Von Andrea Stocken

Freundschaft

Das Lob der Freundschaft lässt sich in den alten Überlieferungen Chinas weit zurückverfolgen. Was Dichter und Weise einst über sie zu sagen wussten, ist manchem Gebildeten heute noch bekannt und findet Widerhall in freundschaftlichen Erfahrungen und Hoffnungen.
So preisen schon die im 2. Jahrhundert zusammengestellten „Lehrgespräche des Konfuzius“ Lunyu 論語 nicht nur das Lernen, sondern auch die Freundschaft, wenn sie mit den berühmten Worten beginnen: „Ist es nicht erfreulich, zu lernen und das Gelernte immer wieder zu üben? Ist es nicht erfreulich, Freunde zu haben, die von weither zu Besuch kommen? Ist der denn kein Edler, der nicht verbittert ist, auch wenn niemand ihn kennt?“
Wenn jemand einen langen Weg auf sich nimmt, um den anderen zu sehen, spricht das für große Wertschätzung: Es muss etwas geben, das beide stark aneinander bindet. Der dritte Satz ist ein Hinweis darauf, dass Konfuzius hier eben nicht an ein nutzorientiertes Beziehungsgeflecht denkt. Dem Edlen genügt es, sich den moralischen Standards entsprechend zu verhalten, die er gerne gelernt hat. Er wird sich nicht verbiegen, bloß um in der Welt vorwärts zu kommen. Viel wertvoller sind Freunde – mögen sie auch wenig zahlreich sein –, die einen so sehr schätzen, dass sie auch von weither zu Besuch kommen.

Kurz nach dieser Textstelle geht das Lunyu noch einmal auf die Freundschaft ein und betont ihren Charakter als Bund unter Gleichen, indem Konfuzius rät, der Gelehrte solle keine Freunde haben, die ihm nicht ebenbürtig sind (Lunyu 1.8). Seine geistigen Nachfolger betrachteten die Freundschaft sogar als eine der fünf tragenden zwischenmenschlichen Beziehungen. Im Unterschied zur Freundschaft sind die anderen vier – zwischen Vater und Sohn, Herrscher und Untertan, Ehemann und Ehefrau, älterem und jüngerem Bruder – im Konfuzianismus alle hierarchisch geprägt.
Auch im daoistischen Klassiker Zhuangzi 莊子 ist an verschiedenen Stellen von Freundschaft die Rede. Beim Tode des Lao Dan 老聃 erscheint einer seiner Freunde unter den Trauernden, klagt drei Mal und geht dann wieder, was bei einem der Schüler Lao Dans Verwunderung auslöst. Dieser wird dann belehrt, dass man sich in den natürlichen Lauf der Dinge fügen müsse und sich keinen Gefühlsexzessen hingeben oder gar aufgesetzte Gefühle zeigen dürfe. Nur wem es gelingt zu akzeptieren, dass Leben und Tod jeweils ihre Zeit haben, kann sich von den Verstrickungen lösen. (Kapitel „Yangshengzhu“ 養生主, 5)
Im Kapitel „Dazongshi“ 大宗師 begegnen uns verschiedene Gruppen von Freunden, deren tiefe Übereinstimmung gerade in ihrer Gelassenheit in Fragen des Lebens und Sterbens besteht. Da sind zum Beispiel vier Männer, die das Rätsel des Lebens durchdringen und einander ohne große Worte verstehen; sie sehen einander an und lachen. Als einer von ihnen schließlich erkrankt, besucht ihn einer der Freunde und erkundigt sich nach seinem Befinden. Der Kranke hat keine Furcht vor dem nahenden Tod und sagt:

„Wenn [der Schöpfer] mich nun auflöst und meinen linken Arm verwandelt in einen Hahn, so werde ich zur Nacht die Stunden rufen; wenn er mich auflöst und verwandelt meinen rechten Arm in eine Armbrust, so werde ich Eulen zum Braten herunterschießen; wenn er mich auflöst und verwandelt meine Hüften in einen Wagen und meinen Geist in ein Pferd, so werde ich ihn besteigen und bedarf keines anderen Gefährtes. Das Bekommen hat seine Zeit, das Verlieren ist der Lauf der Dinge. Wer es versteht, mit der ihm zugemessenen Zeit zufrieden zu sein und sich zu fügen in den Lauf der Dinge, dem vermag Freude und Leid nichts anzuhaben.“ (Übersetzung: Richard Wilhelm)

Die vier Männer erkennen sich gegenseitig als Wissende und sind einander dadurch innig verbunden; es bedarf zwischen ihnen keiner großen Worte. Und zugleich haben sie eben wegen der erlangten Erkenntnis auch den nötigen Abstand zu sich selbst und zueinander, so dass der Tod (sei es der eigene, sei es der eines Freundes) sie nicht in Trauer versetzt. Sie akzeptieren ihn vielmehr als natürlichen Lauf der Dinge, ja sie begreifen ihn geradezu als Chance, zu neuen, unbekannten Erfahrungswelten aufzubrechen.

Harmonie über die Musik hinaus

Ungleich leidenschaftlicher zeigte sich der Schmerz über den Verlust des Freundes bei Boya 伯牙, dem berühmten Meister des Qin-Zitherspiels, der irgendwann zwischen dem 8. und 5. Jh. v. Chr. gelebt haben soll. Er hatte in Zhong Ziqi 鈡子期, welcher angeblich ein Holzfäller war, jedoch vielleicht auch ein Gelehrter, der lieber ein zurückgezogenes Leben führte, einen Seelenverwandten gefunden. Dachte Boya bei seinem Qin-Spiel an hohe Berge, so sprach Ziqi genau diesen Gedanken aus, dachte Boya an fließendes Wasser, bedurfte es keiner Worte und Ziqi wusste, was in Boya vorging. Als Ziqi starb, soll Boya sein Instrument zerstört und geschworen haben, nie wieder zu spielen. Sein Verhalten zeugt weniger von einer philosophisch-distanzierten Haltung und Fügung in den Lauf der Dinge als vielmehr von tiefen Gefühlen. Dieses Beispiel zeigt auch, dass eine solche Freundschaft einmalig ist. Sie ist schwer zu finden und, wenn einer der Beiden stirbt, durch nichts zu ersetzen.

Die Freunde Boya und Ziqi

Die Freunde Boya und Ziqi

Im Zusammenhang mit dieser Verbindung wird Ziqi als zhiyin 知音, als „Kenner der Klänge“, bezeichnet. Zum Qin-Repertoire gehört bis heute das Stück „Hohe Berge und fließendes Wasser“ (Gaoshan liushui 高山流水), , das Boya zugeschrieben wird. Außerdem findet sich der Holzfäller auch in den Titeln von Musikstücken wieder. Boya und Ziqi gelten so als Inbegriff des idealen Zusammenspiels von Vortragendem und Zuhörer wie auch der tiefen, unwiederbringlichen Freundschaft zwischen zwei Menschen.

Freundschaft in der Dichtung

Auch die Lyrik ist reich an Zeugnissen der Freundesliebe, wobei hier insbesondere der Trennungsschmerz zum Dichten inspirierte. In vielen Gedichten aus der Tang-Zeit (618–907) geht es um den Abschied von oder die Sehnsucht nach einem fernen Freund. Männer, die sich vielleicht vom gemeinsamen Studium, abgelegten Prüfungen oder dadurch kannten, dass sie eine Zeit lang am selben Ort ihren Amtspflichten nachgingen, konnten nie sicher sein, dass sie, wenn einer von ihnen als Beamter in eine ferne Provinz versetzt wurde, einander jemals wiedersehen würden.
Wie innig solch eine Freundschaft sein konnte, sieht man zum Beispiel an Li Bais 李白 (701–762) Gedicht, das den langen Titel trägt „Auf dem Weg hinunter vom Zhongnanshan kehren wir bei Husi ein, der Wein und eine Schlafstatt bietet“ 下終南山過斛斯山人宿置酒:

In der Dämmerung steigen wir hinab vom azurnen Berg,
der Bergmond folgt uns heimwärts.
Wir blicken zurück auf den Weg, den wir gekommen sind:
Dunkelgrün schiebt sich vor Smaragd.
Hand in Hand erreichen wir Felder und Häuser,
ein Bub öffnet uns das Tor aus geflochtenen Zweigen.
Grüner Bambus hängt über dem schattigen Pfad,
blaue Ranken streifen den Saum meines Gewands.
Freudig ruf ich aus, dies sei ein guter Platz zum Rasten,
wir prosten einander zu mit gutem Wein und reden.
Lange singen wir das Lied „Kiefernwind“;
als wir fertig sind, stehen nur noch wenige Sterne der Milchstraße am Himmel.
Ich bin betrunken und du wieder fröhlich,
sorglos vergessen wir gemeinsam alle Ränke.

Dieses Gedicht malt nicht nur die Schattierungen der durchwanderten Landschaft, sondern auch das ganze Spektrum einer Freundschaft: In einer Welt der Ränke und Intrigen, in der einer den anderen auszustechen und ein möglichst gutes Amt zu ergattern trachtet, können diese Männer miteinander die Natur genießen, können gemeinsam trinken und singen, können fröhlich und melancholisch sein – kurz: sie zeigen sich einander ganz unverstellt in all ihren Gefühlen, ohne sich darum sorgen zu müssen, dass das Gegenüber dies später zu seinen eigenen Gunsten ausnutzen könnte.
Zeugen eines Abschieds auf unbestimmte Zeit werden wir in Wang Weis 王維 (699–759 bzw. 701–761) „Zum Geleit“ 送別:

Steig ab vom Pferd und trinke Wein!
Ich frage dich, wohin du gehst.
Du sagst, deine Wünsche hätten sich nicht erfüllt,
daher kehrtest du heim in die südlichen Berge.
So geh denn, ich werde dich nicht weiter ausfragen.
Endlos ziehen die weißen Wolken.

Die moderne chinesische Interpretation des letzten Verses ist, dass die Freundschaft der Beiden ebenso unerschöpflich ist wie die dahinziehenden Wolken, d.h. sie überdauert auch widrige Umstände und große Entfernungen.
Von Meng Haoran 孟浩然 (689 bzw. 691–740) stammt das Gedicht „Ich übernachte in der Hütte des Lehrers und warte vergeblich auf Ding Da 宿業師山房待丁大不至“:

Die Abendsonne hat schon den westlichen Grat überschritten,
alle Täler sind schon dunkel.
Mit dem Kiefernmond kommt auch die Nachtkühle,
der Wind und die Quelle sind deutlich zu hören.
Kaum noch ein Holzfäller auf dem Heimweg,
die Vögel auf den Ästen sind inzwischen zur Ruhe gekommen.
Wir hatten verabredet, du kämest zur Nacht hierher,
alleine spiele ich auf der Qin und warte am überwachsenen Pfad.

Das Spiel auf der Qin ist in diesem Gedicht freilich weitaus mehr als die bloße Inszenierung eines typischen Zeitvertreibs des Gelehrten. Im sehnsüchtigen Warten auf den Freund und der Nennung des „Holzfällers“ zeigt dieses Spiel deutliche Anklänge an die tiefe Verbindung zwischen Boya und Ziqi. Dadurch hebt es die Abwesenheit des Freundes schmerzlich hervor – der Dichter hat keinen Zuhörer, zumindest nicht den, der ihn auf seine besondere und einzigartige Weise ergänzen und seine Gedanken auch ohne Worte verstehen könnte.
Parallel zu dem „Kenner der Klänge“ zhiyin 知音, der die Musik und mit ihr Herz des Musikers versteht, gibt es im Chinesischen den Ausdruck zhiji 知己, „der mich erkennt“, um jenen besonderen Menschen zu bezeichnen, der mich und das, was mich bewegt, zu erfassen vermag.

Youyi

Freundschaft

 

Aufopfernde Treue

Einen Sonderfall für das Bedürfnis erkannt zu werden stellt klassischer Weise das Verhältnis zwischen einem Lehensmann / Beamten und dem Fürsten dar. Der Herrscher sollte seinen Untergebenen mit allen seinen Fähigkeiten erkennen und dementsprechend einsetzen. Gelingt dies nicht, findet der Gelehrte seinen Platz nicht und sucht sich entweder bei nächster Gelegenheit eine andere Anstellung (in den Zeiten, als es noch mehrere Staaten gab) oder zieht sich aus Protest zurück und führt ein Einsiedlerleben fern vom Hofe.
Im sogenannten Attentäterkapitel (Kapitel 86) der „Aufzeichnungen des Historikers“ Shiji 史記, um 100 v. Chr., findet sich die Geschichte des Yu Rang 豫讓 aus dem Staate Jin 晉. Dort gibt es im 5. Jh. v. Chr. sechs mächtige Familien: Zhao 趙, Han 韓, Wei 魏, Zhi 智, Fan 范 und Zhonghang 中行. Yu Rang dient zunächst den Herren Fan und Zhonghang, ohne bekannt zu werden, und dann Zhi Yao 智瑶, der ihn sehr schätzt. Als Zhi Yao einem Angriff der miteinander verbündeten Familien Zhao, Han und Wei zum Opfer fällt, klagt Yu Rang, nun sei derjenige tot, der ihn erkannt habe (zhiji). Er beschließt, ihn zu rächen. Dazu nimmt er einen anderen Namen an und schleicht sich bei Zhao Xiangzi 趙襄子 (auch: Zhao Wuxu 趙毋卹) ein, der aus Zhi Yaos Schädel ein Trinkgefäß hat machen lassen. Der erste Attentatsversuch schlägt fehl, doch Zhao Xiangzi lässt Yu Rang laufen, weil er dessen Loyalität gegenüber seinem getöteten Herrn achtet. Durch den Versuch hätte Yu Rang nun seine Pflicht erfüllt und könnte es dabei bewenden lassen. Doch er versucht es erneut: Er verändert sein Äußeres und seine Stimme und setzt sich als Bettler getarnt unter eine Brücke. Als sich aber Zhao Xiangzi mit seinem Tross nähert, scheut sein Pferd vor Yu Rang. Von der Leibgarde umzingelt und zur Rede gestellt, warum er denn nicht schon für Fan oder Zhonghang (die aufgrund der Fehden den Staat Jin verlassen mussten) einen solchen Einsatz gezeigt habe, sondern nur für Zhi Yao, antwortet Yu Rang: Jene haben mich behandelt wie einen Mann aus der Menge und wie ein Mann aus der Menge habe ich es ihnen vergolten. Dieser aber hat mich wie einen Ritter behandelt und wie ein Ritter vergelte ich es ihm. Er kann Zhao Xiangzi sogar dazu bewegen, ihm seinen Umhang zu überlassen. Ihn durchbohrt Yu Rang dreimal, um seine Mission zumindest symbolisch zu erfüllen, bevor er Selbstmord begeht.
Man mag Yu Rang als Helden verehren, die nur seinem Gewissen verpflichtet sein eigenes Leben opfert, um einen Tyrannen zu ermorden, oder man mag ihn als rachsüchtigen Unruhestifter sehen, der sich aus rein persönlichen, kleinlichen Motiven die Entscheidung über Leben und Tod anmaßt. Für Yu Rang aber ist das einzig Ausschlaggebende, dass ihn der Verstorbene Zhi Yao, für den er dies tut, in all seinen Fähigkeiten erkannt und gewürdigt hat. Er war ihm ein zhiji, also der, der ihn erkannt hat. Darin verbinden sich Yu Rangs tiefe Gefühle für Zhi Yao über die Zeiten hinweg mit Boya, der seine Qin zerbricht, und schließlich mit allen anderen Gelehrten, die sich einen zhiyin , einen „Kenner der Klänge“ wünschen, mit dem sie singen, dichten und trinken können in der Gewissheit, mit sich, mit einander und mit ihrer Umgebung eins zu sein und alle Intrigen und alles berechnende Denken vergessen zu können.

Übersetzungen von Andrea Stocken, wenn nicht anders angegeben