Von Irmgard Enzinger

Seit dem 10. Februar 2013 ist das Jahr des Drachen vorüber und wir befinden uns im Jahr der Wasser-Schlange. Wie schon im vorangegangenen Drachenjahr stehen die Zeichen auf Veränderung. Dafür hat der ungestüme Drache spürbare Impulse gesetzt, und nun ist es an der klugen Schlange she 蛇, den bereits in Gang gekommenen Wandel der Verhältnisse auf gangbare und aussichtsreiche Wege zu bringen.

Schlange IE

Von Irmgard Enzinger

 

Die Schlange zwischen Feuer und Wasser, zwischen Yin und Yang

Die Dynamik dieses Jahres wird deutlich, wenn man sie mit Blick auf die fünf Wandlungsphasen und auf das Zusammenwirken von Yin 阴 und Yang 阳 beschreibt. Als Tierkreiszeichen verkörpert die Schlange den Erdzweig Si 巳 und versinnbildlicht dabei im Rahmen der fünf Wandlungsphasen das Yin-Feuer. In diesem Jahr trifft sie mit dem Himmelsstamm Gui 癸 auf die Wandlungsphase Wasser, wobei es sich hier, genauer gesagt, um Yin-Wasser handelt. In der Begegnung von Yin-Feuer und Yin-Wasser entsteht ein besonderes Kräftefeld: Die Schlange ist zunächst einmal ein Feuer-Wesen. Das heißt, sie ist sehr beweglich, schnell, lebhaft und kommunikativ, und dieser feurige Charakter verleiht ihr eine besondere Ausstrahlung. Im Feuer kommen die Kräfte des voll entfalteten Yang zur Geltung, doch die Schlange gehört zum

Die Schlange ist sehr beweglich, schnell, lebhaft und kommunikativ, und dieser feurige Charakter verleiht ihr eine besondere Ausstrahlung.

Yin-Feuer und neigt so nicht nur zu Schnelligkeit und Lebhaftigkeit, sondern gleichzeitig auch zu Festigkeit, Ruhe oder Kühle. Indem nun dem Feuer der Schlange solch ausgeprägte Yin-Kräfte entgegenwirken, kann man davon ausgehen, dass die typischen Aufgeregtheiten und Spannungen, welche das durchschlagende, eher rücksichtslose Auftreten des Drachens im letzten Jahr nach sich gezogen haben mag, nun deutlich beruhigt und entschärft werden. Diese wohltuende Abkühlung von feurigen Yang-Angelegenheiten im Lauf des Schlangenjahres dürfte jedoch nachlassen, wenn sich das Yin-Wasser unter dem nahenden Yang-Feuer des Pferdes im kommenden Jahr quasi in Dampf auflöst und entschwindet.

Schlangenleben

Im Yin-Feuer der Schlange sind immer schon Tendenzen zu yin-typischem wie auch zu yang-typischem Verhalten angelegt; ebenso zeigt sich auch das Leben leibhaftiger Schlangen als ein faszinierendes Changieren zwischen Hitze und Kälte, zwischen Ruhe und Bewegung. Schlangen sind wechselwarm; in gemäßigten Zonen überdauern sie die kalte Jahreszeit in Winterstarre, können sich aber in der Wärme des Sommers unglaublich biegsam und schnell fortbewegen. Auch in der Hitze können Schlangen so perfekt stillhalten, dass man sie sehr leicht übersieht, besonders wenn sie farblich mit der Umgebung harmonieren. Wie der Blitz aber entwischen sie, wenn sie sich bedroht fühlen, und genauso flink und ohne Vorwarnung vermögen sie ihre Beute anzugreifen. Sie sind wahre Meister der Fortbewegung, schnell und der Umgebung raffiniert angepasst scheinen sie alle Hindernisse des Geländes mühelos zu überwinden.
„Der Schlange Füße malen“, hua she tian zu 画蛇添足, lautet ein altes chinesisches Sprichwort, man verwendet es, um eine Handlung als überflüssig und übereifrig bloßzustellen. Es ist absurd, diesem flinken und eleganten Schlängeln Füße hinzufügen zu wollen. Wenn etwas schon so vollendet ist, was braucht es dann noch mehr?
Faszinierend ist auch die regelmäßige Häutung der Schlange. Sie wirkt, wenn sie ihre alte Haut abgestreift hat, frisch, strahlend, unverbraucht und wie neu geboren und erscheint damit als ein Wunder an Vitalität. So gilt es bis heute in vielen ländlichen Gebieten Chinas als segensreich, wenn sich auf dem Anwesen eine Schlange aufhält. Die Erneuerungs-Kräfte und die Beweglichkeit der Schlange führen auch zu ihrem Einsatz als Arznei in der chinesischen Medizin.

Die Schlange wirkt, wenn sie ihre alte Haut abgestreift hat, frisch, strahlend, unverbraucht und wie neu geboren.

Gleichzeitig ist die Schlange den meisten Menschen unheimlich. Schlangenbisse können, wenn auch nur bei relativ wenigen Schlangenarten, giftig sein, manchmal sogar tödlich. Die Angst vor Schlangen, oft sogar als ausgeprägte Phobie, sitzt bei vielen Menschen tief, auch ohne dass sie jemals in ihrem Leben einer freilebenden Schlange begegnet wären. Sie wird befördert vom emotional ausdruckslosen Gesichtsausdruck dieses Reptils, seinem überraschenden Aufleben aus der Starre und seiner fremdartig erscheinenden Fortbewegungsart. Das negative Bild der Schlange schlägt sich nicht nur in der deutschen Rede von der „hinterlistigen Schlange“ nieder. Im Chinesischen bezeichnet man etwa Schlepper als „Schlangenköpfe“, shetou 蛇头, wobei hinter dem Kopf ein ganzer Schwanz aus Helfershelfern bereitsteht; hinterhältige Menschen sind „Schlangen und Skorpione“, she xie 蛇蝎; und wenn man zum Opfer von Skrupellosigkeit wird, so klagt man: „Schlangen und Ratten treiben ihr Unwesen“, she shu heng xing 蛇鼠横行.

Kleiner Drache

Skepsis gegenüber Schlangen dürfte mit daran schuld sein, dass man dieses Tierkreiszeichen in China oft nicht beim Namen nennt, sondern als „kleinen Drachen“ bezeichnet. Dabei ist dieser Ausdruck mehr als eine Beschönigung, denn Schlange und Drache zeigen einige auffallende Bedeutungsbezüge. Immerhin liefert nach chinesischer Vorstellung der Schlangenkörper den Rumpf des Drachen, und manches spricht dafür, dass das Aussehen und die Fähigkeiten der Schlange den Menschen zur Imagination von Drachen inspiriert haben. China wird immer wieder als das Land der Drachen poetisiert; und schon seit der frühen Kaiserzeit, besonders aber seit der Ming-Dynastie, umgaben sich die chinesischen Kaiser gerne mit Drachen-Insignien. Der erste mythische Urkaiser Fu Xi 伏羲 jedoch wird, oft gemeinsam mit der Retterin des Firmaments Nüwa 女娲, mit einem schlangenartigen Unterleib dargestellt. Fu Xi gilt traditionell als Entdecker der acht Trigramme und damit als geistiger Vater des großen Klassikers „Buch der Wandlungen“ Yijing 易经. Auch im Kontext dieses Werkes scheint die eng verwobene Symbolik von Drachen und Schlange auf. Betrachtet man nämlich die spätere traditionelle Zuordnung der zwölf Erdzweige zu zwölf Hexagrammen des Yijing, dann entspricht die Schlange dem Hexagramm Qian 乾, welches aus acht harten Linien bestehend den „Himmel“ symbolisiert.

Qian Hexagramm

Hexagramm Qian

Die überlieferten Linienkommentare des Himmel-Hexagramms Qian freilich beschäftigen sich nicht mit der Schlange, sondern mit dem Drachen. Sie zeichnen dabei seinen Weg aus der tiefen winterlichen Verborgenheit, als Zeit der Ruhe, über seinen Aufstieg, als Zeit des Handelns, bis hin zu seinem Höhenrausch, wenn er oben am Himmel alle Bodenhaftung verloren zu haben scheint. Wenn dann wiederum im chinesischen Horoskop die Schlange nicht nur zeitlich dem Drachen nachfolgt, sondern durch das Himmel-Hexagramm Qian mit ihm verwoben wird, dann nimmt es nicht Wunder, wenn sie, wie der Drache ein langer schuppenhäutiger Wurm, hier gerne als „kleiner Drachen“ gehandelt wird. Der Himmel, dessen Kräfte das Hexagramm Qian verkörpert, gilt als der große Initiator von Veränderungen. Im Horoskop bedient sich dieser Himmel, so könnte man sagen, der Schlange als Expertin in Sachen Häutung wie in allen heiß-kalten Wechselangelegenheiten und stellt ihr, gemeinsam mit dem Drachen, die Bewerkstelligung von Transformationsprozessen, also des unumkehrbaren Wandels, anheim.

Schlangen-Gongfu

Die Schlange ist insofern ein „kleiner Drache“, als sie sich zwar zu Lande oder im Wasser ähnlich geschickt bewegen kann wie der Drache in den Lüften, doch zunächst nicht wie er zum Himmel aufsteigen kann. Der „kleine Drache“ muss erst einmal wachsen, um die Größe des Drachen zu erlangen. Der Schlange fallen seine Fähigkeiten nicht von selbst zu, sie muss sie als Gongfu 功夫entwickeln, das heißt, als Ergebnis langer, geduldiger und hingebungsvoller Übung. Ihre Yin-Kräfte erlauben ihr die Ruhe zur meditativen inneren Arbeit und unterstützen die Neigung zum gesellschaftlichen Rückzug, den jede Form langer und gründlicher Ausbildung benötigt.

Das Gongfu der Schlange sind Geduld und Ausdauer, doch im rechten Moment schnappt die sie geistesgegenwärtig, listig, flink und geschickt zu.

Die bekannte Legende von der Weißen Schlange, der großen Liebesgeschichte am Westsee von Hangzhou, beginnt mit ihren Jahrhunderte langen inneren alchemistischen Übungen, um das Elixier der Unsterblichkeit herzustellen. Die letzten erforderlichen 500 Jahre vermochte sie jedoch zu überspringen, da es dem geschickten Tier gelang, das Elixier zu erhaschen und zu verschlucken, als es von einer Kröte versehentlich ausgespuckt worden war. Nun war sie nicht nur unsterblich, sondern konnte sich in die Weiße Dame Bai Suzhen 白素真 verwandeln, in die sich der junge Gelehrte Xu Xian 许仙 verliebte.
In diesem Auftakt der Geschichte zeigt die Weiße Schlange eben jene Besonderheiten, welche das Gongfu der Schlange ausmachen: Sie übt sich in Geduld und Ausdauer, doch sie erstarrt darin nicht als Pose. Im rechten Moment schnappt sie geistesgegenwärtig, listig, flink und geschickt zu. Hier scheinen wieder all die Fähigkeiten auf, welche oben der Schlange als Yin-Feuer, als lebendiges Reptil und als kleiner Drache zugeschrieben werden konnten: Was ihr an der angeborenen Größe des Drachen fehlt, macht sie wett durch ihre Anpassungsfähigkeit und durch ihr großes Wissen, das sie aus der Durchdringung von Hitze und Kälte, Licht und Dunkel bezieht.

Dementsprechend werden der Schlange große geistige Fähigkeiten wie List, Klugheit oder Weisheit zugeschrieben. Sie nimmt vorhandene Neigungen und Tendenzen genau wahr und kann sie nutzen, um ihre Vorhaben auf eine solide Grundlage zu stellen. Ähnlich wie die sagenhaft schöne Weiße Dame am Westsee sind Schlangen häufig ausgesprochen anmutige, elegante und gutaussehende Erscheinungen. Ihr großes geistiges Potential, ihre Fähigkeit, durch Beharrlichkeit und Blick auf das Mögliche echtes Gongfu zu entwickeln, macht das Schlangenjahr für Paare mit Kinderwunsch sehr attraktiv; viele wünschen sich sogar eher einen „kleinen“ als einen großen Drachen. Hier spielt sicher auch die Hoffnung eine Rolle, dass sich die zurückhaltend auftretende Schlange leichter in die gegebene Familienstruktur einfügen wird als ein zum Herrschen geborener Drache. Insgesamt kann das Schlangenjahr jeden dazu ermutigen, auf die beschriebenen Kräfte der Schlange zu bauen; ihre Klugheit und ihr Durchhaltevermögen können helfen, den tieferen Sinn gegenwärtiger Veränderungen zu erkennen und sie in konstruktiver Weise dauerhaft zu nutzen.

Berühmte Schlangen-Persönlichkeiten
Fjodor Dostojewski, Bob Dylan, Abraham Lincoln, Ludwig II von Bayern, Mao Zedong, Franz Schubert, Virginia Woolf
Schlangenjahre
1917, 1929, 1941, 1953, 1965, 1977, 1989, 2001, 2013
Zur Vertiefung
„Das Jahr des Drachen“ von Irmgard Enzinger, in: WenWu 1.2012
Zu den Himmelsstämmen und Erdzweigen: „Von Ratten und Mäusen“ von Irmgard Enzinger, in WenWu 1.2008
Für weitere Aspekte der Schlangen-Symbolik „Xuanwu. Der dunkle Krieger“ von Dominique Hertzer, in: WenWu 2.2012