Von Sophia Zasche

Chunjie 春節, das chinesische Frühlingsfest oder Neujahr markiert das Ende des alten und den Beginn des neuen Jahres. Das Fest beginnt mit der sogenannten „Endzahn“-Zeit (weiya 尾牙) schon am 16. Tag des zwölften Monats des Mondkalenders, hat seinen Höhepunkt am letzten Abend des alten Jahres (Chuxi 除夕) und endet mit dem Laternenfest (Yuanxiaojie 元宵節) am 15. Tag des ersten Monats. Dadurch, dass die Termine durch den Mondkalender bestimmt sind, fällt das Fest jedes Jahr auf einen anderen Tag des gregorianischen Kalenders, meist jedoch in die Zeit von Ende Januar bis Anfang Februar. Die Ursprünge des Festes werden in einer Art Erntedank vermutet, denn das Wort für „Ernte“ (nian 年) war vor der Zhou-Dynastie (Mitte 11. Jahrtausend – 256 v. Chr.) gleichbedeutend mit „Jahr“. Gefeiert wird das Frühlingsfest in China, Taiwan, Hongkong und auch in anderen Ländern mit einer großen chinesischstämmigen Bevölkerung, z.B. Singapur oder Malaysia.

Nachdem ich Chunjie schon zweimal in China erleben durfte, hatte ich dieses Jahr das Glück, das chinesische Neujahr bei einer taiwanesischen Freundin und ihrer Familie zu verbringen. Gelernt habe ich dabei nicht nur viel darüber, wie das chinesische Neujahr heutzutage gefeiert wird, sondern im Gespräch mit den Großeltern fast ebenso viel über Bedeutung und Gebräuche des Festes früher.

Chunijie 1

Markt während des Frühlingsfests, von Sophia Zasche

Ein wenig stockend begann das Gespräch mit der 68-jährigen Großmutter, meine Fragen schien sie auch zunächst nicht ganz nachvollziehen zu können. Zum Beispiel, was es zu essen gibt. Natürlich Fisch, was denn sonst? Denn Fisch (yu 魚) ist auf Chinesisch homophon mit Überfluss (yu 餘); auch Hühnchen ist beliebt, weil Hühnchen auf Taiwanesisch ähnlich wie Familie klingt, und um die geht es ja vor allem beim Frühlingsfest. Als wir auf das Thema Familie gekommen waren, schien die Großmutter plötzlich auch mehr Freude am Gespräch zu finden. Darum ging es früher noch viel mehr. Einmal im Jahr hatte man die Gelegenheit, alle Familienmitglieder und Freunde wieder zu sehen und dafür wollte man nur das Beste. Deswegen gehören eigentlich alle Fleischsorten zu einem guten Essen – ob Hähnchen, Rind, Schwein oder auch Fisch und Meeresfrüchte. Zusammen mit einer Schüssel Reis war das ein ganz besonderes Essen, da es im Laufe des Jahres immer nur eingelegtes Gemüse und eine Suppe aus Reis gab, in der das Wasser den Mangel an Reis ausgleichen sollte. Dazu gibt es eine Anekdote über einen entfernten Verwandten, der enttäuscht von einem durchaus üppigen Hochzeitsmahl zurückkam und sich über den fehlenden Reis beklagte. Was heute ein Zeichen von Überfluss ist – man hat es nicht nötig sich mit Reis satt zu essen weil es genügend Gemüse- Fleisch- und Fischgerichte gibt – war für ihn völlig unverständlich, denn eine Schüssel Reis gehörte früher einfach zu einem Festtagsessen dazu. Nach dem Essen wurde Karten oder Mahjong gespielt, geredet oder eine Handarbeit erledigt. Das gesellige Beisammensein stand im Mittelpunkt.

Opfertisch im Tempel

Opfertisch im Tempel, von Sophia Zasche

Auf meine Frage nach Geschenken lachte sie erst einmal nur. Manchmal gab es neue Kleider zum Frühlingsfest und natürlich hongbao 紅包. Hongbao bedeutet übersetzt zunächst nur „rote Tasche“ und steht für kleine rote Papierumschläge, in denen die älteren Familienmitglieder den jüngeren Geld zum Frühlingsfest schenken. Dass eine ganze Schüssel Reis bereits Luxus war und dennoch Geld verschenkt wurde, überraschte mich. Deswegen war ich neugierig, was die Großmutter sich denn von ihrem „Neujahrsgeld“ (yasuiqian 壓歲錢) gekauft hat. Eine Frage, die sie wieder zum Lachen bringt: nichts habe sie gekauft, nach dem Fest wurde das Geld den Eltern zurückgegeben. Sie hätte auch gar nicht gewusst, was sie hätte kaufen sollen, denn in ihrem Dorf gab es keine Läden oder ähnliches. Bei den hongbao ginge es schließlich auch nur um die gute Absicht.

So einfach das Frühlingsfest in ihrer Kindheit auch war, ich konnte spüren, welche Bedeutung es früher gehabt haben muss und mit wie viel Emotionen die ganze Familie gefeiert hat. Dieses Gefühl erahnen zu können war etwas ganz besonderes, denn ganz anders habe ich selbst das Frühlingsfest heutzutage erlebt. Viele Gebräuche, die es auch schon früher gab, gibt es noch heute, z.B. das „Anstecken des ersten Räucherstäbchens“ oder das „Verabschieden und Willkommenheißen des Herdgottes“, doch jungen Taiwanesen scheint es mit dem Frühlingsfest ähnlich zu gehen wie jungen Deutschen mit Weihnachten: der ursprüngliche Sinn ist nicht mehr so präsent. So schien für die Freundin, mit der ich das Frühlingsfest verbrachte, nichts Außergewöhnliches am gemeinsamen Essen am Abend des Festes zu sein. Die ganze Stimmung erschien mir wie bei einem ganz normalen Abendessen, gut aber nicht außergewöhnlich. Nach dem Essen sahen die Älteren gemeinsam fern, während wir Jüngeren Karten spielten, bis wir uns schließlich gegen zehn Uhr auf den Heimweg machten.

Am ersten Tag des neuen Jahres (chuyi 初一) besuchten wir einen Tempel, um Glück für das neue Jahr zu erbitten. Dafür steckt man Räucherstäbchen an, betet zu den Göttern des Tempels, kann Heiligenfiguren für Reichtum, Gesundheit, Liebe oder Klugheit kaufen und allerlei andere Rituale durchführen, die je nach der Größe und Bekanntheit des Tempels ganze Menschenscharen anziehen können. Besonders beliebt ist das Stellen einer konkreten Frage. Dafür stellt man sich zunächst der Gottheit vor und formuliert seine Frage in Gedanken, um dann aus 64 Holzstäben blind einen zu ziehen. Jeder der Holzstäbe passt zu genau einer kleinen Schublade in der Tempelwand, die auf kleinen rosa Zetteln Antworten enthält. Bevor man jedoch seinen Antwortzettel holt und ihn sich von den eigens dafür anwesenden Tempelmitarbeitern erklären lässt, lässt man sich mit Hilfe zweier kleiner Holzhalbmonde versichern, dass der gezogene Stab tatsächlich der richtige ist. Dazu wirft man sie auf den Boden und weiß so je nach Lage der Halbmonde, ob die Gottheit wütend ist, die Frage beantworten wird oder lacht.

Interpretation der Holzhalbmonde

Interpretation der Holzhalbmonde

Nach dem Tempelbesuch bietet sich der Tempelmarkt (miaohui 廟會) in den umliegenden Straßen zu einem ausgiebigen Schlemmen an. Neben unzähligen Essenständen bietet er auch Einkaufsmöglichkeiten für alles, was zu einem gelungenen Frühlingsfest gehört. Sie sind Schauplatz von Umzügen, die mit Tanz, Musik und schauspielerischen Darbietungen von Tempel zu Tempel ziehen.

Am zweiten Tag des neuen Jahres (chuer 初二) besuchen Familien die Schwiegereltern mütterlicherseits (hui niangjia 回娘家). Dieser Brauch stammt noch aus der Zeit, als Töchter mit ihrer Hochzeit vollkommen Teil der Familie ihres Mannes wurden und deswegen einmal im Jahr die Gelegenheit haben sollten, ihre Familie wieder zu sehen. Dabei werden Geschenke mitgebracht. Auf keinen Fall besucht aber die Tochter ihre Eltern schon einen Tag früher, denn dies würde ihrer Familie im nächsten Jahr großes Unglück bescheren. Woher diese Regel kommt, kann nur spekuliert werden. Vermutlich hat sie ihren Ursprung in dem allgemein präsenten Vorziehen der männlichen Seite, d.h. zuerst wird die Familie des Mannes besucht. Ist ein Besuch tatsächlich einen Tag früher unbedingt notwendig, so gibt es dennoch einen Weg Unglück abzuwenden: beim Besuch wird Öl mitgebracht und auch wieder mit nach Hause genommen. Hier wird wieder mit der Homophonie verschiedener Zeichen gespielt, denn „mit Öl kommen, mit Öl gehen“ (youlaiyouqu 油來油去) klingt wie „ohne festes Ziel herumspazieren“ (youlaiyouqu 遊來遊去), weswegen ein solcher Besuch nicht zählt.

Es gibt noch unzählige andere Gebräuche, die auch von Region zu Region variieren, mindestens ebenso viele, wie mit der Zeit verloren gegangen sind. Doch das Wichtigste, das Zusammenkommen der ganzen Familie, wird wohl immer erhalten bleiben und auch weiterhin jedes Jahr für Verkehrschaos und lange Schlangen an Flughäfen und Bahnhöfen sorgen.

Das Anstecken des ersten Räucherstäbchens
Dafür versammeln sich am letzten Abend des alten Jahres viele Taiwanesen mit Räucherstäbchen in der Hand vor den verschlossenen Türen eines Tempels, um dann, wenn um zwölf Uhr die Türen geöffnet werden, auf den Räucherstäbchenhalter des Tempels zuzustürmen und möglichst das eigene Räucherstäbchen als allererstes hineinzustecken. Wer dies schafft, wird im neuen Jahr mit ganz besonders viel Glück gesegnet sein. Wie wichtig manch einer diese Tradition nimmt, sieht man an der skurrilen Geschichte eines jungen Mannes, der in einen Tempel einbrach und sich dort versteckte, um vor allen Menschenmassen um Punkt zwölf sein Räucherstäbchen in den Räucherbehälter stecken zu können.
Das Verabschieden und Willkommenheißen des Herdgottes

Jede Familie hat ihren eigenen Herdgott, der sie beschützt. Um die Neujahrszeit kehrt dieser in den Himmelspalast zurück, um sich mit anderen Göttern zu treffen und über seine Familie Bericht zu erstatten. Deswegen wird er am 24. Tag des 12. Monats des Mondkalenders verabschiedet und im neuen Jahr am vierten Tag des ersten Monats wieder willkommen geheißen. Zum Abschied werden dem Herdgott vor allem Süßigkeiten geopfert – damit er möglichst nur Gutes über seine Familie zu berichten hat. Darüber, wann genau man ihn verabschieden sollte, gibt es allerdings verschiedene Meinungen. Manch einer meint, so früh wie möglich, damit er möglichst viel Zeit mit den anderen Göttern verbringen kann, manch einer meint wiederum, so spät wie möglich, damit er nicht so viel Zeit hat, eventuell Schlechtes über die Familie zu berichten. Um ihn wieder willkommen zu heißen, wird ihm abermals geopfert.