Von Huang Kanghui

Für mich sind die Kampftechniken des traditionellen Taijiquan so etwas wie eine Schatzkarte.

Trainiert man beim Taijiquan sein Qi?

Das Qi zu trainieren ist wesentlicher Bestandteil traditioneller chinesischer Lebenspflege (yang sheng), die früher schon von Daoisten hoch geschätzt wurde. Taijiquan ist ein innerer Stil (neijiaquan), der auf dem Gedankengut des Yin und Yang beruht. Das Qi soll beim Üben des Taijiquan durch den ganzen Körper fließen, „wie eine Perle durch neunerlei Windungen rollen und bis in jeden noch so winzigen Bereich gelangen. “[1] Qi wird durch Gerades ernährt und nimmt dadurch keinen Schaden, Kraft wächst durch Windungen an und ist dadurch im Überfluss vorhanden.

Huang Kuanghui Copyright: Wushu-Akademie Schweiz

Huang Kuanghui
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Laut Hong Junsheng (1907-1996) hat die Taiji-Koryphäe Chen Fake (1887-1957) immer Wert auf die natürliche Atmung gelegt und gesagt: „Die Körperbewegungen sollen fließend und harmonisch sein und das Qi sollte sich überall natürlich und frei ausbreiten können“. Darum sollten wir beim Taijiquan das Qi nicht willentlich bewegen, sondern darauf achten, natürlich zu atmen. Durch beständiges Üben wird man dies erlernen. Wenn man das Gefühl hat, dass Kraft und Qi nicht ausreichen, müssen die Atemzüge tiefer werden. Wenn man Qi bewusst bewegt und die Koordination von Bewegung und Atmung erzwingt, wird der Qi-Fluss nicht gelingen, sondern man wird im Gegenteil das Qi sogar blockieren. Dies ist für das Üben nicht förderlich und kann sich sogar negativ auf den Körper auswirken.

Wie gelingen Lockerheit und Entspannung im Taijiquan?

Lockerheit ist beim Üben aller Stile des Taijiquan erforderlich. Sogar diejenigen, die schon sehr lange üben, werden immer wieder von ihren Lehrern darauf hingewiesen, lockerer und entspannter zu sein. Warum ist das notwendig und wie kann es gelingen?

Taijiquan ist eine Kunst, mit wenigen, geschickt angewandten Techniken viel zu bewegen und es wird viel Wert darauf gelegt, seine Kraft sparsam einzusetzen. „Der ganze Körper ist leicht und agil und alles ist miteinander verbunden.“

Dies und der präzise Einsatz von Kraft können während des Übens nur durch Lockerheit und Entspannung erreicht werden. Nur beim Üben in tiefer Gelöstheit kann der gegnerische Impuls erspürt und dann schnell umgeleitet werden.

Eine Redewendung in den Kampfkünsten besagt: „Lieber einen Stock schlagen als ein Seil.“ Lockerheit ist beim Taijiquan in Abwehr und Angriff von großer Bedeutung. So hat es Hong Jun im „Drei-Zeichen-Klassiker des Taijiquan“ aufgezeigt: „Jede einzelne Bewegung ist wie eine Spirale; sie soll rund, locker und entspannt sein.“ Auch Yang Chengfu fordert: „Der ganze Körper und alle Gelenke sollen natürlich und gelöst sein“.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es am besten ist, die Schüler zuerst Kraft einsetzen zu lassen, und wenn diese Kraft dann zurückgenommen wird, werden sich Lockerheit und Entspannung einstellen. Denn viele Übende sind am Anfang zu steif. Wie also können wir beim Üben locker sein? Auf keinen Fall dürfen wir überall gelockert sein, sonst könnten wir uns nicht aufrecht halten und würden auf den Boden fallen. Weil ich selbst aus dem Tuishou komme, betone ich beim Unterrichten von Taijiquan den Einsatz von Kraft. Wo wird die Kraft eingesetzt? An der Stelle, die locker werden soll, muss zuerst einmal Kraft eingesetzt werden. Danach erst wirst du dich darauf verstehen, locker zu lassen.

Wie wird Kraft eingesetzt? Der Akupunkturpunkt Baihui liegt am Scheitel. Bringt man seine Kraft zum Scheitel, richtet sich der Körper sichtbar auf und wird auf natürliche Weise ganz gerade. Dann wird das Qi sicherlich nach oben steigen und diese Kraft aufrechterhalten. Es ist wie bei einem Seil, das aufgehängt wird: sobald der Nacken aufgerichtet ist, kann vom Nacken abwärts alles entspannt sein bis hin zu den Fußgelenken.

Die Füße müssen mit Kraft auf dem Boden stehen, der Körper fühlt sich ganz gerade an, den Himmel stützend und im Boden verwurzelt, eine Säule, die nicht verbogen werden kann.

Allerdings – darauf muss unbedingt hingewiesen werden – darf der Kopf, nur weil der ganze Körper entspannt ist, nicht vor lauter Lockerheit und Entspannung nach unten hängen. Im Gegenteil: er muss erhoben werden, als wäre er an einem Faden im Himmel aufgehängt. Vom Nacken abwärts bis zu den Füßen ist aber alles locker.

Viele haben beim Üben von Taijiquan lockere und entspannte Hände. Meiner Meinung nach ist es bei den zahlreichen Handtechniken im Taijiquan, vor allem bei den acht Techniken so, dass die Hände nicht locker sein dürfen. Sind die Hände locker, kann die Kraft nicht hindurchgehen. Deshalb muss man bei der Handhaltung darauf achten, dass man zwar nicht die Kraft der Finger trainiert, die innere Kraft aber dennoch bewusst bis zu den Fingerspitzen durchlässt.

Wie können wir beim Training unsere Kniegelenke schützen und Verletzungen der Kniegelenke vermeiden?

Verletzungen der Kniegelenke kommen verglichen mit anderen Sportarten relativ selten vor. Jedoch fangen die meisten Menschen erst im mittleren oder höheren Alter mit dem Taijiquan an. Und im Alter lassen viele körperliche Funktionen nach und selbst Menschen, die kein Taijiquan machen, können Knieprobleme bekommen. Im Taijiquan gibt es Möglichkeiten, die Knie beim Training zu schützen. Diese sind vielleicht nicht wissenschaftlich erwiesen, jedoch habe ich sie seit vielen Jahren durchgehend angewandt. Es sind sehr einfache und gute Methoden, die ich an dieser Stelle gerne mit meiner Leserschaft teilen möchte.

An kalten Tagen müssen die Knie geschützt und warm gehalten werden. Dazu sollte man warme Kleidung tragen und sich Methoden aneignen, knieschonend zu trainieren. Die meisten Menschen beginnen mit dem Training, ohne sich vorher aufzuwärmen, sie kommen und fangen sofort an. Dabei sind ihre Knie noch kalt und müssen erst aufgewärmt werden. Zum Aufwärmen sollte man die Hände erst aneinander reiben und dann über die Knie streichen und von oben nach unten leicht massieren. Man arbeitet sich dabei langsam von innen nach außen vor und erwärmt so die Gelenkflüssigkeit. So kann man Knieverletzungen vorbeugen. Beginnt man nun mit dem Training, sollte man darauf achten, die Bewegungen korrekt auszuführen. Knie und Fußspitze sollten immer in dieselbe Richtung zeigen und kniende Positionen vermieden werden. Außerdem sollte das gebeugte Knie beim Schritt nicht über die Fußspitze hinauszeigen.

Taijiquan sollte schrittweise erlernt werden. Nicht jeder muss gleich zu Beginn in tiefe Stellungen gehen, besonders wenn er noch nicht so kräftig oder etwas älter ist. Ältere und weniger trainierte Menschen sollten nicht so tief gehen und nur gut Trainierte und Gesunde sollten die Übungen in tiefer Position machen. Sind die Knie einmal verschlissen, ist dieser Prozess nicht mehr rückgängig zu machen. Daher sollte man beim Training unbedingt darauf achten, wenige Drehbewegungen zu machen oder auf Drehbewegungen sogar ganz zu verzichten.

Sollte man, wenn man Taijiquan trainiert, auch Tuishou üben?

„Die Faust benutzt man zum Schlagen“. Jede Kampfkunst existiert, um genutzt zu werden; der Wert von Offensive und Defensive steht an erster Stelle und die Stärkung des Körpers ist nur ein Nebeneffekt. Heute üben wir beim Taijiquan vor allem die Formen; Tuishou wird selten gelernt. Laut Hong Yunsheng ist Tuishou eine Technik, um zu überprüfen, ob man die Formen richtig trainiert oder nicht. Selbst im hohen Alter von über achtzig Jahren praktizierte der Meister noch gerne Tuishou. Deswegen muss man, wenn man sein Niveau im Taijiquan steigern möchte, unbedingt Tuishou üben, egal ob horizontales Kreisen, vertikales Kreisen oder die vier Grundtechniken peng (flexibler Kraftwiderstand), (herbeiziehen), ji (wegdrücken), an (nach unten ableiten/drücken). Denn nur so erfährt man die Kraft seines Gegenübers und legt so das Fundament für die praktische Anwendung des Taijiquan. Nur für sich selbst sein Taijiquan zu verfeinern, ist nicht dasselbe: Wie kann man für sich alleine ermessen, wie stark die eigene Peng-Bewegung ist, wieviel Kraft man im realen Kampf aufwenden soll, wie weit sie gehen muss oder ob sie sich nach innen oder nach außen richtet? Das alles erfährt und standardisiert man nur im realen Kampf.

Die Wettkampfformen haben formelle Regeln, doch wie legt man Vorschriften für die traditionellen Kampfkunstformen fest? Man kann nur dann Vorschriften für die Bewegungen machen, wenn man sich an den Methoden eines realen Kampfes orientiert; sonst wird das Üben von Taijiquan hohl. Unabhängig davon, ob Tuishou als ganz realer Kampf oder im gegenseitigen Austausch geübt wird, es ermöglicht einem, die eigenen Fähigkeiten zu erfahren. Diese Erfahrung können wir in vielen Bereichen machen: man muss den Anderen nicht unbedingt im Kampf besiegen, sondern im Taijiquan ist es auch sehr wichtig, dass man in der Lage ist, dem Gegenüber wirklich zu folgen. Wenn man Taijiquan trainiert, sollte man unbedingt auch etwas Tuishou üben; umgekehrt sollte man, wenn man Tuishou geübt hat, wieder Taijiquan trainieren, denn es vervollständigt den eigenen Übungsprozess.

Aus dem Blickwinkel der Weitergabe und Verbreitung der Taijiquan-Kultur gesprochen ist es unbedingt erforderlich, die Entwicklung mittels gründlicher Erforschung der Formen, Üben von Tuishou und vollständiger Vermittlung und Entfaltung der Techniken des Taijiquan zu fördern; auch ist dies eine wirksame Methode, um zu verhindern, dass aus Taijiquan eine seelenlose Hülle wird. Ich fordere meine Schüler, egal ob Männer oder Frauen, dazu auf, unbedingt Tuishou zu trainieren.

Welche Verbindung besteht zwischen Taiji-Formen und Tuishou?

Früher war man stets der Auffassung, Tuishou sollte man erst beginnen, wenn man bereits in einer Taiji-Form geübt wäre. Eine solche Form galt dabei als eine Verbindung von Theorie und Praxis, d.h. man übte eine Form, um die grundlegenden Techniken nicht zu vergessen.

Die Taiji-Formen wurden uns überliefert und es stellt sich die Frage, was genau und warum es uns überliefert wurde. Später kam zum Unterricht der Formen das Üben der Selbstverteidigungsbewegungen (chai zhao 拆招) mit einem kämpferischen Gegenpart hinzu: Hier geht es darum, dass der Lehrer die Bewegungen des Gegners übernimmt, nachdem der Schüler eine Taiji-Form gelernt hat. Nur durch diese Übung wird der Schüler sein Gongfu entwickeln und die Methodik der Form verstehen. Denn nur wenn man in der Lage ist, eine Form im Zusammenspiel mit dem Gegner zu denken, kann man ein definitives Gongfu erlangen.

Für mich sind die Kampftechniken des traditionellen Taijiquan so etwas wie eine Schatzkarte. Wenn du sie verstehen willst, musst du wissen, dass jede Bewegung einen praktischen Wert hat.

Was ist der Unterschied zwischen traditionellem und modernem Tuishou?

Wie sieht traditionelles Tuishou aus? Welcher Methoden bedient es sich? Über diese Fragen sollten wir immer wieder nachdenken. Im traditionellen Tuishou geht es weniger um Gewinnen oder Verlieren, sondern hauptsächlich um den Austausch. Bei dieser Art von Austausch gibt es nicht viel Widerstand oder Kräftemessen. Wir sollten folgendes unterscheiden: Die Methoden des traditionellen Tuishou sind vergleichsweise vielfältig, denn man kann Greiftechniken, einfache Schlag- und Wurftechniken verwenden, die man im modernen Tuishou nicht anwenden darf. Das ganz moderne, athletische Tuishou unterscheidet sich aber auch von dem modernen Sport-Tuishou von früher. Über die Unterschiede wird gestritten, denn manche sagen, es ist wie wenn zwei Stiere zusammenstoßen und keiner von beiden nachgibt. Andere sagen, es ist wie eine Art Pankration (bei der es darum geht den Gegner zu Fall zubringen), wieder andere sagen, es ist wie Sumo-Ringen – die Meinungen gehen hier auseinander.

Kann das wahre Sport-Tuishou Taijiquan beleben? Und wie kann eine Harmonie zwischen dem modernen Sport-Tuishou und dem traditionellen Tuishou hergestellt werden? Und welche Vorteile hat dieses moderne Tuishou für die Entwicklung des Taijiquan? Ich bin der Meinung, wenn es dafür eine Plattform gibt (d.h. Diskussionen stattfinden und sich die Leute austauschen), dann kann es Taijiquan noch reichhaltiger machen und einer Eintönigkeit entgegenwirken. Es kann auch zu einer Faustkampfform werden, die sowohl der Gesundheit dient, als auch im sportlichen Wettkampf bestehen kann. Und wenn man dann von Taijiquan spricht, werden die Leute dabei nicht wieder nur missverständlicher Weise an eine Sportart für alte Leute denken.

Wenn sich das sportliche moderne Tuishou sehr gut weiterentwickelt, kann es Taijiquan auf jeden Fall beleben. Alle können sich auf einer Plattform austauschen und mit Sicherheit kann es helfen, die Techniken auf ein höheres Niveau zu heben. Das moderne Sport-Tuishou wird die Entwicklung des Taijiquan auf jeden Fall nach vorne bringen und ist ein Anstoß dafür, die Taiji-Techniken und ihre Anwendung in der Praxis weiter zu verbessern.

Wie steht es derzeit um das Wettkampf-Tuishou?

Dem Wettkampf-Tuishou wurde in den letzten Jahren in China große Bedeutung beigemessen und es wurden nicht wenige Anstrengungen unternommen, diese Sportart populärer zu machen. Zum einen wollte man eine chinesische Tradition weiterführen, zum anderen wollte man bewirken, dass Taijiquan in die Reihe der olympischen Disziplinen aufgenommen wird und die chinesischen Kampfkünste so eine stärkere Verbreitung finden. Ich hatte das Glück, bei dieser Arbeit mitzuwirken. Dabei hatte ich wichtige Aufgaben wie die Ausarbeitung eines Tuishou-Regelwerks und die Planung von Wettkämpfen. Zudem leitete ich das Tuishou-Team der Pekinger Sportuniversität, welches beim diesjährigen ersten nationalen Wettkampf im traditionellen Wushu sehr gute Ergebnisse erzielte. Ich widmete mich einer Vielzahl von schwierigen Fragen, wie etwa der Analyse und Erklärung von ‚ding niu‘ (顶牛), einem Bild, bei dem zwei Stiere zusammenstoßen und keiner von beiden nachgibt, oder Methoden zur Vermeidung unnötiger Verletzungen sowie der Aktualisierung derzeit geltender Wettkampfregeln. Beispielsweise wurde geregelt, dass es nicht erlaubt sein sollte, den Gegner unter der Achsel zu fassen, ihn von der Wettkampffläche zu stoßen oder ihn umzuwerfen usw. Betrachtet man die gegenwärtigen Verhältnisse, so ist die Resonanz sehr gut und man kann sehr zuversichtlich sein, dass das Wettkampf-Tuishou eine Zukunft hat. Ich hoffe, dass sich diejenigen, die sich für Taijiquan begeistern, vermehrt auch für das Wettkampf-Tuishou interessieren und ihm Aufmerksamkeit widmen. Gemeinsam werden wir so einen Beitrag leisten, das Taijiquan im positiven Sinne voranzubringen und dessen kulturelles Erbe zu verbreiten.

Übersetzt von der WenWu-Redaktion

Huang Kanghui 黄康辉 wurde 1966 in Jinan, Shandong geboren und studierte an der Sportuniversität in Beijing (北京体育大学, 武术系), wo er derzeit eine Professur innehat. Bei diversen nationalen Wettkämpfen im Taiji-Schwert, Chen-Stil Taijiquan und Wu-Stil hat er mehrmals Medaillen gewonnen. Für seine Leistungen im Tuishou wurde er zwischen 1986 und 1996 achtmal mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.

[1]王宗岳在太极拳行功论.