Von Heike Kraemer

Die Ausstellung Ai Weiwei – Evidence ist noch bis zum 7. Juli im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen.
Ai Weiweis Arbeiten in dieser Ausstellung können als ästhetische Objekte wahrgenommen werden. Eine Halle voller hölzerner runder Hocker, die eine zweite Bodenebene mit ganz eigenem Muster bilden, und unter der die Beine der Hocker ein dichtes Stangengewirr formen. Verbogene Betonarmierungen aus Marmor, einfache Plastikkleiderbügel nachgebaut aus Bergkristall, Handschellen aus Jade, eine dreidimensional kartographisch schematisierte Inselgruppe aus Marmor, Flusskrebse aus Porzellan. Allerdings sind die Werke im Westen kaum zu verstehen ohne die Erklärungen und das Hintergrundwissen, das auf Texttafeln gegeben wird. Die politische Interpretation wird in den Texten gleich mitgeliefert und kann überall nachgelesen werden.

Vasen aus der Han-Dynastie (202 v. Chr. – 220 n. Chr.) und Autolack, ® Ai Weiwei

Vasen aus der Han-Dynastie (202 v. Chr. – 220 n. Chr.) und Autolack, ® Ai Weiwei


Künstlerisch sei das dann, wie Elke Buhr im Magazin monopol schreibt „brachialer Mainstream“. Das ist sicher teilweise richtig und vermutlich Absicht. Aber es ist auch das Problem einer Kunst, deren Bedeutung übersetzt werden muss. Die Lektüre der Übersetzungen lässt dann kaum noch Raum für größere Assoziationsräume bei der Betrachtung. „Ah, Flusskrebs (hexie 河蟹) ist gleichlautend mit der von der chinesischen Regierung propagierten Harmonie (hexie 和谐). Eine politische Anspielung in Porzellan.“ – Das war es dann. Dem Künstler Ai Weiwei sei zu wünschen, dass er sich von seiner eigenen Biografie lösen könne, so Elke Buhr in ihrem Fazit zur Ausstellung in Berlin. Aber dieser Wunsch ist nur sinnvoll, wenn Ai Weiweis Arbeiten lediglich als Umsetzung seiner Lebens- und Erfahrungswelt als Regimekritiker gelesen werden.
Ai Weiwei wird diesen Wunsch wohl so nicht erfüllen können, denn seine Person und seine Geschichte im Kontext der jüngeren chinesischen Geschichte und Kunstgeschichte sind ein unverzichtbarer Teil seiner Arbeiten. Ai Weiwei ist ja nicht nur personifizierter Gegenpol zu all dem, was er kritisiert, sondern er ist Teil davon. In seinen Arbeiten und in seiner Selbstinszenierung beschreibt er genau diese Ambivalenz. Er beschäftigt sich mit Werten, mit moralischen Werten, mit dem Wert von Materialien, von Traditionen, von Altem, von Neuem, von Kunst, und sogar mit dem „Wert“ von Restriktionen.
Er zerstört antike Vasen mit Autolack. Eine Respektlosigkeit, die die Respektlosigkeit an sich abbilden kann, fragwürdige Prioritätensetzungen in individuellem Konsum, in Kultur- und Wirtschaftspolitik, und nicht nur die Zerstörung von Altem in China.
Die Restriktionen, denen Ai Weiwei ausgesetzt ist, nutzt er als Thema in seiner Kunst, die ihn als verfolgter Regimekritiker im Westen noch berühmter werden lässt. Die Handschellen aus Jade zeigen auch den Wert, um nicht zu sagen „Profit“, den er als Künstler aus seiner Inhaftierung ziehen kann. Eine trotzige Geste, die das Leid, das er durch Inhaftierung und Überwachung ertragen muss, zu seinem Nutzen umwandelt.
Nicht nur Ai Weiweis Arbeiten, sondern auch er selbst als Person und Künstler spiegeln Gesellschaften und Individuen, die Profit und Eigeninteressen oftmals über Moral stellen und überhaupt moralisch orientierungslos sind. Nach Kräften setzt er die Spielregeln der Gesellschaft – in seinem Fall der chinesischen und der westlichen –, der Politik und der Kunst zu ihrem eigenen Nutzen ein. Dabei ist Ai Weiwei kein Zyniker. Er inszeniert sich als Spieler auf chinesischem und auf internationalem Parkett und leidet zugleich glaubwürdig unter den Umständen, in denen diese Spiele ausgetragen werden müssen.
Ai Weiwei wird beschützt, und es ist mehr als wahrscheinlich, davon auszugehen, dass seine Beschützer nicht nur im Westen zu suchen sind. Dennoch pokert er hoch. An seinem Beispiel, und an dem Beispiel seines persönlichen und künstlerischen Engagements – etwa für die Aufklärung der im Namen der Erdbebenopfer in Sichuan –, zeigt er Unrecht und moralische Krisen auf. Nicht Ai Weiwei muss sich von seiner Biografie lösen, sondern die Gesellschaft und die Politik, die er spiegelt und kritisiert, müssen geändert werden. Dann kann man gespannt auf seine folgenden künstlerischen Arbeiten sein.
Bis dahin lohnt es sich, die Arbeiten in Berlin genauer anzusehen. Informationen hier.