Von Irmgard Enzinger

Seit dem 28. Januar 2017 befinden wir uns nach dem traditionellen chinesischen Kalender im Jahr ding you 丁酉. Es ist ein Jahr des Hahns, denn das Tierkreiszeichen „Hahn“ entspricht im Mondkalender dem Erdzweig you 酉. Speziell handelt es sich in diesem Jahr um einen „Feuer“-Hahn, huoji 火鸡, denn der Himmelsstamm ding 丁 wird auch als „Yin-Feuer“ verstanden.

Was kann man sich unter einem Hahnen-Jahr vorstellten? Was sagen die alten chinesischen Konzepte und Schriften über den Erdzweig you aus? Welche Themen rücken sie in den Vordergrund? Und lassen sich daraus Einsichten gewinnen, damit dieses Jahr ein glückliches werden kann?

Die 12 Erdzweige und 12 Hexagramme

„Im achten Monat ist die Hirse reif und kann zu Wein vergoren werden.“

You 酉 bezeichnet als Erdzweig ja nicht nur das Jahr des Hahns, sondern auch seinen Monat, seinen Tag und seine Stunde. Im Jahreskreis entspricht you dem achten Mondmonat, also in etwa dem September, und damit dem Monat, in welchem der astronomische Herbst eintritt. Im Tagesablauf ist you der Zeitraum zwischen 17:00 und 19:00; um ihn herum findet der Sonnenuntergang statt.

Entwicklung des Zeichens you 酉 von der Orakel- zur Siegelschrift

Das Schriftzeichen you ist sehr alt, seine Geschichte reicht bis weit ins 2. Jahrtausend v. Chr. zurück. Damals wird es als schematisiertes Abbild einer Amphore verstanden, einer Amphore, wie sie in alten Zeiten als Behälter für alkoholische Getränke genutzt wurde. Dementsprechend merkt zu Beginn des 2. Jh. n. Chr. das berühmte Wörterbuch Shuowen jiezi 说文解字 zu diesem Zeichen an: „Im achten Monat ist die Hirse reif und kann zu Wein vergoren werden.“ Es nimmt dabei auf die Zuordnung von you zum achten Monat Bezug, die damals in der Zeitrechnung schon gang und gäbe war.

Wenn im Herbst die Ernte eingefahren und abends die Sonne untergegangen ist, kehrt Ruhe ein. Unter den fünf Wandlungsphasen Wasser, Holz, Feuer, Metall und Wasser wird der Herbst vom Metall jin 金, auch „Gold“, verkörpert. So wird you nach der Entsprechungslehre als eine Zeit des „Metalls“ verstanden. „Metall“ oder „Gold“ benennt die Phase, in der sich die Lebenskraft Qi 气 zusammenzieht und in die Welt des Yin 阴, also des Dunklen, Kalten und Weiblichen, eintritt. Was sich im Sommer üppig entfaltet hat, findet jetzt zu Ruhe und Reifung. Nun ist Sammeln und Bewahren angesagt und man lebt fortan von dem, was vorher geschaffen wurde. Die Parallelen zum Tagesablauf liegen nahe. Wenn abends, grob zwischen 17:00 und 19:00, die Sonne unter- und der Mond aufgeht, lädt der Einbruch der Dunkelheit in ähnlicher Weise zu Ruhe und Rückzug ein. Jetzt kann man sich zusammenfinden – und nicht nur das Essen, sondern auch den Wein genießen.

Hase und Hahn – eine Geschichte über Zeit

Für Hähne und Hühner (ji 鸡) ist das schwindende Tageslicht der Moment, sich zur Nachtruhe auf die Stange zu begeben, ein Schlaf zu früher Stunde, der sich in der deutschen Redewendung „mit den Hühnern schlafen gehen“ niedergeschlagen hat.  Haushühner hocken dazu auf der Stange, wie einst ihre wilden Vorfahren auf den Bäumen. Denn sie schlafen so fest, dass sie keinen Feind rechtzeitig wahrnehmen könnten. Den Anbruch der Morgendämmerung aber nimmt der Hahn schon früh wahr, egal bei welchem Wetter, und beantwortet ihn mit durchdringenden, lauten Rufen. Seit den 8000 Jahren seiner Domestizierung ist der Hahn der natürliche, nicht verstellbare Wecker des Menschen.

Deswegen assoziiert der Mensch den Hahn zuerst und vor allem mit Sonnenaufgang. Im chinesischen Horoskop aber ist dieser dem Aufgang des Mondes zwischen 17:00 und 19:00 zugeordnet. Der Sonnenaufgang jedoch, also die Zeit zwischen 5:00 und 7:00, liegt im Erdzweig mao 卯, und der ist das Revier des Hasen. Den Hasen allerdings sollte man hier zunächst auch nicht vermuten, denn er ist nach der chinesischen Mythologie im Mond zu sehen, wo er das Elixir der Unsterblichkeit braut. In der Sonne wiederum erkennen die Mythen seit alters her die Gestalt eines Vogels, der oft dreibeinig dargestellt ist. Einige Autoren, die die Horoskop-Symbolik diskutieren, entdecken in ihm den Hahn des Erdzweiges you wieder.

Hahn und Hase

Die Rochade von Hase und Hahn zwischen Morgen und Abend bzw. zwischen Sonne und Mond ist zu augenfällig, um ein Versehen im System zu sein. Vielmehr setzt sie ein Paradox ins Bild, das auf einen tieferen Sinn verweist:  Mond und Sonne wechseln einander ab nach dem polaren Prinzip von Yin und Yang, die einander hervorbringen, da sie ihren Gegenpol immer bereits schon in sich tragen. Die beiden Tiere erzählen von genau diesem Wechselverhältnis. Der Hahn, der Sonnenvogel, steigt zwar am Morgen zum Himmel auf, um ihn dann in großem Bogen zu überqueren. In sein wahres Zuhause aber er kehrt zurück, wenn er sich abends nach getanem Werk zur Ruhe begibt. Seine Ruhe- und Heimstatt findet er so im Erdzweig you, wo er im Mond verschwindet. In ihm reist er als unsichtbarer Passagier über den Nachthimmel zurück zum Sonnenaufgang. Hier erst hat der Hahn wieder seinen großen Auftritt, einmal mehr wird er mit der Sonne die ganze Welt überfliegen. Des Hahnes Auftritt ist gleichzeitig des Hasen Verschwinden und Heimkehr. Jetzt findet der Hase nach langer Nacht im Erdzweig mao endlich zur ersehnten Ruhe. Während seines Schlafes aber wird die Sonne dafür sorgen, dass er abends seinen Dienst im Mond wieder antreten wird. So erzählen Hase und Hahn gemeinsam die große Geschichte der Zeit, die sich als zyklischer Wechsel von Yin und Yang vollzieht. Das Zusammenspiel dieser beiden großen kosmischen Kräfte bedeutet nichts weniger als die Wurzel des Lebens.

Als leibhaftige Wesen sind die Hühner, wie ja auch die Hasen, ungeheuer fruchtbar und liefern damit ein Bild für die Unerschöpflichkeit des Lebens. So auch in der chinesischen Kultur: Eier- und Hühnerspeisen spielen hier nicht umsonst in den Bereichen von Hochzeit und Geburt eine große Rolle. Für den Penis des Mannes ist die Bezeichnung als jiba 鸡吧: „Hahn“ schon seit vielen Jahrhunderten gängig; er lässt sich auch „Hähnchen“ jiji 鸡鸡 verniedlichen, in Taiwan als „Vögelchen“ niaoniao 鸟鸟.

Das Hexagramm „die Betrachtung“ und die Wandlung des Volkes

Deutlich abstrakter, aber nicht weniger aufschlussreich für die Symbolik des Erdzweiges you ist seine Charakterisierung mithilfe des „Buchs der Wandlungen“ Yijing 易经. Wie oben die Übersicht „Die 12 Erdzweige und Hexagramme“ zeigt, wurden im Rahmen chinesischer Entsprechungslehren zwölf der 64 Yijing-Hexagramme den Erdzweigen so zugeordnet, dass sie das Wachsen und Schwinden von Yin und Yang im Jahres- oder Tageskreis bzw. mit Blick auf die Himmelsrichtungen veranschaulichen. Im Norden, der dem Winter entspricht, beginnen im Erdzweig zi 子, der Ratte, die harten Yang-Linien von unten her anzuwachsen, bis sie in si 巳, der sommerlichen, südlichen Schlange, das ganze Bild beherrschen, um daraufhin, beginnend mit wu 午, dem Pferd, Schritt für Schritt dem heranwachsenden Yin Raum zu gewähren. Mao-Hase und You-Hahn treten in diesem Zusammenhang genau dann auf, wenn Yang bzw. Yin die Oberhand gewinnen. Dass ihre jeweils aufsteigenden Linien die Mitte des Hexagramms gerade übersteigen, versinnbildlicht Sonne und Mond, die über dem Horizont sichtbar werden.

Hexagramm 20: guan

Das Hexagramm, das dem Erdzweig you bzw. dem Hahn entspricht, heißt guan 观, „Die Betrachtung“ oder „Der Anblick“. Es sieht aus wie ein hoch aufragender Turm, von dem aus der Blick in die weite Ferne reichen kann; gleichzeitig ist dieses hohe Bauwerk selbst auch aus großer Distanz sichtbar. Es geht bei der „Betrachtung“ also um den „Anblick“ in beiderlei Richtung: um das Sehen und das Gesehen-Werden. Dies lässt wiederum an die oben beschriebene Verbindung des You-Hahns mit Sonne und Mond denken. Die beiden Himmelskörper können mit ihrem Aufsteigen am Firmament gesehen werden und gleichzeitig ist es ihr Leuchten, wodurch Sehen überhaupt erst möglich ist.

Sehen und Gesehen-Werden ist denn auch das Thema des Bildkommentars zur „Betrachtung“ im „Buch der Wandlungen“. Er analysiert das Aufeinandertreffen des unteren Trigramms kun 坤 (die Erde) mit dem oberen Trigramm xun 巽 (Wind):

Der Wind geht über die Erde hin:
das Bild der Betrachtung.
So besuchten die alten Könige die Weltgegenden,
betrachteten das Volk und spendeten Belehrung.

Richard Wilhelm, der diese Zeilen so übersetzt hat, fügte dem auch die Erklärung hinzu: „Wenn der Wind über die Erde geht, so kommt er überall hin, und das Gras muss sich seiner Macht beugen.“ Nicht nur die alten Könige, auch die Kaiser begaben sich in aufwändigen herrschaftlichen Prozessionen auf Inspektionsreisen durch das ganze Reich, um durch solche Inszenierungen des Sehens und Gesehen-Werdens ihre Macht zu erneuern und zu festigen; die Untertanen durften freilich dem Herrscher niemals selbst ins Auge blicken. Diese Macht ist, wie der Bildkommentar hier deutlich macht, nach konfuzianischem Politikverständnis kein Selbstzweck. Der gute Herrscher „belehrt“ sein Volk, er kultiviert und wandelt es im moralischen Sinne.  Dadurch gebührt ihm die Macht und fällt ihm wie von alleine nach himmlischem Willen zu.

Südreise des Kaisers Kangxi

Die „Wandlung“ (hua 化) des Volkes spielt auch im Tuan-Kommentar zu diesem Hexagramm eine Rolle:

Bei der Betrachtung ist die rituelle Reinigung schon vollzogen, das Opfer aber ist noch nicht dargebracht.
Man verfügt über Ernsthaftigkeit, Erhabenheit stellt sich ein.
Die Unteren betrachten dies und erfahren dadurch Wandlung.

Der Zeitraum zwischen Waschung und Opfer ist ein Moment des Übergangs, aus dem heraus das Eigentliche, nämlich der direkte Kontakt zum Göttlichen, eintreten soll. In diesem Moment der Stille, in dem der zentrale Akt vorbereitet, aber noch nicht vollzogen ist, geht es nunmehr ganz um die innere Haltung. Jetzt kommt alles auf die Reinheit, Korrektheit und Aufrichtigkeit des Opfernden an, damit die Gottheit das Opfer annehmen kann. Seine Tugendkraft (de 德) wirkt so nach oben zum Göttlichen hin, gleichzeitig aber auch nach unten: „Die Unteren betrachten dies und erfahren dadurch Wandlung.“

Das Hexagramm „Die Betrachtung“ zeigt bei der Diskussion des You-Hahns nicht zuletzt die große Bedeutung der richtigen inneren Haltung. Gerade in Momenten des Übergangs, wie you einen darstellt, ist sie die Voraussetzung dafür, dass die Tugendkraft de wirksam werden kann. Die Bedeutung der richtigen Einstellung und der gesamten persönlichen Integrität beschränkt sich hier nicht auf das eigene Seelenheil, sondern ist eine Frage der Konstitution und Ausübung von Macht und betrifft damit das Wohl der gesamten Gemeinschaft.

Wenn „Die Betrachtung“ in dieser Weise auch die Frage nach Macht und Herrschaft mit ins Spiel bringt, trifft sie hier im „Hahn“ auf ein Tier, der diese Rolle geradezu sprichwörtlich ausfüllt. Nicht umsonst spielt auch die deutsche Redensart vom „Hahn im Korb“ auf die Rolle des Leithahns in der Herde an, um den sich die Hennen und Junghähnen scharen. Er ist hier nicht nur für die Befruchtung zuständig, sondern auch für den sozialen Frieden: Er schützt die Herde nach außen, schlichtet Streitigkeiten und unterstützt nicht zuletzt die Hennen bei der Erziehung der Jungtiere.

Der Hahn hat fünf Tugenden

Mit dem Auftreten des Hahnes im Tierkreis wird also ein Aufruf zu moralischer Integrität laut, zur Kultivierung der Tugendkraft de, einer moralischen Ausrichtung, die gesellschaftlich wirksam ist. Zu Beginn eines Hahnenjahres wird in China auch manchmal darauf hingewiesen, dass der Hahn der „Vogel mit fünf Tugenden“ sei (wu de zhi qin 五德之禽). So genannte „Fünf Tugenden“ gibt es schon seit Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. in Entsprechung zu den fünf Wandlungsphasen. Nach dem großen Entsprechungs-Theoretiker Dong Zhongshu 董仲舒 (179–104) sind dies Mitmenschlichkeit, Rechtschaffenheit, ritueller Anstand, Weisheit und Verlässlichkeit. Die Bezeichnung „Vogel der fünf Tugenden“ geht wiederum auf einen Zeitgenossen Dong Zhongshus zurück: Han Ying 韩婴 (ca. 200–130) spricht einmal davon, dass „der Hahn fünf Tugenden besitzt (ji you wu de 鸡有五德)“:

Dass er auf dem Kopf eine Amtsmütze trägt, zeigt Kultiviertheit (wen 文);
dass er an seinen Füßen Sporen hat, zeugt von Kampfkunst (wu 武).
Hat er einen Feind vor sich, getraut er sich zu kämpfen, das zeigt Mut (yong 勇);
sieht er Futter, dann ruft er die anderen herbei, das ist Mitmenschlichkeit (ren 仁);
er wacht über die Zeit und verfehlt sie nicht, das bedeutet Verlässlichkeit (xin 信).
(Han Shi Waizhuan 韩诗外传, Rolle 2, Übers. I.E.)

In den beiden Erstgenannten: wen und wu, kann man den Titel unserer WenWu-Zeitschrift wiedererkennen, die über chinesische Kultur, wen, und Kampfkunst, wu, informiert. Dieses uralte Begriffspaar steht für Bildung, Literatur und Kultur einerseits und demgegenüber für Krieg und Kampf. Mit Blick auf staatliche Machtausübung kontrastierten sie die Ordnungsfunktion der Beamtenschaft in Friedenszeiten mit der Verteidigung des Staates durch das Militär. Mit Sporen an den Füßen bewaffnet und seinem als Amtsmütze erscheinenden Kamm zeigt sich der Hahn für Frieden und Krieg gerüstet. Er kann zwischen den Mittel der Kultur und Kampfkunst wählen und so angemessen auf die jeweiligen Erfordernisse der Zeit reagieren. Die beiden nächstgenannten Begriffe Mut yong und Mitmenschlichkeit ren greifen die Polarität der beiden Bereiche nochmals auf: Es braucht Mut im Kampf gegen andere und Mitmenschlichkeit in der Fürsorge für andere. Die Tugend xin, Vertrauen und Verlässlichkeit zugleich, ist keinem der beiden Bereiche explizit zuzuordnen, denn in friedlichen wie in kriegerischen Unternehmungen spielt sie die zentrale, tragende Rolle für die sozialen Beziehungen (Vgl. dazu: Enzinger, Irmgard: „Vertrauen. Eine Tugend der Kampfkunst“ in WenWu 2012.2, Printausgabe).

Hahnen-Weisheiten für Kampfkünste und Qigong

Mit seinen Sporen, seinem Mut und seiner Verlässlichkeit taugt der Hahn als hervorragender Lehrmeister für Kampfkünstler. Nicht umsonst gibt es im Xingyiquan 形意拳 unter den zwölf Tierformen auch eine Hahnenform (Jiquan 鸡拳), die den Geist und die Bewegungsweise dieses Tieres nachahmt. In vielen Formen des Wushu kommen Bewegungsnamen vor, die auf Hähne anspielen, im Taijiquan ist allen voran die Position „Der goldene Hahn steht auf einem Bein“, Jinji duli 金鸡独立 bekannt – „golden“ ist der Hahn deshalb, weil er als Tierkreiszeichen ja dem Metall bzw. Gold angehört.

 

Den Hahn hören und mit dem Tanz beginnen

Das „Qigong zur Beruhigung des Herzens und Ausgleich des Blutes“ (Shu xin ping xue gong 舒心平血功) beginnt wiederum mit einer Bewegungseinheit, die den Flügelschlag des Hahns nachahmt, sie heißt „Den Hahn hören und mit dem Tanz beginnen“ Wen ji qi wu 闻鸡起舞. Dies ist ein chinesisches Sprichwort, das sich nicht nur an Kampfkünstler wendet, sondern an alle, die etwas lernen möchten. Es spielt auf eine Geschichte aus der Zeit der Jin-Dynastie (265-420) an:

Zu Ti 祖逖 war als Kind nicht sehr am Lernen interessiert, was sich aber änderte, als er als Jugendlicher begriff, dass sein Land in Schwierigkeiten war und er ihm als Ungebildeter nicht würde weiterhelfen können. Er lernte daraufhin wie ein Besessener und wusste bald so viel, dass er, als er mit 24 in die Hauptstadt Luoyang kam, bald ein kleineres Amt angetragen bekam, das er jedoch ausschlug, um weiter zu lernen. Später hatte er dann ein anderes Verwaltungsamt inne, gemeinsam mit Liu Kun 刘琨, mit dem er so eng befreundet war, dass sie sogar die Bettdecke miteinander teilten. Beiden war klar, dass sie sowohl noch mehr Bildung als auch Kampffertigkeiten für eine richtige Karriere brauchten, und lernten weiter und übten oft miteinander den Schwertkampf. Einmal krähte mitten in der Nacht der Hahn, was eigentlich als schlechtes Omen galt. Zu Ti jedoch lehnte diese Interpretation ab und nahm das frühe Krähen als Anlass, sofort aufzustehen und zu üben. Fortan standen die beiden immer auf, wenn der Hahn krähte, und trainierten. Durch ihr „Den Hahn hören und mit dem (Schwert-)Tanz beginnen“ waren sie nach einiger Zeit nicht nur in der literarischen Bildung (wen), sondern auch in den Kampfkünsten (wu) vollkommen. Zu Ti half später als großer General, Liu Kun in hohen zivilen Ämtern das Land wieder stark zu machen.
(Vgl. Jinshu 晋书, Zu Ti zhuan 组逖传)

„Den Hahn hören und mit dem Tanz beginnen“ ruft also dazu auf zu lernen und sich zu kultivieren, indem man den Entschluss fasst und beharrlich dabeibleibt. Mit einer festen Zeit zum Lernen und Üben kann man sehr weit kommen. Und wieder geht es in dieser Hahnen-Geschichte um die richtige innere Einstellung und auch um eine Frage der Zeit: Wenn man etwas erreichen will, ist es günstig, rechtzeitig am Tag und auch im Leben damit anzufangen. Tröstlich genug zu wissen, dass Zu Ti, der sich ein bisschen später als andere mit dem Lernen angefreundet hat, mit Entschlossenheit, Fleiß und der Unterstützung durch seinen Freund – und sicher auch mit einer entsprechenden Begabung – doch noch an sein Ziel gekommen ist.

Der Kampfhahn des Meisters Chronik Minderung

Zeit spielt auch eine Rolle in einer deutlich älteren Hahnen-Geschichte, sie stammt aus dem daoistischen Klassiker Zuangzi; Zhuang Zi selbst lebte von etwa 365 bis 290 v. Chr. Auch hier geht es um die Tugendkraft de und einmal mehr um eine Bildungsbiografie, nämlich um das Training eines Kampfhahns.

Meister Chronik Minderung zog für den König einen Kampfhahn auf. Nach zehn Tagen erkundigte sich dieser: „Ist der Hahn so weit?“ „Noch nicht“, sagte der Meister. „Er ist noch eitel und anmaßend und lässt sich von seinem Temperament hinreißen.“ Nach zehn Tagen abermals befragt, sagte er: „Noch nicht. Er reagiert immer noch auf auftauchende Geräusche und Gestalten.“ Nach weiteren zehn Tagen antwortete er auf dieselbe Frage: „Noch nicht. Er schaut immer noch so angespannt und fließt über vor Lebenskraft. Nach noch einmal zehn Tagen sagte er: „Jetzt ist er fast so weit. Selbst wenn ein anderer Hahn kräht, bewirkt das bei ihm schon keine Veränderung mehr. Er schaut dann aus, als sei er aus Holz. Seine Tugendkraft ist vollkommen. Keiner der anderen Hähne wagt es sich auf ihn einzulassen, sie drehen sich alle um und laufen davon.
Zhuangzi 19.7, Übers. I.E.

Der Weg dieses Hahns zur „vollkommenen Tugend“ ist also, wie der sprechende Name des Meisters schon nahelegt, die Chronik einer umfassenden Minderung, die im Inneren des Hahns stattfindet. Es treten dabei nach und nach zurück: Eitelkeit und Anmaßung, das Ausgeliefertsein an Emotionen und Sinneswahrnehmungen, die innere Anspannung und übermäßige Qi-Fülle. Diese Verminderung führt zu innerer Ruhe und äußerer Ausdruckslosigkeit, die miteinander Anzeichen vollkommener Tugendkraft bilden. Der Hahn beherrscht damit die höchste Form der Kampfkunst, zu siegen ohne zu kämpfen. Indem seine Kämpfe nicht ausgetragen werden, wird keiner mehr verletzt. Dem König, der vierzig Tage geduldig gewartet hatte, hat sich unter einem Kampfhahn sicher etwas Anderes vorgestellt. Dafür könnte er von diesem Hahn nun eine Menge über das Herrschen durch die Tugendkraft de lernen.

Dieses Verständnis von de ist wiederum ein typisch daoistisches, und der Bildungsprozess ist hier eigentlich einer, der sich gegen das „Lernen“ im üblichen Sinne richtet. So heißt es im daoistischen Klassiker Daodejing 道德经 einmal:

Wer sich mit dem Lernen beschäftigt, ist täglich am Vermehren,
wer sich mit dem Dao beschäftigt, ist täglich am Vermindern.
Er vermindert und vermindert
und kommt schließlich beim Nicht-Tun (wu wei 无为) an.
Im Nicht-Tun bleibt nichts ungetan.
Das Reich erlangt man in beständiger Nicht-Geschäftigkeit.
Wenn man aber geschäftig ist,
reicht das nicht hin, um das Reich zu erlangen.
Daodejing 48, Übers. I.E.

In diesem Sinn hat sich der Kampfhahn in seiner Ausbildung unter dem Meister Chronik Minderung mit dem Dao beschäftigt und ist durch seine tägliche Verminderung beim Nicht-Tun angelangt. Auch am Ende eines solchen Prozesses steht die Erlangung der Tugendkraft de, der als Charisma zugetraut wird, „das Reich zu erlangen“, also den Wandel des Volkes bewirken zu können.

Für seine Entwicklung als „Vogel der fünf Tugenden“ stellt sich so dem Hahn die philosophische Frage, ob er sie als einen Weg der Mehrung oder der Minderung beschreiten will. Mit seinem tiefen Bezug zu Morgen und Abend, wo Sonne und Mond auf- und absteigen, kann er sich in beiderlei Hinsicht auf den Himmel berufen.

Sonne und Mond

Charakterisierungen von Hahn-Geborenen

Zum „Jahr des Hahns“ finden sich im Internet Charakterbeschreibungen der in einem Hahnenjahr Geborenen in Hülle und Fülle. Vieles davon lässt sich an die obige Recherche anknüpfen: Hähne zeigen sich hier tüchtig, mutig und beschützend, achten auf ihr äußeres Erscheinungsbild, sind gesellig und lieben das Sehen und Gesehen-Werden. All das kann sich negativ natürlich auch als übertriebener Ehrgeiz, Eitelkeit oder anderes zeigen. Für die gewisse Kompliziertheit, die ihnen nachgesagt wird, könnte die paradoxe Beziehung zwischen den Erdzweigen mao und you einen produktiven Erklärungsansatz bieten. Auffällig ist, dass nach diesen Wesensbeschreibungen die Gesellschaft von den Hähnen sehr zu profitieren scheint, auch wenn sie manchem einmal auf den Wecker fallen mögen. An dieser Stelle hat der Hahn Anlass gegeben zu manchen Betrachtungen über das Nutzen von Zeit und über die Bedeutung von Tugend de als innere Haltung und gesellschaftliche Kraft. Darin finden sich sicherlich Hinweise, wie das Hahnenjahr, und nicht nur dieses, zu einem glücklichen werden könnte.

Berühmte Hähne
Kaiser Friedrich I., Kaiserin Maria Theresia von Österreich, Gotthold Ephraim Lessing, Kaiserin Katharina die Große, Carl Friedrich Gauß, Richard Wagner, Ludwig Erhard, Joseph Goebbels, Sophie Scholl, Joseph Beuys, Bob Marley, Franz Beckenbauer, Ai Weiwei, Osama bin Laden, Peter Ustinov, Yoko Ono, Roman Polanski, Falco, Sahra Wagenknecht, Jan Böhmermann, Beyoncé Knowles, Zlatan Ibrahimović, Britney Spears, Ariana Grande