Von Anja Sommerer und Caroline Roblitschka

Viele Bewegungen üben wir schon lange und immer wieder innerhalb der unterschiedlichen Formen und Stile. Betrachtet man die Bewegungen zur Abwechslung einmal einzeln mit etwas detaillierterem Wissen zu ihrem Namen, ihrem Ablauf und ihrer praktischen Anwendung, wird man bewusster trainieren. Und so wird man seinem Ziel ein Stückchen näher kommen, die Bewegungen innerlich gesammelt und äußerlich geschmeidig und ruhig, verwurzelt und doch im kontinuierlichen Fluss auszuüben. Hierzu möchte diese Auswahl Taiji-Trainierenden Hintergrundinformationen an die Hand geben und in jeder Folge eine Bewegung etwas genauer studieren.
„Der Meister führt dich zum Tor und lässt dich eintreten. (Das, was hinter dem Tor liegt, nämlich) die Vervollkommnung des eigenen Charakters (und die Perfektionierung der Kampfkunsttechnik) liegt an dir selbst.“ (shifu ling jin men, xiu xing zai ge ren 师傅领进门,修性在个人). Zu dieser Vervollkommnung gehört unter anderem mit Fleiß und Ausdauer zu üben, die Bereitschaft, „Bitternis zu essen“ (chi ku 吃苦) und uns auch unablässig weiterzubilden. Dies müssen wir also mitbringen, um uns im Training weiterzuentwickeln. Auf diese Weise werden wir irgendwann an den Punkt kommen, die Bewegungen intuitiv richtig zu machen, ohne uns daran zu erinnern, auf welchem Weg wir dorthin gekommen sind. „Wenn man den Fisch bekommen hat, vergisst man die Reuse“ (de yu wang quan 得鱼忘筌). Zur Kampfkunsttugend zhi 知 (Wissen) siehe auch Andrea Stocken: „Wissen und Erkenntnis im alten China“ in WenWu Ausgabe 1.2012.

 
Yang Chengfu Danbian 

Zu den Grundlagen des Taijiquan gehören neben vielen anderen Aspekten Entspanntheit, Ruhe und Natürlichkeit (song, jing, ziran 松, 静, 自然). Ein wichtiges Merkmal sind bei allen Taiji-Bewegungen, so auch bei der Einfachen Peitsche, die Verwurzelung und der sichere Stand. Dazu aus 太极拳运动,中华人民共和国体育运动委员会运动, 1983, Folgendes zum stabilen Stand:

Will man seinen Oberkörper aufrecht und entspannt bewegen, muss man zuerst sicherstellen, dass man stabil steht. (…) Wenn man nicht sicher steht, hat das meist nicht mit fehlender Kraft in den Beinen zu tun, sondern eher damit, dass Schrittart und -technik nicht korrekt sind. Wenn die Schritte zu klein oder schief sind, die Position der Füße oder ihr Winkel nicht stimmen oder beim Wechsel des Schwerpunktes nicht ausreichend zwischen „leer“ und „voll“ (Anm. gewichtet oder ungewichtet) unterschieden wird, so ist die Körpermitte nicht stabil. Daher sollten Schritttechniken deutlich ausgeführt werden, wobei man gut auf die Gewichtsverlagerung achten sollte.“
 
WuYuan-Taijigruppe_Danbian_hell 

Danbian 单鞭 – Die einfache oder einarmige Peitsche

Nach dem Taiji-Theoretiker Song Zhijian erhält die Bewegung ihren Namen in Anlehnung an die Bambuspeitschen, die im alten China zum Zähmen von Pferden verwendet wurden. Bambus ist ein elastisches, biegsames und gleichzeitig hartes und widerstandsfähiges Material. Die Bewegung zeichnet sich durch Zusammenziehen und Auseinandergehen, Beugen und Strecken aus. Die sich sammelnde Bewegung drückt das Biegen der Peitsche, die streckende Bewegung die gerade Peitsche aus. (vgl. T’ai-Chi Ch’üan, Die Formenlehre, 1999).

 
Yang Chengfu Danbian Yongfa
 

Im chinesischen Taijiquan-Lexikon 中国太极拳词典, 2005, wird wiederum Bezug auf das Bild eines Kämpfenden genommen, der beim Angriff auf den Feind mit einem Arm die Peitsche schwingt.  Von ihrer Anwendung her ist die Einfache Peitsche vorwiegend eine Abwehrbewegung, bei der nach Abwehr mit der Handaußenkante noch mal zugestoßen oder sogar zugeschlagen werden kann. Das Formen der Finger zur Hakenhand symbolisiert einen Angriff auf die Augen des Gegners. Diese Bewegung findet sich in nahezu jeder Taiji-Form wieder (meist nach links gehend) und sie erfordert – richtig ausgeführt – gute Koordination. Bei der nach links gerichteten Einfachen Peitsche wird die rechte Hand zur Hakenhand geformt, während die linke Hand etwas zeitversetzt zur rechten Hand geführt wird. Das Gewicht ist nun hauptsächlich auf dem rechten Bein. Im fließenden Übergang wird dann die linke Hand auf Brusthöhe in einem großzügigen Bogen von rechts nach links geführt. Gleichzeitig wird das linke Bein von der Dingbu-Stellung (丁步) nach links zum Bogenschritt (弓步 gongbu) aufgesetzt. Wichtig ist dabei, das Gewicht nicht zu schnell vom rechten auf das linke Bein zu verlagern, sondern langsam und mit Bedacht. Nachdem das Bein zum gongbu aufgesetzt wurde, kann sich nun das Gewicht entsprechend zu etwa 70% auf das vordere und zu etwa 30% auf das hintere Bein verlagern. Der hintere Fuß muss entsprechend im 45 Grad Winkel ausgerichtet werden. Die Hüfte ist natürlich und leicht nach rechts hin geöffnet. Während der Ausführung des gongbu wird die linke Handfläche mit der Handaußenseite nach vorne aufgestellt. Der Körper bleibt bei der gesamten Bewegung aufrecht und mittig, der Scheitelpunkt am Kopf scheint wie von einem unsichtbaren Faden nach oben gezogen und, wie es in den Erklärungen zu den 13 Bewegungstechniken von Wu YuXiang 武禹襄 heiβt, „sollte man in einer aufrechten, zentrierten, ruhigen und entspannten Position stehen und nach allen acht Richtungen abgesichert sein (…)“ (siehe WenWu-Ausgabe 1.2009).