von Andrea Stocken

Meng Haoran gehört zu den „großen“ Dichtern der Tang-Zeit (618-907 n.Chr.). Er lebte von 689/691 bis 740 und stammte aus Xiangyang im heutigen Hubei. Erst drei Jahre vor seinem Tod bekam er ein Amt, das er jedoch nur ein Jahr lang ausübte. 15 seiner 218 erhaltenen Gedichte finden sich in der berühmten Sammlung „300 Tang-Gedichte“.

In den folgenden sieben Gedichten offenbart sich Meng Haorans Ambivalenz: Großartige Naturschilderungen (Blick vom Pengli-See auf den Lu-Berg) wechseln sich ab mit banalem „Postkartenkitsch“ (Besteigung des Xianshou-Berges), manchmal beklagt sich der Dichter, dass er kein Amt hat und auch kein Geld, um als Privatier zu leben, dann wieder halten ihn seine Amtsgeschäfte davon ab, das ideale Leben eines Einsiedlers zu führen bzw. seine Zeit mit Freunden und Gleichgesinnten zu verbringen.

Die Gedichte sind, wie in China über viele Jahrhunderte hinweg üblich, nicht datiert und somit auch in keine oder allenfalls in eine vage chronologische Reihenfolge zu bringen.




Blick vom Pengli-See auf den Lu-Berg

Am Himmel leuchtet hell der Mond, das Boot treibt mit dem Wind.
Ich liege auf der Matte, auf die Dämm’rung wartend, Nebelschwaden wabern überm See.
Aus dem Wasser erhebt sich schroff der Berg,
erhabener als alle anderen an den neun Flüssen.
Tiefschwarz vor dunkelblau zeichnen sich
die Klippen vor dem Morgenhimmel ab.
Wie aus einem Räucherofen steigt die Sonne empor,
Wasser stürzt als Regenbogen in die Tiefe.
Schon lange wollte ich es Herrn Shang gleichtun,
um wieviel mehr muss ich nun an Herrn Yuan denken!
Meine Amtspflichten schränken mich ein,
mir bleibt keine Zeit, diesen schwachen Körper auszuruh’n.
Ich habe kaum die Hälfte des Weges nach Huaihai zurückgelegt,
ein ganzes Jahr – ach, wenn es doch vorüber wäre! – muss ich mich den Elementen aussetzen.
Mit Worten gebe ich mich schon als Felswand-Bewohner,
doch erst, wenn ich alles hinter mir lasse, werde ich es jenen gleichtun können.

Der Berg Lu galt den Chinesen über Jahrhunderte hinweg als Ort, an dem Unsterbliche wohnen. Es gibt verschiedene Theorien, wie der Berg zu seinem Namen kam: Das Schriftzeichen lu heißt „Hütte“, ist aber auch ein Familienname. Das lässt sowohl die Interpretation zu, dass von daoistischen Einsiedlern, die zu Unsterblichen wurden, nur noch ihre Klause zurückblieb, als auch jene Deutung, dass der Name auf Kuang Su zurückgeht, der um der Verdienste seines Vaters willen zum Fürsten von Yuelu ernannt wurde, sich aber wegen seiner daoistischen Neigungen dieser Ehrung und dem Leben bei Hofe entziehen wollte. Er soll sich deswegen auf dem bewussten Berg angesiedelt haben, der dann später nach dem angenommenen Familiennamen Lu „Lu-Berg“ (oder manchmal auch „Kuang-Berg“ = „schroffer Berg“) genannt wurde. Die einfachste Theorie ist jedoch, dass der Berg, wie er sich in der Landschaft erhebt, wie eine Hütte aussieht.

Foto: Heinrich Hussmann

„Pengli-See“ ist ein anderer Name für den Poyang-See, Die genannte Stadt Huaihai ist das heutige Yangzhou und der „Räucherofen“ der Name eines weiteren Berges.
„Herr Shang“ lebte der Geschichte der Späteren Han zufolge mit seiner Familie ein zurückgezogenes Leben, bekleidete kein Amt und verschwand schließlich, als er mit einem guten Freund berühmte Berge besuchte. „Herr Yuan“ wiederum ist der buddhistische Mönch Shi Huiyuan (334 – 416 n.Chr.), der zunächst auf einem anderen Berg eine Klause errichten wollte, sich dann aber für den Berg Lu entschied. Später wurde für ihn am Berg Lu der Tempel „Östlicher Wald“ errichtet. Meng Haoran beklagt, dass seine Amtstätigkeit ihn davon abhält, seinem eigentlichen Wunsch zu folgen – so zu leben wie „Herr Shang“ oder „Herr Yuan“.




Herbstgefühle in Qin – Für den Erhabenen Yuan

Auf einem Hügel wollt ich immer meine Klause errichten,
doch selbst für das kleinste Anwesen fehlte mir leider das Geld.
Die nördlichen Gefilde waren nie mein Wunsch,
ich vermisse meinen Lehrer vom Östlichen Wald.
Die Lebensumstände hier sind karg,
meine Stärke schwindet mit den Jahren.
Die Sonne sinkt, es weht ein kühler Wind;
der Gesang der Zikaden verstärkt nur meine Melancholie.

Meng Haoran hat ein Amt inne, sehnt sich aber in die Zeit zurück, als er keines hatte; er würde sich gerne mit (Shi) Huiyuan austauschen, den er respektvoll seinen Lehrer nennt. Dieses Gefühl der Nähe über die Jahrhunderte hinweg mag sich auch daraus speisen, dass der berühmte Mönch zwölf Jahre in Xiangyang, der Heimat Meng Haorans, lebte.




Blick auf den Dongting-See – Ein Geschenk für Kanzler Zhang

Im August schließt der See an den Himmel an,
ihn spiegelnd werden beide eins.
Dampf steigt auf über den Marschen von Yun und Meng,
die Wellen schlagen gegen die Mauern von Yueyang.
Ich möchte übersetzen, aber es gibt kein Boot,
ich lebe so zurückgezogen, dass ich den illustren Altvorderen Schande bereite.
Derjenige, der dasitzt und beim Angeln zusieht,
verzehrt sich umsonst nach Fisch.

Durchschaubares Manöver: Meng widmet einem hohen Würdenträger ein Gedicht, in dem er davon spricht, er benötige ein Boot, um den Fluss zu überqueren. Das Bild vom Angler verweist auf Taigongwang (Jiang Ziya, 11.Jh.v.Chr.), den König Wen von Zhou als Berater entdeckt haben soll, als der beim Angeln am Fluss saß. Angeblich war an der Leine gar kein Haken, d.h. Taigongwang hatte sich nur in Position gesetzt, um „entdeckt“ zu werden. Meng Haoran will sich nun gar nicht direkt mit dem mythologischen Vorbild vergleichen – schließlich „schaut er ja nur beim Angeln zu“ – bittet so aber doch ziemlich unverhohlen um Förderung und Protektion.

Foto: Heinrich Hussmann






Für meine alten Weggefährten in Guangling,
während ich am Tonglu-Fluss übernachte

Im Schatten der Berge höre ich die Gibbons melancholisch rufen;
rasch fließt der dunkle Fluss durch die Nacht.
Der Wind lässt die Blätter an beiden Ufern rascheln,
der Mond bescheint mein einsames Boot.
Jiande ist nicht meine Heimat,
in Weiyang fehlen mir die alten Weggefährten.
Bei der Rückkehr werde ich meine beiden Tränenströme
mit dem Fluss den weiten Weg ostwärts schicken bis ans Meer.

Fern von der Heimat plus eine Prise Exotik (Gibbons!) – es bleibt unklar, ob Meng wegen einer Amtstätigkeit unterwegs ist oder um sich einen abgeschiedenen Ort fürs Einsiedlerdasein zu suchen bzw. ob er schlichtweg als Tourist landschaftlich beeindruckende Gegenden durchreist.

Foto: Caroline Roblitschka






Früher Frost

Die Bäume werfen ihre Blätter ab, die Gänse zieh’n gen Süden;
der Nordwind kommt, der Fluss friert zu.
Mein Haus liegt in einer Biegung des Xiangshui,
weit entfernt von den sich türmenden Wolken in Chu.
Meine Tränen um die Heimat sind hier unter Fremden versiegt;
am Horizont sind Segel von Schiffen zu sehen, die heimwärts fahren.
Ich finde keine Furt, möchte fragen –
im Abendlicht dehnt sich vor mir der Fluss wie ein Meer.

Hier gibt es nicht mal mehr ein Gegenüber, das um Unterstützung gebeten werden könnte – Meng scheint alleine, fern von Freunden und Heimat, aber auch fern von einem Amt oder irgendjemandem, der ihm eines verschaffen könnte.

Foto: Caroline Roblitschka






Ich bin allein – wie könnte es auch anders sein?

Jeden Morgen kehre ich unverrichteter Dinge zurück.
Ich wollte mich auf die Suche nach duftenden Gräsern machen,
dabei habe ich leider meinen alten Freund verpasst.
Aber wer ein Amt bekleidet, hat ohnehin keine Zeit für private Treffen;
ach, auf der Welt gibt es so Wenige, die einander ohne Worte versteh’n!
Mir bleibt nur, in Stille und Einsamkeit zu verharren,
heimzukehren und die Reisigtür des alten Gartens zu schließen.

Sehnsucht nach einem Freund, einem Dichterkollegen und Gleichgesinnten, mit dem man sich wortlos versteht – aber sie leben in verschiedenen Welten und „können zueinander nicht kommen“: Der Freund hat offenbar ein Amt inne und daher keine Zeit, private Kontakte zu pflegen, Meng dagegen lebt in einer „bescheidenen Hütte“ und hat keinen Zutritt zur Sphäre der Amtsträger.






Bei der Besteigung des Xianshou-Berges
zusammen mit den anderen Herren

Die Taten der Menschen, Generation um
Generation bilden Geschichte;
an Strömen und Bergen sind ihnen Denkmäler gesetzt.
Meine Zeitgenossen und ich steigen nun wieder hinan, um [eines davon] aufzusuchen.
Yuliang ist hinter einem Regenschleier nur vage zu erkennen,
überm Marschland von Meng kann man in der kalten Luft bis in die Ferne seh’n.
Die Stele für Herzog Yang steht noch –
nachdem ich die Inschrift gelesen habe, ist mein Kragen tränenfeucht.

Dieses Gedicht wirkt sehr klischeehaft: Meng besucht zusammen mit Anderen eine berühmte Sehenswürdigkeit in der Nähe der Stadt Xiangyang, die Stele für Herzog Yang. Yang Hu, Stratege, Politiker und Literat, soll sich in so vorbildlicher Weise um das Wohl der Bevölkerung verdient gemacht haben, dass ihm im Jahre 278 westlicher Zeitrechnung dieses Denkmal samt Inschrift errichtet wurde. In den Beschreibungen wird weiterhin ausgeführt, dass spätere Besucher beim Lesen dieser Inschrift stets so gerührt waren, dass ihnen die Tränen kamen – Meng erfüllt also nur, was hier erwartet wird. Bei ihm mag sich zusätzlich noch Selbstmitleid hineinmischen, dass er kein Amt und somit nicht die Möglichkeit hat, derartige Werke zu vollbringen, die ihm Nachruhm über viele Generationen sichern könnten.

Andererseits wird Meng Haoran durchaus bewusst gewesen sein, dass Worte eine größere Reichweite und längere Lebensdauer haben können als ein steinernes Monument. Tatsächlich wurde die Stele im Laufe der Jahrhunderte mehrfach zerstört und wieder errichtet (zuletzt 1982). Wie dem auch sein mag, mitten im Gedicht finden sich zwei großartige, den Blick auf die Landschaft skizzierende Verse: „Wasser fällt, Yuliang seicht; Himmel kalt, Meng-Marsch tief.“