Von Uta Weigelt

Nach dem chinesischen Mondkalender fällt das Drachenbootfest (duanwujie), in Singapur auch Doppel-Fünf-Fest (Chongwujie) genannt, auf den fünften Tag im fünften Monat. Nach dem westlichen Kalender wurde es in diesem Jahr am 30. Mai gefeiert. Anders als in der Volksrepublik China, wo das Drachenbootfest seit 2008 ein gesetzlicher Feiertag, ist es in Singapur jedoch ein normaler Arbeitstag.

Nichtsdestotrotz wird es auch hier traditionell mit Drachenbootrennen, einem ausgiebigen Hausputz, besonderer Kleidung und einer typischen Delikatesse begangen.

Da es im fünften Monat in vielen Regionen Asiens sehr heiß werden kann, breiten sich in dieser Zeit schnell Krankheiten und Seuchen aus, Insekten vermehren sich. Haus und Hof werden daher vor dem Fest gründlich gereinigt. Kindern werden kunstvoll bestickte, mit Realgar-Mineral, Wermutpulver, Ysop und Kampfer gefüllte Duftsäckchen um den Hals gehängt, um sie vor den „Fünf Giftigen Tieren“ (wudu), nämlich Skorpion, Tausendfüßler, Schlange, Eidechse und Kröte, zu schützen. Auch mit den wudu bestickte Westen oder Schuhe für Kinder dienen diesem Zweck.

Beifuß und Kalmus, letzterer wegen seiner spitz zulaufenden Triebe auch „Wasserschwert“ (shui jian) genannt, werden an Fenster und Türen gehängt, um böse Geister fernzuhalten. Um sich noch wirksamer zu schützen, trinkt man gern mit Wein vermischten Realgar (xiong huang jiu). Außerdem soll ein Abbild des Dämonenjägers Zhong Kui helfen, böse Geister, Krankheiten und Dämonen von Haus und Hof fernzuhalten.

Ursprung des Drachenbootrennens

Um die Entstehung der Drachenbootrennen ranken sich viele regionale und lokale Legenden. Die bekannteste besagt, dass sich in der Zeit der Streitenden Reiche (475–221 v. Chr.) der beim Volk äußerst beliebte Dichter und Politiker Qu Yuan (ca. 340–278 v. Chr.) in den Fluten des Miluo-Flusses in der heutigen Provinz Hunan ertränkt haben soll.

In historischen Quellen wird Qu Yuan allein im Shiji von Sima Qian (145–86 v. Chr.) erwähnt: Er sei ein angesehenes Mitglied des Hofes von König Huai von Chu gewesen. Eines Tages verlor er jedoch wegen einer Intrige das Vertrauen des Herrschers. Als König Huai bei Gefechten im Ausland zu Tode kam, übernahm sein Sohn den Thron. Aber auch er erkannte Qu Yuans wohlgemeinte Gesinnung nicht und verbannte den Dichter ins Exil.

Aus Protest gegen diese Behandlung stürzte sich Qu Yuan in den Fluss Miluo und ertrank. Seinem Patriotismus gab er in dem Klagelied Li sao (Trauer nach der Trennung) Ausdruck, das in der Anthologie Chuci (Gesänge aus Chu) überliefert ist.

Da er beim Volk immer noch sehr beliebt war, versammelten sich schnell viele Menschen am Fluss. Einige fuhren mit Booten auf den Fluss, um seinen Leichnam zu suchen, andere warfen Reisbällchen ins Wasser, damit die Fische sie fraßen und so den Leichnam des Dichters unversehrt ließen. Zum Gedenken an Qu Yuan sollen die jährlich veranstalteten Drachenbootrennen ins Leben gerufen worden sein. Die während des Drachenbootfestes beliebten Zongzi, in Singapur Bak Chang genannt – kleine in Bambus- oder Schilfrohrblätter gewickelte Klebreis-Dreieckpyramiden (nuomi) mit verschiedensten süßen oder deftigen Füllungen wie Eigelb, Krabben, rotem Bohnenmus, Datteln oder Schweinefleisch – erinnern an die Reisbällchen, die die Fischer einst in den Fluss geworfen haben sollen, um Qu Yuan zu retten.

Eine andere Überlieferung besagt, dass man bei Überschwemmungen mit den Drachenbooten versuchte, die das Wasser aufwühlenden Drachen zu besänftigen und somit die Fluten einzudämmen.

In der Provinz Zhejiang wird der Ursprung der Rennen auf den König von Yue, Gou Jian (reg. 496–465 v. Chr.), zurückgeführt, der nach einer militärischen Niederlage seine Truppen in Drachenbootrennen trainierte und mit ihrer Hilfe den Staat Chu retten konnte.

Wissenschaftler vermuten den Ursprung der Drachenboote im südlichen Zentral-China in der Gegend des Yangzi um ca. 500 v. Chr.. Organisierte Drachenbootwettkämpfe gab es dort schon sehr früh, reglementierte Wettkämpfe wurden bereits während der Sui-Dynastie (581–618) und Tang-Dynastie (618–907) durchgeführt. Von vielen Herrschern ist überliefert, dass sie gerne die Drachenbootrennen beobachteten. Zahlreiche Kalligraphen und Maler hielten die Szenen in Wort und Bild fest. Beispiele dafür sind die Malerei „Drachenbootrennen“ des tang-zeitlichen Malers Li Zhaodao (ca. 675–ca.750) und die aus der Yuan-Zeit (1279–1368) stammende von unbekannter Hand gefertigte Rolle „Wettkampf um den Sieg beim Drachenbootrennen“. Erstmals schriftlich erwähnt werden Drachenbootrennen in den „Annalen von Kaiser Wu“ (6. Jhd.). Hier heißt es in der Jingchu-Chronik: „Am 5. Tag des 5. Monats im Mondkalender […] veranstalten die Menschen Drachenbootrennen und sammeln medizinische Kräuter“.

Drachenbootrennen

Während meines Sprachstudiums in Taiwan in den 1990er Jahren habe ich als Mitglied eines internationalen Drachenbootteams einer Universität in Taibei an Wettkämpfen teilgenommen. Obwohl es anstrengend war, nach dem morgendlichen Training noch den ganz normalen Studentenalltag zu bewältigen, erinnere ich mich gerne an jene Zeit zurück. Nach ein paar Aufwärmübungen an Land ging es dann zum Rudertraining auf die schmalen Paddelboote, die wegen des aufgemalten Drachenkörpers und geschnitzten Drachenkopfes am Bug des Bootes Drachenboot (longchuan oder longzhou) genannt werden.

Nach 35 Minuten Temporudern mit acht Zwischensprints waren wir meist recht erschlagen. Zeit zum Ausruhen war nicht. Es ging schnell nach Hause unter die Dusche, um dann pünktlich zum Unterricht zu kommen.

Die Besatzung unseres Drachenbootes bestand aus 16 Paddlerinnen, einer Trommlerin, einem Steuermann und der Flaggengreiferin. Wichtig war, dass die Ruderinnen, die auf der linken Reihe saßen, insgesamt genauso schwer waren wie ihre Kolleginnen auf der rechten Site. Andernfalls geriet das Boot schon von Anfang an in eine Schieflage, die der Steuermann nur schwer ausgleichen konnte.

Die Trommlerin stand am Bug des Bootes und nahm den von den Ruderinnen in der ersten Reihe vorgegebenen Paddelrhythmus auf. Mit ihren Trommelschlägen sorgte sie für einen gleichmäßigen Takt und feuerte uns mit lauten »jiayou, jiayou«-Rufen an. Die Ruderinnen durften nicht aus dem Rhythmus kommen und mussten so synchron wie möglich das Paddel bewegen. Geriet nur eine Ruderin außer Takt, so verhakte sich das Paddel mit dem der vor oder hinter ihr Rudernden, das Boot geriet ins Schlingern und verlor sofort an Tempo. Ließen die Kräfte im Laufe des Rennens nach, durfte man nicht einfach aufhören zu rudern, sondern musste im Takt bleiben und das Paddel nur weniger kraftvoll durchs Wasser ziehen, um nicht das ganze Boot aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Im Heck stand der Steuermann, der mit einem Langruder das Boot steuerte. Die Flaggengreiferin kam erst am Ende eines jeden Rennens zum Einsatz. Während des Rennens kauerte sie am Bug des Bootes zwischen der Trommlerin und dem Drachenkopf, um sich auf Zurufen der Trommlerin kurz vor der Ziellinie mit einem beherzten Satz auf den Drachenkopf zu schwingen und nach der Zielfahne, die in einer Boje steckte, zu greifen. Mir wurde unvermutet diese Aufgabe zugewiesen.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte entwickelten sich die Drachenbootrennen auch international zu einem beliebten Wettkampfsport. Inzwischen finden sie nicht nur in China statt, sondern sind weit über die Grenzen Chinas hinaus in Asien und inzwischen auf der ganzen Welt verbreitet. Im Jahr 1991 wurde die International Dragon Boat Federation, kurz IDBF, gegründet. Gründungsmitglieder sind Australien, VR China, Taiwan, Großbritannien, Hongkong, Indonesien, Italien, Malaysia, Norwegen, Philippinen, USA und Singapur. Heute sind über 70 Länder Mitglied. In diesem Jahr, also 2017, finden die Weltmeisterschaften im Ursprungsland des Drachenbootrennens, auf dem Dianchi See in Kunming (Yunnan) statt. Das Drachenbootrennen hat sich von einem lokalen Kultur- zu einem internationalen Sportereignis entwickelt. Die Rolle der Fahnengreiferin gibt es bei den internationalen Wettkämpfen allerdings nicht mehr.