Von Anja Sommerer und Caroline Roblitschka

Die runden Bewegungen der Arme erinnern an ziehende Wolken – fließend, leicht und anmutig
Eines der Grundprinzipien im Taijiquan ist der ruhige Geist. Der alltägliche geschäftige Gedankenfluss soll sich beruhigen und sich entspannt mit den Bewegungen des Körpers verbinden. Körper und Geist sollen eins werden.

Mit der Bewegung der Wolkenhände (Yunshou 云手) lässt sich die Fähigkeit, Körper und Geist zu verbinden, besonders gut üben. Denn die obere Hand nimmt den Blick mit sich fort und gibt ihn weiter an die zweite Hand, die ihn auf die andere Seite führt. Und dort, wo unser Geist und unser Bewusstsein hin führen, ist auch unser Blick als Ausdruck des Geistes. Durch die Bewegungen können sich Körper und Geist harmonisch ergänzen und zu einer inneren Ruhe gelangen. Unterstützt wird dies von einer tiefen und natürlichen Atmung.

Photo by Anita Ritenour

Photo by Anita Ritenour

Die Wolkenhände finden sich in (beinahe) jeder traditionellen Taiji-Form wieder, oftmals nicht nur ein Mal. Sie sind nach rechts und links ausführbar und je nach Stilart etwas unterschiedlich. Innerhalb der Form ist es manches Mal wie ein Innehalten und Ausruhen und die Wolkenhände können einem vor allem in langen Formen Anhaltspunkt dafür geben, wo man sich gerade in der Form befindet. Diese Bewegung gibt der Form durch ihren sich wiederholenden, beruhigenden Fluss gewissermaßen Struktur.

Wie in den meisten Taiji-Bewegungen so ist auch hier die Hüfte Ausgangspunkt und Triebfeder der Bewegungen und nicht die Arme oder Beine. Mit der Hüfte, die sich beim Yunshou hin und her bewegt, bewegen sich in der Folge auch Oberkörper, Arme und Beine. Die Hüfte bestimmt, an welchem Punkt man sich wieder zurück auf die andere Seite bewegt, und die Arme folgen der Hüftbewegung. So bewegt sich der Körper in Harmonie und die runden Bewegungen der Arme erinnern an ziehende Wolken – fließend, leicht und anmutig.

Im Yang-Stil werden die Füße bei Yunshou parallel, etwa im Abstand von 15-20 cm aufgesetzt, Wirbelsäule und Hüfte drehen auf horizontaler Ebene von einer zur anderen Seite, während man zu einer Seite hin einen Ausfallschritt macht und das zweite Bein nachfolgt. Bei den Wolkenhänden nach rechts, ist es das rechte Bein, das den seitlichen Ausfallschritt macht, und bei den Wolkenhänden nach links, führt das linke Bein den Ausfallschritt aus. Bei den Seitwärtsschritten im Yang-Stil werden die Füße mit den Zehen zuerst aufgesetzt und dann über den Fußballen auf den ganzen Fuß abgerollt. Hände und Arme führen kreisende Bewegungen aus, wobei die Handinnenfläche der oberen Hand nach innen zeigt. Die untere Hand folgt der oberen Hand nach als würde sie Wolken oder Nebelschwaden zur Seite schieben.

Von der Anwendung her können die kreisenden Armbewegungen bei einem Angriff von vorne nicht nur zur Abwehr dienen, vielmehr können sie mit Hilfe von drei essentiellen Taiji-Techniken (herbeiziehen), cai (entwurzeln) und tui (stoßen), den Gegner zu Fall bringen. Durch die seitliche Drehung der Hüfte bietet man dem Gegner wenig körperliche Angriffsfläche, gleichzeitig weicht man ihm so aus. Dabei reagiert man beispielsweise bei einem Angriff des Gegners mit dem rechten Arm mit einer Lü-Bewegung der linken Hand, der Oberkörper wird dabei gedreht und „schmal“ gemacht. Die rechte Hand unterstützt die Lü-Bewegung. Der Gegner möchte wahrscheinlich nicht nach links ins Leere laufen und hält dagegen, hier greift dann die rechte Yunshou-Hand schnell den rechten Ellenbogen des Gegners und führt eine Cai-Bewegung (Entwurzelung) aus. Schließlich wird der Gegner dann mit Hilfe der linken und unterstützt von der rechten Hand nach rechts weggeschoben (tui).

Im Chen-Stil ist das Yunshou dynamischer, die Stellungen sind tiefer, die Handflächen zeigen nach aussen (wie auch im Sun-Stil). Die Schritte werden manchmal überkreuzt aufgesetzt und folgen schnell und wendig aufeinander. Bei paralleler Schrittführung wird die Ferse zuerst aufgesetzt.

Im Neigong spricht man von den drei inneren Harmonien nei san he 内三合, die folgendermaßen ineinander übergehen: xin yu yi he 心与意合,yi yu qi he 意与气合,qi yu li he 气与力合。Das Herz, der Ursprung jeder Bewegung verbindet sich mit dem Bewusstsein, dieses mit dem Qi und das Qi mit der Kraft. Der Beginn dieser Kette der konzentrierten Aufmerksamkeit liegt in der inneren Stille nei jing 内静. Zusammen mit der inneren Bewegung nei dong 内动, dem inneren Qi 内气 und der inneren Kraft nei jin 内劲 bildet sie die Grundvoraussetzung des neigong 内功. Sun Jianguo hat zum Neigong einen Artikel verfasst, in dem er beschreibt, dass für die innere Stille Herz und Geist friedlich und still werden, sich die Gedanken auf die Bewegung ausrichten und sich Zufriedenheit einstellt. Der Geist lässt sich auf die Übung ein und der Körper wird dabei locker und ruhig. Die aufrechte Körperhaltung, gelockerte Schultern und entspannte Arme unterstützen diesen Vorgang (siehe Neigong – die „Innere Geschicklichkeit des Taijiquan birgt kein Geheimnis“, WenWu 1.2010).

Nicht immer gelingt es, diesen gesammelten und ruhigen Geisteszustand über die gesamte Form aufrecht zu erhalten. Der Geist bricht manchmal aus, schweift ab und die Bewegungen verlieren an Gehalt und Festigkeit. Die Wolkenhände können uns helfen, Körper und Geist wieder zusammenzubringen.

Der ruhende Blick ist dabei gleichzeitig ganz wach, die Aufmerksamkeit ist gleichermaßen nach innen und aussen gerichtet. So erkennt man einen wahren Taiji-Meister auch an seinem Blick und seinem Gesichtsausdruck – er ist mit seinem Körper, aber auch mit seiner Außenwelt verbunden, in sich ruhend und doch jederzeit bereit, auf einen Angriff zu reagieren.