Von Andrea Stocken

Die 14 Qigong-Gedichte der Sun Bu’er, von denen jedes im Original aus acht Versen à fünf Schriftzeichen besteht, beschreiben in bildhafter Weise den Prozess des menschlichen Daseins von vor der Geburt über die Geburt und den zu diesem Zeitpunkt einsetzenden „Verfall“ – wenn man nicht achtgibt, schwächen Sinneseindrücke, Gedanken, übermäßige Gefühle, in die man sich verstrickt, zunehmend die Lebenskraft – über Übungen, um den Alterungsprozess anzuhalten und umzukehren, bis hin zur Rückkehr in den Zustand des Einsseins. Dabei werden immer wieder die komplementären Gegensätze Yin und Yang angesprochen, z.B. Jade und Gold, Meeresgrund und Berggipfel, Regen und Donnerschlag, Mondhase und Sonnenrabe, Ruhe und Bewegung.

Lesen Sie dazu auch Die 14 Qigong-Gedichte der Sun Bu’er – Einführung.

Für Antje

(1969—2014)

– Aremu rindineddha –

Ich wusste nicht, ob ich

ein Schmetterling war, der träumte, er sei ein Mensch,

oder ein Mensch, der träumte, er sei ein Schmetterling.

 

1收心

吾身未有日,一氣已先存。似玉磨逾潤,如金煉豈昏。

掃空生滅海,固守總持門。半黍虛靈處,融融火候溫。

 

2養氣

本是無為始,何期落後天。一聲才出口,三寸已司權。

況被塵勞耗,那堪疾病纏。子肥能益母,休道不迴旋。

 

3行功

斂息凝神處,東方生氣來。萬緣都不著,一氣複歸台。

陰象宜前降,陽光許後栽。山頭並海底,雨過一聲雷。

 

4斬龍

靜極能生動,陰陽相與模。風中擒玉虎,月裡捉金烏。

著眼絪縕候,留心順逆途。鵲橋重過處,丹氣複歸爐。

 

5養丹

縛虎歸真穴,牽龍漸益丹。性須澂似水,心欲靜如山。

調息收金鼎,安神守玉關。日能增黍米,鶴髮複朱顏。

 

6胎息

要得丹成速,先將幻境除。心心守靈藥,息息返乾初。

炁複通三島,神忘合太虛。若來與若去,無處不真如。

 

7符火

胎息綿綿處,須分動靜機。陽光當益進,陰魄要防飛。

潭裡珠含景,山頭月吐輝;六時休少縱,灌溉藥苗肥。

 

8接藥

一半玄機悟,丹頭如露凝。雖雲能固命,安得煉成形。

鼻觀純陽接,神鉛透體靈。哺含須慎重,完滿即飛騰。

 

9煉神

生前舍利子,一旦入吾懷。慎似持盈器,柔如撫幼孩。

地門須固閉,天闕要先開。洗濯黃芽淨,山頭震地雷。

 

10服食

大冶成山澤,中含造化情。朝迎日烏炁,夜吸月蟾精。

時候丹能采,年華體自清。元神來往處,萬竅發光明。

 

11辟穀

既得餐靈氣,清泠肺腑奇。忘神無相著,合極有空離。

朝食尋山芋,昏饑采澤芝。若將煙火混,體不履瑤池。

 

12面壁

萬事皆雲畢,凝然坐小龕。輕身乘紫炁,靜性濯清潭。

炁混陰陽一,神同天地三。功完朝玉闕,長嘯出煙嵐。

 

13出神

身外複有身,非關幻術成。圓通此靈炁,活潑一元神。

皓月凝金液,青蓮煉玉真。烹來烏兔髓,珠皎不愁貧。

 

14沖舉

佳期方出穀,咫尺上神霄。玉女驂青鳳,金童獻絛桃。

花前彈錦琵,月下弄瓊簫。一旦仙凡隔,冷然度海潮。

 

Chinesischer Text in Langzeichen nach: http://www.qztao.url.tw/bookpage4/sbr-sbrfu.htm (abgerufen am 11.01.2015). Die Übersetzung basiert auf der in einigen Schriftzeichen abweichenden Kurzzeichen-Version aus dem Nüzi danjing huibian (abgerufen am 15.03.2007).

 

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Neijingtu

 

 

1. Das Herz sammeln

Noch bevor es den Körper gab,

existierte bereits das Eine Qi;

je mehr man Jade poliert, desto glänzender wird sie,

und Gold, das man verfeinert, wird kaum trübe werden.

Es gilt, das Meer der Gedanken hinwegzufegen

und das Dunkle Tor unerschütterlich zu bewahren.

Der Geist, leer und flexibel, verweilt im Qi wie ein Korn in der Hülse,

das Feuer hat genau die richtige mittlere Temperatur.

 

2. Das Qi nähren

Alles wurzelt im Nicht-Eingreifen –

und fällt dann doch ins Nachgeburtliche.

Das Kind tut seinen ersten Schrei,

von da an dreht sich alles um die Atmung.

Dazu kommen die Erschöpfung durch ein Übermaß an Sinneseindrücken

sowie die Einschränkungen durch Krankheiten.

Ist das Kind wohlgenährt, wird dies der Mutter nützen;

wer das Dao kultiviert, kann den Prozess umkehren.

 

3. Die Übungen ausführen

Ich atme gleichmäßig und konzentriere den Geist,

von Osten kommt lebendiges Qi.

Ich schüttle die 10.000 Verstrickungen ab,

dann fallen Bestimmung und natürliche Veranlagung in eins.

Das Yin-Qi sinkt vorne herab,

das Yang-Qi steigt hinten empor.

Berggipfel und Meeresgrund finden zusammen,

der Regen ist vorüber, es tut einen Donnerschlag.

 

4. Den Drachen köpfen

Aus extremer Stille kann Bewegung hervorgehen,

Yin und Yang regulieren sich gegenseitig;

im Wind ergreife ich den Jadetiger,

im Mond fasse ich den goldenen Raben.

Ich richte mein Augenmerk auf die Anzeichen in den Wolkenwirbeln,

mein Herz ist ganz beim Weg mit dem und gegen den Strom;

dort, wo die Elsternbrücke abermals überquert wird,

kehrt das Zinnober-Qi zurück in den Brennofen.

 

5. Den Zinnober nähren

Ich fessle den Tiger und bringe ihn zurück zur wahren Höhle,

ich leine den Drachen an und vermehre allmählich den Zinnober;

meine Veranlagung muss so rein sein wie Wasser,

mein Herz möge so ruhig sein wie ein Berg;

ich reguliere den Atem und bewahre den goldenen Kessel,

beruhige den Geist und bewache die Jadepforte;

Tag für Tag und Körnchen für Körnchen häufe ich das Qi an

und obwohl meine Haare weiß sind, habe ich wieder ein rosiges Gesicht.

 

6. Die Embryonalatmung

Wenn ich erreichen will, dass der Zinnober sich rasch bildet,

muss ich zuerst alle Illusionen beseitigen;

mit jedem Gedanken bewahre ich das wirkungsvolle Elixier,

mit jedem Atemzug kehre ich zurück zum Beginn von Qian;

das Qi durchdringt wieder die drei Inseln,

der Geist vergeht und vereinigt sich mit der Großen Leere;

ob im Kommen, ob im Gehen,

überall ist Wahrhaftigkeit.

 

7. Das Feuer als Talisman verwenden

Sobald die Embryonalatmung einem endlosen Faden gleicht,

muss ich die Mechanismen von Ruhe und Bewegung unterscheiden;

ich muss den Yang-Glanz immer weiter voranbringen

und gleichzeitig verhindern, dass die Yin-Seele davonfliegt;

die Perle birgt ihr Leuchten im Teich,

der Mond sendet seine Strahlen überm Berggipfel aus;

ich darf keine der sechs Zeiten vernachlässigen,

wenn ich die Keime des Elixiers gieße, werden sie fett.

 

8. Das Elixier zusammenfügen

Die dunklen Mechanismen zur Hälfte erkannt,

koaguliert der Zinnober erstmals wie Tautropfen;

ich könnte zwar nun sagen, dass ich die mir zugedachte Lebensspanne festigen kann,

doch wie würde ich dann erreichen, eine Form herauszudestillieren?

An der Nase beobachte ich, wie das reine Yang sich verbindet,

das geistige Blei entfaltet seine Wirkung im ganzen Körper;

Kauen und Schlucken bedürfen großer Sorgfalt,

sobald [das Elixier] fertig ist,

schießt es [durch die Passtore] empor.

 

9. Den Geist läutern

Die heiligen Reliquien, der Ursprungsgeist von vor meiner Geburt

findet eines Morgens Eingang in meinen Schoß;

ich gebe auf mich Acht wie auf ein gefülltes Gefäß

und bin sanft als trüge ich ein kleines Kind im Arm;

das Erdtor muss ich fest verschließen,

die Himmelspforte zuerst öffnen;

ich wasche die gelben Keime rein,

während der Berggipfel bebt und die Erde grollt.

 

10. Medizin schlucken

Aus der großen Schmelze entstehen Berg und See,

die in sich wiederum die Wandlung bergen;

morgens nehme ich das Qi des Sonnenraben auf,

abends trinke ich die Essenz der Mondkröte;

sobald die Zeit reif ist, kann ich den Zinnober pflücken,

sobald das Jahr erblüht, wird der Körper von selbst rein;

dort, wo der ursprüngliche Geist ein- und ausgeht,

erstrahlt aus 10.000 Öffnungen helles Licht.

 

11. Getreide vermeiden

Ich ernähre mich bereits von mystischem Qi

und meine Lunge ist auf wundersame Weise gereinigt;

der Geist hat losgelassen und haftet nirgendwo,

vereinigt sich mit dem Höchsten und verfällt nicht mehr der Illusion;

zum Frühstück suchte ich mir noch Bergkartoffeln,

zum Abendessen pflücke ich Pilze am See;

ließe ich mich vom Rauch des Feuers verwirren,

könnte ich nicht am Jadeteich wandeln.

 

12. Mit dem Gesicht zur Wand

Die 10.000 Angelegenheiten sind alle erledigt,

konzentriert sitze ich in der kleinen Nische;

mein Körper ist leicht und reitet auf purpurnem Qi,

ruhigen Gemüts reinige ich den See;

das Qi vermischt sich, Yin und Yang sind eins,

der Geist bildet mit Himmel und Erde eine Dreiheit;

die Übungen sind beendet, ich blicke zur Jadepforte,

mit einem langen Pfeifen verlasse ich den nebligen Hügel.

 

13. Den Geist verlassen

Außerhalb des Körpers gibt es noch einen Körper,

ganz ohne dunkle Künste entstanden;

er ist ganz durchlässig für dieses mystische Qi,

in ihm ist der eine Ursprungsgeist lebendig;

der helle Mond koaguliert zu einer goldenen Flüssigkeit,

der blaue Lotos wird geläutert zur jadenen Wahrhaftigkeit;

das Mark des Jadehasen wird herausgekocht,

ich brauche mich nicht zu sorgen, dass die Perle zu wenig glänzen würde.

 

14. Emporschießen

Ein Festtag, gerade habe ich das Tal verlassen,

zögernden Schritts steige ich hinan zum Himmel;

Jadefrauen reiten auf blauen Phönixen,

goldene Kinder reichen mir dunkelrote Pfirsiche;

vor den Blumen erklingen brokatgeschmückte Gitarren,

im Mondlicht erhebt sich das Spiel jadeverzierter Flöten;

sobald der Morgen graut, scheiden sich die Welten der Unsterblichen und der Profanen,

sanft plätschern zwischen ihnen die Meereswogen.