestehen bestimmte Vorstellungen über das Qi. So kann jedoch die Aufmerksamkeit nicht auf die tatsächlich vorhandenen Empfindungen gelenkt werden.“

Sehr sympathisch ist auch sein Beharren darauf, dass das alles seine Sicht ist, dass andere Lehrer vielleicht etwas anderes lehren, dass man sich damit aber auseinandersetzen und vor allem zum Körper selbst zurückkehren sollte, um weiter lernen zu können. Dogmatik gibt es bei Ruppert nicht, sondern nur Erfahrungen aus einer langen Praxis, die man Schritt für Schritt und im eigenen Maß üben solle: „Lassen Sie sich nicht zu sehr von dem beeinflussen, was Sie darüber lesen.“ Und eine Besonderheit ist der Schluss, in dem er neben den „erwünschten Effekten“ auch die unerwünschten erwähnt und diskutiert: stechende Schmerzen, starkes Schwitzen, Kurzatmigkeit…

Gibt es wirklich nichts zu bemängeln? Doch, zwei Dinge: An einigen Stellen wäre eine Zeichnung sehr hilfreich gewesen, die zeigt, wo ein erwähnter Akupunkturpunkt genau sitzt – man erfährt es dann schon noch, aber direkt daneben wäre noch besser gewesen. Was wirklich auf die Dauer auf die Nerven geht, ist das etwas zu lasche Lektorat, das zu viele Rechtschreibfehler übersehen hat, vor allem aber der eklatanten Mangel an Kommas, fast auf jeder Seite fehlen sie. Das macht das Lesen etwas stolprig, und man ist versucht, der Lektorin ein kleines Päckchen mit Kommas zu schicken, damit sie ihr nicht ausgehen. Alles andere aber ist untadelig, und ich freue mich schon auf sein angekündigtes nächstes Buch, eine Verbindung von chinesischer Medizin mit Qigong.

Markus Ruppert: Grundlagen des Qigong. Ein Wegbegleiter durch die ersten Jahre der Qigong-PraxisML Verlag, 166 S., 29,95 EUR, ISBN 978-3-945695-09-8

Georg Patzer ist Literaturwissenschaftler, Historiker, Journalist, Lektor,
Publizist sowie Qigong- und Taijiquanlehrer. Er lebt in Karlsruhe und auf Sardinien.