Von Irmgard Enzinger

Ein berühmter Schatz der Lebenspflege sind die so genannten Acht Brokat-Übungen Baduanjin 八段锦, wörtlich „Achtteiliger Brokat“. Diese Übungen sind, so sagt ihr Name, schön und edel wie ein aus Seiden-, Gold- und Silberfäden gewebter Stoff, der, wenn man ihn entrollt, seine Eleganz in acht verschiedenen Abschnitten entfaltet. Dabei besteht diese Eleganz nicht in einer besonderen Komplexität der Bewegungen, nicht in gekonnten Verschnörkelungen, sondern in ihrer überzeugenden Schlichtheit.

Man kann diese Übungen zwanzig oder dreißig Minuten lang machen, aber auch schon zehn Minuten sind effektiv. Sie sind leicht zu erlernen, auch der Anfänger erfährt wohltuende Wirkungen auf Körper und Geist. Wer sie aber über längere Zeit regelmäßig praktiziert, wird sie auch als kostbar wie Brokat bezeichnen.

Es ist berührend zu hören, wie alt diese Übungen offenbar sind. Von „Acht Brokat-Übungen“ ist bereits in einem Werk die Rede, das dem legendären daoistischen „Meister des Zauberschwerts“ Xu Sun 许逊 (239 –374) zugeschriebenen wird – auch wenn nicht geklärt werden kann, ob dieses Werk wirklich so alt und seine Zuschreibung an Xu Sun richtig ist. Zumindest einzelne Brokat-Übungen reichen aber als Bewegungsformen historisch noch weiter zurück. Unter den berühmten auf Seide gemalten Darstellungen von Lebenspflegeübungen Daoyintu 导引图, gefunden in dem auf 168 v.Chr. datierten Mawangdui-Grab Nr. 3, finden sich drei Abbildungen, die wie drei der Acht Brokat-Übungen im Stehen aussehen.

daoyintu

In ihrer langen Geschichte haben die Acht Brokate freilich manche Entwicklungen und Diversifizierungen erfahren. Es entspricht der chinesischen Geistestradition, eine solch verwirrende Vielfalt zu klassifizieren, sie in eine stimmige Ordnung zu bringen. Da gibt es beispielsweise Übungsfolgen, die im Stehen, und solche, die im Sitzen geübt werden. Elemente der sitzenden Acht Brokate – wie z.B. das bewusste Schlucken von Speichel – geben Anlass, sie als „inneren“ Stil im Gegensatz zu den „äußeren“ Acht Brokate im Stehen zu klassifizieren. Vielleicht sind diese Unterscheidung aber letztlich nicht so wichtig, da in jeglicher Form von Lebenspflege – wie im gesamten Wushu – Innen und Außen gleichermaßen von Bedeutung sind, einander unterstützen und hervorbringen. In der Tradition gelten die Acht Brokat-Übungen im Sitzen als innerlich, weich, südlich und kultiviert (wen 文), während sie im Stehen äußerlich, hart, nördlich und kriegerisch (wu 武) sind; es ist hier auch von einer Differenz zwischen „harter“ buddhistischer und „weicher“ daoistischer Praxis die Rede.

Diese gegensätzlichen Aspekte lassen sich aber auch innerhalb dieser beiden Varianten finden. Durchforstet man das Weltweite Netz nach Videos der Acht Brokat-Übungen im Stehen, so zeigen sich hier wiederum einerseits Übungsstile, die eher daoistisch, südlich und weich wirken, und andere, die sich sportlicher, nördlicher und härter darstellen. In der Praxis bieten diese Varianten der Acht Brokat-Übungen die Möglichkeit in der Vielfalt das für sich selbst Geeignete zu finden. Etwa erscheinen der 6. und der 8. Übungsabschnitt oft in ausgetauschter Reihenfolge – beides mag seine Begründung haben, und wir können ausprobieren, was uns selbst physiologischer oder angenehmer erscheint.

Dass wir unseren Lesern zunächst die Acht Brokat-Übungen im Stehen ans Herz legen, liegt an der Erfahrung, dass ihre „äußere“ Wirksamkeit auf Muskeln, Sehnen und Knochen und die Stabilität im Stehen unter den Bedingungen des modernen Alltagslebens von besonderem Wert ist. Gerade bei einer Neigung zu Rückenschmerzen leistet die Kräftigung der Beinmuskulatur in Verbindung mit der Bewegung der Wirbelsäule spürbare Dienste.

Die WenWu-Zeitschrift hat bereits in ihrer ersten Print-Ausgabe eine Beschreibung und Übungsanleitung der Acht Brokat-Übungen veröffentlicht: Diese stellen wir hier als pdf zur Verfügung.

Die beiden folgenden Videos zeigen jeweils eine Abfolge der Acht Brokat-Übungen im Stehen.

Das erste stellt eine eher sportliche, „nördliche“ Variante dar; der für das chinesische Staatsfernsehen produzierte Film eignet sich zum Mit-Üben und entführt dabei im magischen Flug zu einer Reihe natürlich-kultureller Kraftorte in China.

Das „Daoistische Baduanjin“ im zweiten Video hingegen lädt in einen daoistischen Tempelhof zum Üben ein. Die Bewegungen der Daoistin sind weniger sportlich, erscheinen aber weicher und feiner. In ihrer spürbaren Effektivität sind sie gleichwohl sehr überzeugend.

Literaturempfehlung:
Die beste und ausführlichste Darstellung der Acht Brokat-Übungen in deutscher Sprache stammt vom inzwischen leider verstorbenen Meister Jiao Guorui 焦郭瑞 (1923-1997): Die 8 Brokatübungen. Bewegung und Ruhe. Hier finden sich auch detaillierte Ausführungen zu ihrer Geschichte. Das Buch ist 1996 in der Medizinisch-Literarischen Verlagsgesellschaft Kulmbach erschienen und erlebt bereits seine 7. Auflage.