Von Uta Weigelt

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Der Mond nimmt in der chinesischen Kultur eine so herausragende Rolle ein, dass ihm sogar ein Fest gewidmet ist, das Mittherbstfest, auch Mondfest genannt.

Da der Mond an diesem Tag besonders groß und hell erscheint, feiern die Chinesen das Mittherbstfest (Zhongqiujie 中秋节) traditionell am 15. Tag des achten Monats nach dem chinesischem Mondkalender. Nach dem gregorianischen Kalender fällt es in diesem Jahr auf den 19. September.

Erstmals wurde das Mittherbstfest in den Riten der Zhou (Zhouli 周礼) erwähnt. Fortan widmeten Chinas berühmteste Poeten dem Mond klangvolle Gedichte, Hofbeamte und Gelehrte bewunderten ihn, Künstler verewigten seine Schönheit in zahlreichen Gemälden. Die chinesischen Kaiser brachten ihm im Herbst Opfer dar, um ihm für die reiche Ernte zu danken.

Heute zählt das Mondfest neben dem Frühlingsfest zu den wichtigsten Feierlichkeiten im chinesischen Kalender, das traditionell mit Familie und Freunden begangen werden. Schon Wochen vor dem Fest stapeln sich in Supermärkten und Geschäften, aber auch an speziell eingerichteten Ständen an der Straße, bunte verzierte Dosen und Schachteln mit kleinen runden Küchlein, die sogenannten Mondkuchen (yuebing 月饼). Aufwändig in bunten Schachteln verpackt überreicht man sie zum Mondfest an Freunde, Verwandte, Kollegen und Geschäftspartner. War das Gebäck mit einem Durchmesser von fünf bis zehn Zentimeter, früher hauptsächlich mit roter Bohnen- oder an Marzipan erinnernde Lotospaste gefüllt, so scheinen heute den regionalen Geschmacksvarianten keine Grenzen gesetzt zu sein: Von der edlen Champagnertrüffelschokoladenfüllung über vegetarische Füllmasse bis hin zum herzhaften Fleischkern wird heute nahezu jedem Gaumenwunsch entsprochen. Sind die Mondkuchen mit einem Enteneidotter gefüllt, so symbolisiert dieser mit seiner gelben Farbe und kreisrunden Form den Mond und damit Vollkommenheit und Harmonie.

Das Rund der kleinen Küchlein ist zudem Sinnbild für die harmonische Zusammenkunft der Familie, die an einem runden Tisch zusammensitzt und bei Tee und Mondkuchen den Feiertag begeht.

Schon ein einziger Mondkuchen ist sehr gehaltvoll und kann schwer im Magen liegen. Darum liegen den Geschenkpackungen oft kleine Plastikmesser bei, um die Kuchen bei Bedarf aufzuschneiden und zu verteilen.

Yulia Pohlmann

Yulia Pohlmann

Der Mondkuchen war jedoch nicht immer nur ein Symbol von Frieden und Harmonie. Als Zhu Yuanzhang 朱元璋 (1328–1398), der spätere Begründer der Ming-Dynastie (1368–1644), als Anführer der „Roten Turbane“ im China des 14. Jahrhunderts die verhasste mongolische Yuan-Dynastie stürzen wollte, zettelte er eine Rebellion an. Auf Anraten eines Vertrauten ließ er in Mondkuchen, die die Mongolen verschmähten, die Nachricht vestecken, dass sich das Volk am 15. des achten Mondes gegen die Mongolen erheben sollte. Der Coup gelang, die Nachricht verbreitete sich schnell, die Mongolen wurden von den Rebellen vertrieben und eine neue Dynastie, die Ming, von Zhu Yuanzhang begründet.

In der chinesischen Literatur ranken sich viele Geschichten und Mythen um den Mond. Die bekannteste ist sicherlich die des Bogenschützen Yi. Hou Yi 后羿 befreite einst die Welt von einer großen Qual. Zu jener Zeit war die Erde von zehn Sonnen umgeben. Die Hitze, die sie ausstrahlten, war unerträglich, die Ernte verdörrte auf den Feldern, Quellen versiegten, die Menschen mussten hungern. Hou Yi, ein begnadeter Bogenschütze, schoß schließlich neun der zehn Sonnen vom Himmel und rettete somit die Menschen vor dem sicheren Tod. Zum Dank erhielt er von den Göttern die Pille der Unsterblichkeit. Hou Yis Frau Chang’e 嫦娥 fand jedoch die Pille und nahm sie ein, was den Göttern nicht verborgen blieb. Zur Strafe schickten sie Chang’e auf den Mond, wo sie – neben dem Hasen, der das Kraut der Unsterblichkeit stampft und der dreibeinigen Kröte – auch heute noch bei genauer Betrachtung in ihrem Palast zu sehen sein soll.

Für den berühmten tang-zeitlichen Poeten Li Bai 李白 (701–762) endete die Bewunderung des Mondes, dem er mehrere Gedichte widmete, leider tödlich. In trunkenem Zustand soll er bei dem Versuch den Mond, der sich im Wasser spiegelte, zu umarmen ertrunken sein.

Li Bai: Gelage im Mondschein

Mit einem Krug voll Wein saß ich inmitten
duftender Blumen ganz allein.
Ich hob den Becher, um den Mond zu bitten,
für diese Nacht mein hoher Gast zu sein.
Da sah ich meinen Schatten, und als Dritten
lud ich auch ihn, den Ewigtreuen ein.

Der Mond weiß nichts vom Wein und seinen Freuden;
blind folgt der Schatten mir in Freud und Leid.
Und doch – ich trinke gerne mit den beiden.
Denn keinen Frühlingstag soll man vergeuden –
Der Frühling ist der Freuden Jahreszeit!

Und als ich singend meine Stimme hebe,
schwankt hoch der Mond ins weite Sternenmeer,
und da ich wie im Traume tanzend schwebe,
schwebt tänzelnd auch mein Schatten um mich her.

Bei klaren Sinnen wußten wir zu scherzen,
und erst die Trunkenheit hat uns getrennt.
Ich liebe euch, ihr Freunde ohne Herzen.
So lebt denn wohl! Bald treffen wir uns wieder
auf irgendeinem Stern am Firmament.

(Übersetzung von Ernst Schwarz, in: Ernst Schwarz 1976: Chrysanthemen im Spiegel. Berlin und Weimar, S. 93)

Und nicht zuletzt auch die chinesische Kampfkunst spricht vom Mond, wenn sie Bewegungen mit seiner runden, vollkommenen Form vergleicht, wie etwa in der 32er Schwertform, „Vor der Brust den Mond umarmen“ (huai zhong bao yue 怀中抱月) oder den Bewegungsablauf „zerteile die Wolken und halte den Mond“ (fen yun tai yue 分云抬月) aus dem Qigong.

Heute ist das Mondfest eines der wichtigsten Feste im chinesischen Kalender. Im Jahr 2006 wurde es in die Liste des nationalen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. Auch in Südkorea, Vietnam und Japan begeht man das Mondfest. Denn, um in den Worten des berühmten song-zeitlichen Dichters Su Dongpo 苏东坡 (1037–1101), der in seinem Gedicht Shuidiao getou 水调歌头 an das Mittherbstfest erinnert, zu sprechen:

…auch wenn uns tausend Meilen trennen, können wir doch die Schönheit des Mondes gleichzeitig genießen.

Die WenWu-Redaktion wünscht allen Leserinnen und Lesern zum Mondfest alles Gute!